Essen 2.0

Eigentlich dürfte sich jeder Bäcker „3D-Lebensmitteldrucker“ nennen, der mit einem Spritzsack Teigkleckse aufs Backblech spritzt und sie danach bäckt. Das ist zumindest das Prinzip der modernen Maschinen, von denen die Prototypen derzeit nur so aus dem Boden schießen. Ihr Vorteil: Mit feinen Materialdrüsen werden feinste Formen, Muster und Figuren gedruckt, und das vollautomatisch.

13.09.2016
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Erzeugnisse aus dem Lebensmitteldrucker eignen sich zur Zierde oder können als essbare Behälter dienen.

Alles begann, als die NASA beschlossen hatte, Astronauten zum Mars zu schicken. Am Mars gibt es keine Lebensmittel und dennoch müssen hier Menschen über viele Jahre leben. Hier müssen Lebensmittel extrem lange halten. Man wollte den Astronauten abseits von sogenannten MREs (Meal ready-to-eat), also lang haltbaren und recht geschmacklosen Nährstoffriegeln und Proteinen aus der Tube, eine schmackhafte Nahrungs- und Nährstoffquelle bieten – am liebsten in Form ihrer Lieblingsspeise: der Pizza. Auf der Fachmesse SxSW Eco in Austin, Texas, wurde bereits 2013 ein Food Printer vorgestellt, der publikumswirksam kleine quadratische Pizzen druckte. Die Entwicklung dieses Druckers wurde von der NASA mit 125.000 USD unterstützt. Die Verantwortlichen versprechen dem Lebensmitteldrucker auf der International Space Station (ISS) eine große Zukunft: Er soll den Weg ebnen für langzeitliche Raumexpeditionen.

 

LEBENSMITTELDRUCK AUF PLANET EARTH

Inzwischen gibt es zahlreiche Versuche, auch für Erdlinge Lebensmittel zu drucken. Die Maschinen sollen eine Zeitersparnis bringen und den Köchen durch die bessere Feinmotorik des Geräts neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, etwa wenn winzige, detailreiche Schokoskulpturen gewünscht sind. Abseits der Gastronomie könnten Architekten ihre Modelle in Schokolade drucken und das Modell danach zum Dessert anbieten. Denn auch das Architektur-Zeichenprogramm kann die Pläne für die Lebensmittelskulpturen zeichnen. In der Gastronomie könnten filigrane Zierelemente in extravaganten Designs lohnende Hingucker sein. In Hackney, London, traute sich heuer erstmals ein Popup-Restaurant an dieses moderne Food-Szenario heran: FOOD INK. heißt das Experiment, das als Weltpremiere Ende Juli 2016 über die Bühne ging. Für umgerechnet 300 € konnte man sich das erste volle Neun-Gänge-Menü aus dem 3D-Drucker schmecken lassen. Weitere Popup-Stationen sind z. B. in Berlin, Rom, Barcelona oder Paris geplant. Nähere Infos gibt’s unter www.foodink.io. „Pixels to Printer to Plate“, „Download something delicious“ oder „You’ve got meal“ sind die digital-romantischen Slogans des derzeit noch fast unvorstellbaren Kochverfahrens. Trotzdem: Der 3D-Drucker nimmt zwar publikumswirksam ein paar Handgriffe ab, den Großteil machen aber nach wie vor die Köche hinter den Kulissen.

 

