Gemischte Platte

Discofeeling oder Ruheoase? Musik im Gastraum trägt wesentlich zur Atmosphäre und zur Verweildauer der Gäste bei. Maßgeblich ist ein gutes musikalisches Konzept.

01.02.2015
toggle Sidebar

„Man muss darauf achten, dass die Musik die Färbung der Möbel hat.“
Jürgen Lichtmanegger, Reditune

Die große Frage für viele Wirte: Ruhe oder Musik im Gastraum? Generell wird die richtige Hintergrundmusik von Gästen durchaus geschätzt. Daneben sollte man Besuchern aber auch ein „Recht auf Stille“ einräumen. Eindeutig fest steht: Zu laute Musik ist ein absolutes No go. Niemand möchte mit Ohrenstöpseln beim Essen sitzen oder – schlimmer noch – ohne, wenn sie eigentlich nötig wären. Der amerikanische Branchendienst Zagat untersuchte 15.000 Restaurantbewertungen und fand heraus, dass laute Musik nach schlechtem Service die zweithäufigste Beanstandung der Gäste war. Art und Tempo der Hintergrundmusik im Lokal haben durchaus Einfluss auf das Verhalten der Gäste, wie verschiedene Studien zeigen. Bei langsamer Musik bleiben Gäste länger im Lokal und geben mehr aus, wie eine schottische Studie zeigt. Im Schnitt verweilten die Gäste bei langsamer Musik 96 Minuten im Test-Restaurant und gaben 35 € aus, bei schneller Musik blieben sie 82 Minuten und gaben 28 € aus. Einer anderen, australischen Studie zufolge saß das Geld bei Gästen eines populären Sydneyer Restaurants am lockersten, wenn Jazz gespielt wurde, gefolgt von Pop und Klassik. Mit Abstand am wenigsten Geld gaben die Gäste aus, wenn gar keine Musik lief. Natürlich hängt das auch von der Zielgruppe ab, eine feierfreudige Après-Ski-Meute schlägt man mit Miles Davis eher in die Flucht.

 

IPAD DRAN UND FERTIG?

Scheinen Streamingdienste wie Spotify auf den ersten Blick geeignet zur günstigen Beschallung des Betriebs, kehrt schnell Ernüchterung ein: Für den kommerziellen Gebrauch ist Spotify vorerst nicht erlaubt, da es dazu keine Lizenzvereinbarungen mit den Verwertungsgesellschaften gibt. Wer keine rechtlichen Probleme möchte, wendet sich an Anbieter wie Reditune. Das Salzburger Unternehmen ist auf Hintergrundbeschallung spezialisiert und vermietet Musikcomputer für Gastronomie und Hotellerie. „Mit einem Musikcomputer kann man bis zu fünf Zonen im Lokal unterschiedlich bespielen und das musikalische Konzept über den Tag hinweg minutengenau timen“, erklärt Jürgen Lichtmanegger von Reditune.

 

Neben vorgefertigten Playlists bieten Musikcomputer auch die Möglichkeit, selbst Playlists zu erstellen. Neue Songs kommen per Online-Update oder, wenn man keine Einbindung ins eigene Netzwerk möchte, auf einem Datenträger per Post. Einstiegspreise für On-line-Player liegen bei knapp 100 € im Monat, Offline-Systeme kommen günstiger. Das Um und Auf ist laut Lichtenegger, dass die Musik zum Ambiente passt. „Man muss darauf achten, dass die Musik dezidiert die Färbung der Möbel hat. In der Holzstube für Zigarrenraucher benützen wir heimelige, warme Musik, die wirklich erdig klingt. In einer Lobby, die weiß gestrichen und modern gestaltet ist, passen eher coolere elektronische Klänge. Eine Zirbenstube bespielen wir gern einmal mit Zither- oder Harfenmusik, während in einen größeren Saal durchaus auch Blasmusik passt.“ Da stellt sich nur mehr die Frage, ob man in der urigen Zirbenstube nicht gleich eine Stubnmusi auftreten lassen sollte.

 

VOM BAND ODER VON DER BAND?

