Credit Crunch

Die immer restriktivere Kreditvergabe der Geschäftsbanken zwingt Gastronomen zu kreativen Finanzierungslösungen. Crowdinvesting ist nur eine davon.

01.02.2015
toggle Sidebar

"Crowdfunding halte ich für eine großartige Idee."
Andreas Flatscher, Multi-Gastronom

Das Geld fließt dieser Tage zäh. In keiner Branche aber wohl zäher als in der Gastronomie. Mit Basel III gelten seit einem Jahr noch strengere Eigenkapitalvorschriften für die heimischen Banken. Damit ist auch die Kreditvergabe noch restriktiver geworden. „Fragen nach den Risiken und Sicherheiten werden für die geldgebenden Banken immer bestimmender“, erklärt DI Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer des Austria Wirtschaftsservice (AWS), der För-derbank des Bundes, die bezeichnenderweise keine Gastro-Finanzierungen anbietet. Und die Risiken sind in der Gastronomie bekanntermaßen beträchtlich. „Deshalb ist ein Bankkredit das Schwierigste überhaupt“, sagt Franz Bernthaler, Geschäftsführer von Culinarius, einem führenden Unternehmensberater für Gastronomiebetriebe. Steakkönig Andreas Flatscher, der für April seine vierte Neueröffnung plant, konstatiert gar: „Es ist heutzutage unmöglich, als junger Mensch in der Gastronomie einen Kredit zu bekommen“ (siehe Interview).

 

ALTERNATIVEN ZUM BANKKREDIT

Wie finanziert sich ein Wirt also anno 2015? Typischerweise mit einem Mix verschiedener Finanzierungsformen, wobei ohne eine gehörige Portion Eigenkapital gar nichts geht, weder bei der Existenzgründung noch bei der Expan-sion. Selbst Georg Loichtl, der für die Gründung von „Burger Masta“ über Crowdinvesting 124.000 € einsammelte, finanzierte den ersten Standort letztlich zu 70 % aus Eigenmitteln. Bei den Foodtruckern von „Wrapstars“ war es trotz Bankkredit immer noch ein Drittel.

 

Für die Expansion eines bestehenden Betriebs sieht Andreas Flatscher neben der „gescheitesten Variante“ Eigenkapital im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Die Finanzierung aus dem Cashflow, also dem Nettogeldzufluss des laufenden Geschäfts, „dann steuert vielleicht auch die Hausbank etwas bei“, und last but not least den Lieferantenkredit: Im Gegenzug für die Verpflichtung, beim Lieferanten über einen längeren Zeitraum für eine be-stimmte Summe einzukaufen, gewährt dieser unter Umständen ein Darlehen. „Vielleicht sogar, ohne Zinsen dafür zu verrechnen.“ Flatscher bestritt auf diese Weise immerhin 100.000 € seines 600.000 € teuren Bistrots. Wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewachsenes Vertrauensverhältnis, weshalb Start-ups an einen Lieferantenkredit nur schwer herankommen. Besonderen Charme hat naturgemäß die Kapitalisierung über Familie und Freunde, als definitiv unkomplizierteste und günstigste Option, ebenso wie die Einbindung von Geschäftspartnern als Investoren, die für ihre Einlage eine Beteiligung am Unternehmen erhalten. Dazu kommt ein buntes Sammelsurium an Förderungen, Zuschüssen und Haftungen, allen voran der besicherte ERP-Kleinkredit der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank für Investitionen bis zu 100.000 €.

 

GELDQUELLE CROWD

Stark im Kommen sind alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding oder Crowdinvesting. Dabei versucht der Entrepreneur eine große Zahl von Menschen (crowd) zumeist über Internetplattformen wie conda.at von seiner Geschäftsidee zu überzeugen und als Geldgeber zu gewinnen. „Burger Masta“ Georg Loichtl lukrierte auf diese Weise durchschnittlich 1.160 € von jedem seiner 107 Crowdinvestoren. Nicht eingerechnet ist darin der exorbitant hohe Werbewert, der die öffentlichkeitswirksame Geldbeschaffung über die Crowd so attraktiv macht. Das ist auch den Machern der Puls4-Show „2 Minuten 2 Millionen“ nicht entgangen: Aussichtsreiche Jungunternehmer buhlen darin um die Gunst von Investoren.

Der Marketingmasta

 

Um sein Restaurant „Burger Masta“ auszufinanzieren, zapfte Flieger-Wirt Georg Loichtl die Crowd an. Hohen Finanzierungskosten steht ein großer Werbewert gegenüber.

 

Der Name ist Programm. Für den „gutesten“ Burger der Welt ist Georg Loichtl nur das Beste gut genug. Das Rindfleisch kommt von Bauern aus dem Waldviertel, die Hühnerbrust von glücklichen Hendln aus Kärnten. Bei den finanziellen Zutaten für sein Restaurant in der Währinger Straße beschritt der selbsternannte „Burger Masta“ unkonventionelle Wege. Trotz rund 300.000 € an Eigenkapital und vier Mitgesellschaftern gewährten die Banken nämlich allesamt keinen Kredit. „Leider war mein Geschäftsmodell auch nicht förderbar“, so Loichtl über seine Odyssee. Also begab sich der Gastro-Veteran über die Crowdinvestment-Plattform conda.at auf Investorensuche.