FORSCHUNGSFELD LEBENSMITTELDRUCK

An der belgischen Uni KU Leuven forscht Valerie Vancauwenberghe im Bereich 3D-Lebensmitteldruck. Ihrer Einschätzung nach hat der 3D-Druck im Lebensmittelbereich großes Potenzial. „3D-Druck kann die Gastronomie auf ein höheres und kunstvolleres Niveau bringen. Im Vergleich mit manuellem Erzeugen kann man mit dem 3D-Drucker wesentlich einfacher sehr komplexe Strukturen erschaffen“, so Vancauwenberghe. „Das Drucken von komplexen Schokolade- oder Zuckerstrukturen wird heute immer beliebter.“ 3D-Foodprinting kann ihrer Meinung nach schon durch die Struktur neue Geschmackserlebnisse bringen. Ein und dasselbe Gebäck schmecken unterschiedlich, wenn nur die Oberflächenstruktur verändert ist. Mit diesen Aspekten in der Lebensmittelproduktion kann der 3D-Druck spielen. „Obwohl sich der Lebensmitteldruck noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet und noch Anstrengungen in der Erforschung der Technologie nötig sind, bin ich sicher, dass er neue kulinarischeErfahrungen bringen wird“, so Vancauwenberghe.

 

ROBOTISCHER MITARBEITER IN DER KÜCHE

Einen weiteren Vorteil sieht sie in der Zeitersparnis. Während der 3D-Drucker einen Teil des Gerichts automatisch am Teller – jedes Mal an derselben Stelle mit derselben Präzision – ablegt, kann sich der Koch anderen Vorbereitungen widmen. „Wenn die Teller auf einem Laufband bewegt werden, kann der Drucker auch automatisch den nächsten Job beginnen, ohne jegliche menschliche Hilfe“, so Vancauwenberghe. Wenn der Drucker dann noch mit mehreren Lebensmittelkartuschen ausgestattet ist, kann er gleich mehrere Produkte am Teller platzieren und noch mehr Zeit sparen. Weitergedacht spart 3D-Druck dann auch Mitarbeiter und damit Kosten ein. Je nach Gerät können Zutaten 3D gedruckt werden, die sich verflüssigen lassen und später aushärten oder gebacken werden. So sind zahlreiche Möglichkeiten gegeben: Vom Nudeldrucker über den Schoko- oder Zuckerdrucker bis zum Pancake- oder Pizzadrucker. Die meisten Geräte befinden sich aber ohnehin noch im Prototyp-Stadium und sind entweder noch sehr teuer oder noch gar nicht erhältlich. Doch es sind zahlreiche Produkte auf dem Weg und ihnen wird eine große Zukunft versprochen.

Chancen in der Gastronomie

 

DER BARILLA-NUDELDRUCKER

produziert kleine Monde oder Rosen, die ready-to-cook aus dem Drucker kommen. Neben Spezialnudeln können auch ganze Nudelgebäude oder spezielle geometrische Formen gedruckt werden. Gute Chancen – wer seinen USP auf Pasta legt, kann seine Kunden mit personalisierten Nudeln glücklich machen. Das Gerät kann 15–20 Nudeln in 2 Minuten drucken. Der eingefüllte Nudelteig muss auch kein einfaches Weizen-Wasser-Gemisch sein, in Form und Farbe kann er optisch und geschmacklich in jeder denkbaren Variation anbieten. Die Pasta wird zum Unikat des Lokals und jeder Küchenchef kann seinen Nudelgerichten eine noch persönlichere Note geben. Das Gerät wurde 2015 auf der EXPO in Mailand und im Mai 2016 auf der internationalen Nahrungsmittelmesse CIBUS vorgestellt

Status: Prototyp

Kosten: 1.500 €

Link zum 3D-Printer von Barilla

 

FOODINI ALLESDRUCKER

Natural Machines wollen mit dem Foodini in die Großküchen einmarschieren. „In Wirklichkeit isst man ja schon längst 3D-gedrucktes Essen“, so die Hersteller, denn in der Fabrik würde auch nichts anderes gemacht, als Essen durch Maschinen zu drücken. Der Foodini macht das in kleineren Portionen und für den Küchenchef besser adaptierbar. So kann der Foodini fast alle Ideen aus der Küche umsetzen – von der Pizza in Herzform bis zur Spinatquiche in Form eines Dinosauriers. Abhängig vom gedruckten Material kann der Foodini extrem dünne Schichten drucken. Die dünnste Düse hat einen Durchmesser von 1,5 mm. Für Cracker, Süßigkeiten, Dekor oder kreative Suppeneinlagen sei der Foodini geeignet, auch essbare Schüsselchen können produziert werden. Der Foodini sagt dem Benutzer genau an, welche Zutaten wann in die Materialdüse gehören, nachdem man das Food-Objekt der Begierde am Touchscreen ausgewählt hat. Foodini will Köchen die Möglichkeit geben, eigenes Convenient-Food zu gestalten, mit frischen Zutaten und frisch von der Produktionsbank.

