KRÖSWANG Akademie beleuchtet Food Design
Warum sehen Lebensmittel so aus wie sie aussehen? Diese Frage beantwortete Designer, Autor, Architekt und Berater Martin Hablesreiter im Rahmen der 11. KRÖSWANG Akademie am 22. und 23. November. Über 70 KRÖSWANG Kunden verfolgten den hoch spannenden Vortrag über Hauptziele und Hintergründe von Food Design.
Zu Beginn seines Vortrages unterstrich Martin Hablesreiter die Bedeutung des Themas Food Design, denn das Bedürfnis Nahrung zu gestalten ist so alt wie die Zivilisation. Egal ob Früchte, Getreide oder Fleisch: Wir zerschneiden, kochen, verrühren und kombinieren Grundprodukte, bevor wir sie essen und betätigen uns somit seit jeher als Food Designer. Und: Heute sind nahezu alle erhältlichen Lebensmittel bewusst gestaltet. Wir verschränken Teig zu Bageln oder Brezeln und biegen ihn zu sichelförmigen Croissants. Wir formen Käse zu zylindrischen Laiben und gießen Schokolade in eckige Tafeln, wir schneiden Fisch in geometrische Klötze und extrudieren Maismehlbrei zu Erdnusslocken.
Die Form unserer Lebensmittel wird in hohem Maße von unseren Sinnen beeinflusst, wie Martin Hablesreiter darlegte. Schließlich will man ein Gericht nicht nur schmecken, sondern mit allen Sinnen wahrnehmen. Weil die Zunge mit ihren fünf Geschmacksrichtungen ein vergleichsweise schlichtes Organ ist, kommt beim Essen den anderen Sinnen eine extrem hohe Bedeutung zu. Zum Beispiel dem Geruchssinn , unsere Nase kann 278 Gerüche unterscheiden und ist für unser Geschmacksempfinden äußerst wichtig – spätestens beim nächsten Schnupfen kann man überprüfen, wie ein Essen ohne Geruchssinn schmeckt. Ganz wesentlich ist auch wie sich eine Speise im Mund anfühlt, allein 60% unseres Geschmacksempfindens macht die Konsistenz aus. Natürlich spielt auch die Optik von Speisen eine große Rolle, so werden etwa mehrfärbige Speisen unbewusst als gesund und ausgewogen wahrgenommen, genau so wie rote Lebensmittel in der Regel bevorzugt werden. Schließlich spielt auch das Geräusch eine Rolle beim Food Design, darum schmecken uns auch Frankfurter Würstchen, die beim Reinbeissen laut krachen besser als Würstchen die kaum ein Bissgeräusch von sich geben.
Nach dem Einfluss unserer Sinne beleuchtete Martin Hablesreiter die funktionalen Aspekte von Essen. Schließlich sehen viele Lebensmittel so aus wie sie aussehen, damit sie lange haltbar bleiben, damit sie sich effizient herstellen oder sich einfach und kostengünstig transportieren lassen. Die Verzehrsituation spielt ebenfalls eine Rolle, denn nicht immer sitzen wir beim Essen am Tisch, sondern verzehren diverse Speisen am Sofa, im Auto oder vorm Computer – diesen Situationen muss beim Design Rechnung getragen werden. Die Form vieler Esswaren ist auch das Ergebnis ihrer Anpassung an bestehende Nahrungsmittel, z.B. würde es ohne Toastbrot keinen quadratischen Schinken geben, der Durchmesser unserer Wurst wurde an die Größe einer Semmel angepasst. Auch die Teilbarkeit von Lebensmittel spielt im Gestaltungsprozess eine wesentliche Rolle.
Im letzten Teil widmete sich Martin Hablesreiter dem kulturellen Faktor von Food Design, vor allem der Symbolik. Denn mit dem Essen nehmen wir nicht nur Kalorien zu uns, sondern auch Werte. Die Gestaltung von Speisen spielt dabei eine zentrale Rolle, sie verwandelt simple Zutaten in National- oder Liebessymbole, sexuelle Anspielungen, Opfergaben oder religiöse Gerichte. Wir essen demnach, was unseren kulturellen Standards entspricht und uns in unserer Identität und unserer Existenzvorstellung bestätigt. Zum Beispiel grenzen sich Eliten auch durch Speisen, die häufig dem gemeinen Volk nicht zugänglich sind.
Auch die Abstraktion und Entfremdung von Grundbestandteilen spielt beim Food Design eine Rolle, so ist der Siegeszug der Fischstäbchen vor allem darauf zurückzuführen, dass die geometrische Form nicht mehr an das Grundprodukt Fisch erinnert und selbst eingeschworene Fischhasser überzeugt. Zu guter Letzt spielt beim Design von Lebensmittel auch der Zeitgeist eine Rolle, bestimmte Speisen sind einer gewissen Zeit genau so gut zuordenbar wie Kleidung oder Möbel.
Nach dem spannenden Vortrag ging’s noch ans Praktische und die Teilnehmer konnten eine Vielzahl der von Martin Hablesreiter angesprochene Speisen betrachten und vor allem verkosten. Die Besucher der 11. KRÖSWANG Akademie waren begeistert von Thema und Referent und nahmen viel Wissen über die Gestaltung unserer Lebensmittel mit nach Hause.