„Livemusik kommt ganz anders rüber und ist werbewirksamer“, ist Ralf Enseleit vom Asitzbräu in Leogang überzeugt. Das höchstgelegene Brauhaus Europas gehört zum Hotel Krallerhof in Leogang. Um den 2010 eröffneten Betrieb bekannter zu machen, hat man sich bewusst für Livemusik entschieden. „An vier Tagen in der Woche gibt es bei uns Livemusik mit bekannten Musikern und Bands aus der Region. Im ersten Winter haben wir fast nichts oben gemacht, im zweiten Winter haben wir mit Livemusik begonnen und die Resonanz war positiv.“ Die Musikanlage im Asitzbräu war bereits vorhanden, für die Livemusik wird sie aber meistens nicht benötigt. „Bei uns spielen alle unplugged, die gehen von Tisch zu Tisch.“ Die Technik kommt trotzdem nicht zu kurz, via Videowand kann die Musik auf alle Etagen des Lokals übertragen werden. Bei großen Festen wie zu Silvester wird zudem mit Verstärker gearbeitet. Enseleit schätzt die Kosten für die Livemusik ohne AKM-Gebühren (siehe Kasten) und Nebenkosten auf rund 20.000 € pro Winter. Eine Ausgabe, die sich für ihn auf jeden Fall bezahlt macht: „Die Livemusik wird bei den Bergbahnen, in Bezirkszeitungen und auf Flyern und Plakaten beworben. Der ORF hatte hier seinen Sonntags-Frühschoppen. Die Verweildauer der Gäste ist länger und die Umsätze sind gestiegen.“

 

Für urbanen Dining-Sound steht dagegen The Room in Wien-Landstraße. Seit September 2014 betreiben Lukas Grünbichler und Joachim Bankel das Restaurant samt Bar in den wiedereröffneten Sofiensälen. Welche Musik die junge Klientel hören möchte, wissen die beiden, haben sie sich doch unter anderem mit der Babenberger Passage einen Namen in der Clubszene gemacht. „Untertags läuft bei uns Onlinemusik von Radio Superfly, dabei können wir aus vier verschiedenen Streams – von Easy Listening bis Club – wählen.“ Abends wird unter der Woche mit fertigen Musikmixes von DJs gearbeitet, dabei geht es housiger zu als untertags. Am Wochenende legen Live- DJs auf. „Im Lokal gibt es verschiedene Zonen, wo wir die Lautstärke unterschiedlich regeln können. Beim DJ-Pult und bei der Bar ist es lauter, im Lounge-Bereich leiser“, so Grünbichler. Fast 40 Boxen verteilen den Sound im Lokal, gespart wurde dabei nicht: „Die ganze Tonanlage hat sicher 40.000–50.000 € gekostet.“ Dass die Macher von The Room mit ihrem Club-Background hohe Ansprüche an die Musikanlage haben und ein durchschnittlicher Restaurantbetreiber sich nicht verschulden muss, um seinen Betrieb zu beschallen, steht außer Frage. Ein solides Einstiegsset zur Grundbeschallung, bestehend aus sechs Satelliten-Lautsprechern, Subwoofer und nebengeräuschfreiem Verstärker, kostet beim Online-Versandhändler Thomann 2.075 €, eine Mischeinheit, um vom Laptop oder anderen Quellen Musik abzuspielen, 139 €. Ob Stubnmusi, DJ oder Radio, ein Kostenfixpunkt für den Gastronomen sind AKM- und Leistungsschutzgebühren. Sobald öffentlich, also auch im Gastraum, Musik läuft, sind diese Gebühren zu bezahlen.

SOUNDS GOOD

Eine perfekt abgestimmte Playlist samt toller Anlage nützt nichts, wenn es im Raum hallt und schallt. Deckenpaneele und Absorberplatten können helfen, den richtigen Sound zu kreieren. Bei The Room konnte man architektonisch auf die Akustik wenig Rücksicht nehmen. „Die Raumstruktur mit den Nischen, in die wir die erhöhten Sitzlogen gebaut haben, war durch die alten Sofiensäle schon vorhanden “, so Lukas Grünbichler. Eine Akustikdecke dient als Abgrenzung zum darüberliegenden Bereich – einer abgehängten Decke mit Deckenfeldern, die mit Akustikspritzputz bespritzt wurden. „Das wirkt sich wirklich klangverbessernd aus, wobei wir auch vorher wenig Hall hatten. Die Sitzmöbel und Bänke sind mit Stoff überzogen, weil es uns besser gefällt als Kunstleder. Auch das hat gute Auswirkungen auf die Akustik“, so Grünbichler.

 

MUSIKALISCHES MARKETING

Ein gutes musikalisches Konzept wird rasch zum Selbstläufer. Die Musik prägt die Marke des Lokals. Beim Café del Mar in Ibiza haben die legendären Chill-out-compilations die Bekanntheit des Lokals bereits überflügelt. Auch die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks setzt Musik gezielt für das Marketing ein. Nicht nur hebt sie durch langsame, gemütliche Klänge die Verweildauer der Gäste im Lokal, mittlerweile hat sie das Konzept sogar umgedreht und bietet den Starbucks-typischen Sound „to go“ an. Der Kaffeehausgigant gründete 2007 gemeinsam mit Concord Records sogar sein eigenes Label „Hear Music“, das unter anderem Paul McCartney unter Vertrag hat. In Österreich verbreitet unter anderem der Planters Club in Wien sein Bar-Feeling mittels eigener Compilations.