Kosten: etwa 1.800 € (Vorbestellungen werden entgegengenommen, das Gerät ist derzeit in Produktion.)

Abmessungen: etwa 50 x 50 x 40 cm

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Events & Marketing

 

DER FRUCHTGUMMIDRUCKER

von der Magic Candy Factory kann als Marketinginstrument für Events gemietet werden. Dahinter steht die Tochterfirma des Unternehmens Katjes, das damit die Katjes Süßwaren promoten will. Wie ein Pendant zur altbekannten Popcorn-Maschine sollen Kids bei der Magic Candy Factory Schlange stehen, um sich ihren eigenen Namen oder ihr Lieblingstier in Fruchtgummi abzuholen. Bei der internationalen Süßwarenmesse (ISM) Köln bewerteten die Besucher den Fruchtgummi-3D-Drucker als „Top-Innovation“. Den Candy Printer gibt es im Hit-Supermarkt in München oder im Café Grün-Ohr in Berlin. Auch in den USA steht er in Dylan’s Candy Bar in Chicago, New York City, Miami und Los Angeles sowie in Dubai im größten Süßwarenladen Candylicious in der bekannten „Dubai Mall“.

Mietkosten: rund 2.000 € für 4–5 Stunden, unlimitiertes Fruchtgummi-Drucken und personalisierte Tischkärtchen oder Einladungen aus Fruchtgummi. Will man sich die MCF dauerhaft in den Laden stellen, wird zwischen den Partnern ein Deal ausgemacht.

Abmessungen: etwa 60 x 50 x 50 cm

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Süße Details

 

XOCO Schokodrucker SCHOKOKREATIONEN

in jeder beliebigen Form und Farbe erschafft der XOCO. Der 3D-Schokoladendrucker befindet sich derzeit noch im absoluten Anfangsstadium, aber im Netz überzeugt er bereits mit seiner futuristischen Optik. Der Drucker soll später übers Smartphone gesteuert werden, die Hersteller arbeiten an einer App, über die man die Schoko-Objekte gestalten und in Druckauftrag geben kann. „3D-Drucken wird mehr und mehr eine alternative Produktionsmethode, die existierende Barrieren in der Massenproduktion aushebeln wird“, so der Designer Michiel Cornelissen. Gemeinsam mit Zsofi Ujhelyi entwarf er den Drucker, der nicht nur schöne Dinge machen, sondern selbst schön aussehen soll. Basierend auf einem polaren Koordinatensystem und mit einer rotierenden Aufbauplatte baut der Druckkopf Schicht für Schicht die individuellen Süßwaren auf. Ein LED-Ring am Boden der Aufbauplatte zeigt den Verlaufsstatus an.

Status: Prototyp

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RIPPLES KAFFEESCHAUMDRUCKER

bedruckt Kaffeeschaum mit Zeichnungen. Das Gerät ist derzeit nur in Amerika erhältlich, im Rest der Welt und auch in Österreich muss man sich noch gedulden. In Deutschland konnte sich die Lufthansa First Class Lounge ein Gerät sichern und bietet ihren Kunden bereits bedruckten Kaffeeschaum. Das Gimmick hat ausschließlich emotionalen Mehrwert – so sieht man das auch bei Coffee Ripples: „Wenn man jemanden mit etwas Besonderem, Einzigartigem oder Schönem überrascht, wird derjenige das gute Gefühl weitergeben.“ Die Unternehmer arbeiteten über zehn Jahre an dem Gerät, das schließlich im Juni 2015 präsentiert wurde.

Kosten: € 1.200

Abmessungen: 21 x 27 x 50 cm, 16 kg

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