Next Generation

Bei fast der Hälfte aller österreichischen Tourismusbetriebe steht in den nächsten Jahren die Übergabe an einen Nachfolger an – meist sind das „family affairs“.

01.03.2014
toggle Sidebar

Ein Übernehmer braucht klare Planzahlen, einen Businessplan, eine gute Organisations-struktur und Führungskompetenz.

Vier von fünf Tourismusbetrieben in Österreich sind familiengeführt. Etwa die Hälfte davon wird auch innerhalb der Familie weitergegeben. Klingt schön und harmonisch – ist es aber nicht immer. „Die wirklich schwierigen Übernahmen sind die im Familienkreis. Da zählen meistens nicht mehr der kühle Kopf und der Taschenrechner, sondern es geht um Emotionen. Vor-Generationen haben etwas aufgebaut, Eltern leben noch unter demselben Dach und es gibt Geschwister, die einsteigen wollen oder auf eine tolle Abfertigungszahlung warten. Viele Unternehmens- übergaben im familiären Bereich würden einem Fremdvergleich nie standhalten“, weiß Dir. Mag. Wolfgang Kleemann von der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank.

MIT (ZU) VIEL GEFÜHL

Erich Michel Bürger von Bürger Consulting betreut immer wieder Kunden aus dem Tourismusbereich. Er sieht die Hürden dabei vor allem im persönlichen Bereich: „Die Grundproblematik liegt bei der Übergabe in der Familie immer beim Menschen. Oft glaubt der Übergeber, die Nachkommen müssen die gleichen Eigenschaften wie er selbst haben.“ Aber nicht nur zwischenmenschliche Konflikte, sondern auch rechtlich und finanziell warten zahlreiche Hürden auf alte und neue Eigentümer. Wer nicht vorausdenkt, muss die Konsequenzen tragen – und die könnten im schlimmsten Fall bis zum Verlust des Unternehmens gehen.

FINANZIELLER BLINDFLUG?

Während beim Kauf eines Unternehmens von Fremden der Rechenstift regiert, sind interfamiliäre Übernahmen oft finanzielle Blindflüge. „Viele Übernehmer übernehmen , einfach‘ den laufenden Betrieb – ohne Businessplan oder Betrachtung des ganzen finanziellen Systems“, erklärt Dr. Thomas Reischauer von Reischauer Consulting. „Dabei ist gerade im Tourismus die Eigenkapitalquote oft extrem niedrig. Manchmal sind es gerade einmal 5 %. Immer wieder gibt es Übernehmer, die sich der Schulden nicht bewusst sind.“ Neben den Schulden an Banken oder andere externe Gläubiger wollen oft auch Geschwister ausbezahlt werden. „In dem Fall muss man prüfen, was der objektive Betriebswert ist und wie viel man tatsächlich bezahlen kann“, warnt Reischauer und ergänzt: „Die wichtigsten oft missachteten Stolpersteine für die Zukunft eines Unternehmens sind Überschuldung, Investitionsnachholbedarf, veränderte Märkte, auf die bisher nicht reagiert wurde, und eine überalterte Kundenstruktur.“  

VOLLES RISIKO

Übernahmen sind massive Eingriffe in das gesamte System eines Unternehmens. Damit sind sie auch große Risikofaktoren für die innere und äußere Stabilität und sollten daher – wenn möglich – längerfristig vorbereitet werden. „Wenn durch eine Übernahme von einem Tag auf den an- deren plötzlich alles neu wird, hat das gravierende Auswirkungen. Es kommt zur Verunsicherung bei Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden. Innere oder tatsächliche Kündigung, Loyalitätskonflikt, Anstieg von Krankenständen, Umsatzrückgang, Wegfall von Kunden etc. sind nur einige der Folgen, die nach einer Übernahme auftauchen können“, weiß Unternehmensberater Bürger. Er rät dazu, dass Übernehmer sich durch Tätigkeit im Unternehmen schon vor der Übernahme das Vertrauen und die Loyalität der Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten sichern. Thomas Reischauer betont auch die Bedeutung, die – gerade im Tourismusbereich – der Persönlichkeit des jeweiligen Unternehmers zukommt. „Man muss sich fragen, ob ein Unternehmen erfolgreich ist, weil das gesamte System funktioniert, oder ob die Kunden wegen der Persönlichkeit des Gastgebers kommen. In diesem Fall muss man bei einer Übergabe besonders behutsam vorgehen. Entweder stärkt man das Profil des Nachfolgers so weit, dass dieser mit der Übernahme die Rolle des Vorgängers übernehmen kann Oder man erschließt schon in den Jahren vor der Übernahme neue Zielgruppen, die nicht so sehr an der Person des Gastgebers ausgerichtet sind. Beziehungsweise der Senior übernimmt – zumindest anfangs – weiter den Außenauftritt.“

WER IST HIER DER BOSS?

Mit der Übergabe ändert sich meistens auch die Unternehmenskultur. Damit Konflikte vermieden werden (die nicht nur zu innerfamiliären Spannungen, sondern auch zu Loyalitätsverlust bei Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern führen können), müssen sowohl die Zuständigkeiten als auch die Hierarchien von Anfang an völlig klar sein. „Wichtige Meilensteine sind dabei das Definieren von Rollen, Funktionen, Verantwortlichkeiten und Aufgaben, das Fixieren eines konkreten Übergabezeitpunkts, das gemeinsame Durchführen eines Übergaberituals“, betont Erich Michel Bürger. Thomas Reischauer appelliert an die Übergeber, mit dem Unternehmen auch die Macht weiterzugeben. „Wenn sich Mitarbeiter mit Anliegen oder Beschwerden an den ehemaligen Chef wenden, muss dieser sich heraushalten. Auch in der Phase vor der Übergabe ist das wichtig. Arbeitet der Nachfolger bereits im Betrieb mit, muss klar sein, wofür er zuständig ist und für welche Bereiche noch der zukünftige Übergeber.

Diese Webseite basiert auf modernen Webdesign-Standards, welche Ihre veraltete Browser-Version leider nicht mehr unterstützt. Um die Seite korrekt und in ihrer vollen Funktionalität darzustellen, müssen Sie einen aktuellen Browser installieren.