 

Hits & Flops

 

HIT
+ passende Musik zum Stil des Lokals wählen
+ richtige Lizenz
+ der Tageszeit anpassen
+ in eine gute Musikanlage investieren
+ Tontechniker zu Rate ziehen

FLOP
- Musik nicht zu laut drehen
- Keine Dauerschleife – sorgen Sie für Abwechslung
- Kellner ist kein DJ – zumindest nicht auf Dauer

 

Beschallungsanlage

Ein Grundbeschallungssystem sollte zumindest aus sechs Lautsprechern, einem Subwoofer und einem Verstärker bestehen. Um aus Quellen wie Laptop, Musikcomputer oder CD-Player abzuspielen, ist auch eine Mischeinheit nötig. Die Kosten für solide Einstiegssets liegen hier bei 2.000–2.500 €.

 

AKM (Autoren, Komponisten und Musikverleger)

AKM-Gebühren sind für jede öffentliche Aufführung zu zahlen, also auch für Restaurants oder Events mit gastronomischem Charakter. Die Höhe der Gebühren richtet sich nach der Größe des Lokals und der Besucherfrequenz.

Kostenbeispiel: Für ein Lokal mit durchschnittlich 80 Gästen pro Tag und einem Ruhetag verrechnet die AKM mit allen Zusatzgebühren 76,55 € (exkl. Mwst.) pro Monat.

Detailinformationen: www.akm.at

Auch Musikanbieter wie Reditune sind bei der AKM-Anmeldung behilflich.

 

 

 

In der Soundfalle

 

PIERRE NIERHAUS ist Berater, Konzeptentwickler, Trendexperte und Spezialist für die Findung und Implementierung von weltweiten Innovationen in der Foodservice- und Hospitality-Industrie.

 

Zu laut, zu leise, fies klirrende Höhen oder grummelig dröhnende Bässe: Bei Lokalbesuchen begegnet mir gerade beim Thema Musik manchmal noch eine Wurstigkeit, die mich überrascht. Gästen ist der Sound eines Lokals weniger egal: Da kann das Rindsschnitzel die perfekte Panade haben oder die Beilage genau den richtigen Biss. Wenn dazu die aktuellen Dancefloor-Charts übersteuert aus den Boxen schreien, wird das die wenigsten Gäste zum Wiederkommen animieren.

 

Denn Gastronomie verkauft nicht nur Essen und Getränke. Gastronomie verkauft Lebensgefühl. Und für diese Mission ist Musik neben einem stimmigen Lichtkonzept und spannendem Design ein wesentlicher Faktor. Nicht umsonst gibt es Lokale wie die Buddha Bar in Paris, die „ihre“ Musik als Marketinginstrument einsetzt und eigene Compilations herausbringt. Sie schaffen mit der Musikprogrammierung eine Art Soundtrack für ihr Lokal, das die Marke stärkt und zu einem wichtigen Wiedererkennungsfaktor wird.

 

Auf keinen Fall sollten also die Kellner die Anlage mit Playlists stark komprimierter MP3s aus dem Netz füttern. Die Musikprogrammierung ist Chefsache und muss einer Strategie folgen. Sie muss zum Lokalkonzept passen und die richtige Atmosphäre schaffen. Damit das gelingt, muss man sie auch hören können. Lokalbetreiber sollten deshalb nicht an der Musikanlage sparen. Für die richtige Einstellung wendet man sich besser an Profis. Aber ein paar einfache Faustregeln gibt es: Eine Anlage mit großem Leistungsvolumen liefert leise gestellt besseren Sound als eine zu schwache. Und zur besseren Sprachverständlichkeit sollte man viele kleine Boxen und einen Subwoofer verwenden. Bei Bars und Lounges ist etwas mehr Fingerspitzengefühl notwendig, damit die Gäste sich bei vollem Laden und trotz heißer Musik noch unterhalten können. Wenn dieser Balanceakt aber gelingt, werden die Gäste öfter wiederkommen und mehr konsumieren.

 

 

 

Diese Webseite basiert auf modernen Webdesign-Standards, welche Ihre veraltete Browser-Version leider nicht mehr unterstützt. Um die Seite korrekt und in ihrer vollen Funktionalität darzustellen, müssen Sie einen aktuellen Browser installieren.