 

FINANZIERUNG & MARKETING IN EINEM

Mit unzähligen Informationsveranstaltungen und einer kulinarischen Roadshow gelang es, 107 Geldgeber auf den Geschmack zu bringen. Kumuliert 124.000 € stellten diese zur Verfügung – etwa 30 % der Gesamtkosten für den ersten Standort. „Ein sehr zeitaufwendiges Unterfangen, das fast ein Jahr gedauert hat“, wie Loichtl anmerkt. Jeder der 107 Crowdinvestoren bindet sich dabei für zehn Jahre an das Unternehmen und erhält dafür ein sogenanntes Substanzgenussrecht, das ihm oder ihr eine jährliche Gewinnbeteiligung von 4 % garantiert. Zudem kassiert conda.at als Vermittler eine einmalige Provision in der Höhe von 7,5 % des aufgestellten Kapitals, in diesem Fall also satte 9.300 €. Angesichts dieser Zahlen überrascht das Resümee des Gastronomen auch wenig: „Crowdinvestment ist als Finanzierungsform wesentlich teurer als ein klassischer Bankkredit.“ Unbezahlbar ist laut Loichtl hingegen der enorme Werbeeffekt. „Wir haben diese Methode auch ganz bewusst als Marketing-Tool eingesetzt und der Erfolg gibt uns Recht.“ Auch der Bürgermeister (Häupl) machte dem „Burger Masta“ schließlich schon die Aufwartung. Bereits im ersten regulären Geschäftsjahr will Loichtl in die Gewinnzone vorstoßen. Das Konzept ist klar auf Wachstum ausgerichtet: Im Februar eröffnet die zweite Filiale.

 

Crowdinvesting

 

Vorteile

+ großer Werbewert über hohe Medienpräsenz

+ Finanzierungssicherheit durch langfristige Kapitalbindung

 

Nachteile

- hohe Finanzierungskosten

- relativ kleine Investments

- großer Zeit- und Administrationsaufwand (Akquise, Offenlegungspflicht gegenüber Investoren)

 

Projekt „Burger Masta“

 

Investitionsvolumen für die ersten beiden Standorte: 750.000 €

Crowdinvestoren: 107

Eingesammeltes Kapital: 124.000 €

Durchschnittliches Investment: 1.160 €

Mama’s Boys

 

Ihr Traum vom eigenen Foodtruck ging für die „Wrapstars“ Marko Ertl und Matthias Kroisz nur dank Bankkredit in Erfüllung – besichert zu 100 %.

 

Marko Ertl und Matthias Kroisz hatten eine Vision: „Fastfood ohne Bullshit. Geiles Essen ohne Verarsche.“ Soll heißen, hochwertiges Fleisch und Biogemüse, kredenzt in feinen Wraps. Um ihren Traum unter die Leute zu bringen, setzten die beiden Studenten auf eine Branchenrevolution: den Foodtruck. Der rollt mit rund 60.000 € zwar vergleichsweise günstig daher. Die 20.000 € an Erspartem reichten dafür aber nicht. Nach einigem Hin und Her entschieden sich die Fastfood-Revolutionäre bei der Geldbeschaffung deshalb für den guten alten Bankkredit, besichert zu 100 % durch die Familie. Der ERP-Kleinkredit der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank wäre laut Matthias Kroisz zwar auch eine Möglichkeit gewesen. „Die Abwicklung dauert aber vier bis sechs Monate. Somit kam für uns nur ein Bankkredit in Frage. Ein paar Wochen, und du hast die Kohle.“

 

GESICHERTE LIQUIDITÄT & FEHLERTOLERANZ

Abgestottert wird der variabel verzinste Kredit über fünf Jahre, wobei die Bank aufgrund der Besicherung keinerlei Risiko trägt. Alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding oder ein Investor erschienen den „Wrapstars“ zu kompliziert und zu zeitaufwendig für ihr Projekt. Seit Oktober 2013 touren sie nun durch Wien und sind froh, keinem Geldgeber rechenschaftspflichtig zu sein. Die gastronomische Selbstständigkeit hat mitunter ihre Tücken: „Wir haben uns am Anfang bei der Portionierung vertan, wodurch der Wareneinsatz aus dem Ruder lief.“ Das Hauptproblem ist angesichts bürokratischer Hürden und der niedergelassenen Konkurrenz das Finden attraktiver Standplätze. Deshalb schwächelt das Tagesgeschäft auch. „Was uns rettet, sind die Caterings, mit denen wir ein Drittel unseres Umsatzes erwirtschaften.“ Im Geschäftsjahr 2014 waren das etwa 120.000 €. „Wir geben uns drei Jahre Zeit, um davon leben zu können“, sagt „Wrapstar“ Kroisz bescheiden. Vielleicht bekommt die „Mama’s Boys GmbH“ dann einen neuen Namen.

 

Projekt „Wrapstars“

 

Investitionsvolumen Foodtruck: 60.000 €

Kredithöhe: 30.000 €+ 10.000 € Überziehungsrahmen

Eigenkapital: 20.000 €

Diese Webseite basiert auf modernen Webdesign-Standards, welche Ihre veraltete Browser-Version leider nicht mehr unterstützt. Um die Seite korrekt und in ihrer vollen Funktionalität darzustellen, müssen Sie einen aktuellen Browser installieren.