Schön gelogen

Auch bei Lebensmitteln ist in der Werbung nichts wie es scheint: Professionelle Foodstylisten sorgen dafür, dass zum Anbeißen aussieht, was häufig sogar völlig ungenießbar ist. Wir verraten ihre Tricks.

01.09.2013
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„Erst eine giftige Zutat lässt den Bierschaumvor der Kamera stabil bleiben.“
FOODSTYLIST MARC WEISS ÜBER DAS PERFEKTE BIER

Wenn Ihnen das nächste Mal ein lecke­rer Braten oder ein verführerischer Eisbecher in der Werbung das Was­ser im Mund zusammenlaufen lässt, dann trösten Sie sich doch mit dem Gedanken, dass das, was da so herrlich aussieht, mit größter Wahr­scheinlichkeit nicht essbar ist. Das golden gebräunte Hendl ist nämlich innen noch roh und das Eis be­steht in Wahrheit aus gefärbtem Wachs.

Dass Sie trotzdem das nächste Mal im Supermarkt nach dem gezeigten Produkt greifen, dafür sorgen Foodstylisten. „Meine Arbeit ist wie die eines Zau­berers – ich erschaffe eine Illusion“, erklärt Marc Weiss seine Arbeit. Der ehemalige Koch und Patis­sier, der u.a. von Reinhard Gerer gelernt hat, sorgt heute bei Filmdrehs dafür, dass die gezeigten Pro­dukte möglichst ansprechend vor der Kamera ausse­hen. Und dafür wird tief in die Trickkiste gegriffen: Burger werden mit zig Zahnstochern so fixiert, dass sie vom Model zum Mund geführt werden können, ohne unappetitlich auseinanderzufallen. Schnitt­lauchröllchen, die zufällig hingeworfen wirken, sind einzeln mit Pinzette arrangiert. Frischer Bierschaum ist eigentlich künstlich hergestellt und hochgiftig. Und das unwiderstehliche Schokomousse-Nockerl besteht aus nicht sehr köstlichem Latex.

LEARNING BY DOING

Jedes Lebensmittel richtig in Szene zu setzen und vor der Kamera per­fekt wirken zu lassen, ist eine eigene Kunst, die viel Erfahrung und Know-how voraussetzt. Eine richtige Aus­bildung gibt es dafür im deutschspra­chigen Raum nicht. „Wie Foodstyling funktioniert, das kann man in keinem Kurs lernen oder in einem Buch le­sen – das muss man schon selbst he­rausfinden und viel, viel ausprobie­ren“, so Weiss. Vor einem Dreh hat er ein bis zwei Tage Zeit, um zu testen. Stundenlang wird getüftelt und pro­biert. Aus welcher Höhe lässt man die Früchte in das Joghurt fallen, damit es gut aussieht? Wie kriegt man es hin, dass die Lasagne noch so dampft, als käme sie frisch aus dem Ofen? Und was sieht in der Tasse noch besser aus als echter Tee? Dann muss alles sitzen. Wenn die Kameras erst einmal laufen, kostet jede zusätzliche Minu­te viel Geld. „Während man bei Printprodukten relativ leicht im Nachhinein noch etwas retu­schieren oder bearbeiten kann, ist die digitale Nachbearbeitung beim Film extrem kostspielig. Da bleibt also nicht viel Spielraum für Fehler“, weiß der Foodstylist. Was funktioniert und was nicht, ist in diesem Fach ein kostbares Geheimnis. Es ist die­ses Wissen, das den Marktwert eines Foodstylisten ausmacht. Und nicht viele haben genug Geduld, Kreativität, Nervenstärke und Liebe zum Detail, um in diesem Beruf zu bestehen. In Österreich gibt es wohl nur eine Hand voll Menschen, die vom Foodstyling leben können.

TIMING UND SORGFALT

Was muss man also mitbringen, damit man es schafft? „Eine Leidenschaft für Lebensmittel sollte man schon haben“, so Weiss. „Meine Erfahrung als Koch in der Spitzengastronomie ist auch ein enor­mer Vorteil. Dadurch kenne ich viele Produkte und Gerichte, weiß, wie sie sich unter bestimmten Be­dingungen verhalten, welche Konsistenz sie haben.“ Außerdem braucht man viel Geduld, Neugier, Lust am Tüfteln und ein Auge fürs Detail. „Und es darf einen nicht nervös machen, wenn ein ganzes Set voller Menschen nur auf den Foodstylisten wartet“, ergänzt Weiss mit einem Augenzwinkern. Trotz aller Tricks ist immer Eile geboten, Timing und Sorgfalt sind entscheidend in diesem Geschäft.

Ein bisschen weniger getrickst als in der Werbung wird übrigens bei Kochbüchern. Das bestätigt auch Stephanie Wenzel, Verlagsleiterin beim beliebten Kochbuchverlag GU. „Bei uns werden Food-Fotos natürlich auch inszeniert, aber das Gericht wird frisch gekocht und muss echt, muss essbar sein. Künstliches Nachhelfen mit ungenießbaren Pro­dukten lehnen wir kategorisch ab.“ Eine Haltung, die auch zunehmend in der Werbung ankommt. „Natürlichkeit liegt klar im Trend“, bestätigt Marc Weiss. „Auch beim Film versucht man zunehmend, ausschließlich mit Lebensmitteln auszukommen, echte Produkte zu zeigen.“

ZURÜCK ZUR NATUR

Gibt es also auch Trends im Foodstyling? „Natürlich, Bilder sind immer Zeugnis ihrer Zeit“, so Stephanie Wenzel. „Vor einigen Jahren waren klare Bildanordnungen modern. Unsere Küchenratgeber zeigten nur das Gericht, nichts Ablenkendes außen herum. Heute wird das eher als zu clean empfunden. Nach einem Relaunch zeigen wir nun kleine Welten, atmosphärische Situationen, die mit dem Gericht verknüpft werden. Das Styling soll nicht mehr den Eindruck von Perfektion erzeugen, sondern das Gefühl: Das kann ich auch.“ Vielleicht können Sie sich also in naher Zukunft doch beruhigt das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Tipps vom Foodstylisten

 

Wenn Sie für Ihre Website, ein Prospekt oder Ihre Speisekarte ein Gericht fotografieren - Foodstylist Marc Weiss sagt Ihnen, worauf Sie achten sollten.

 

Mit Liebe kochen

„Man sieht sehr wohl, ob ein Koch die verwendeten Produktemit Sorgfalt und Respekt zubereitet und angerichtet hat.“

 
Kreativ bleiben

„Warum immer alles so machen, wie man es gewohnt ist? Lieber die Tomate oder die Petersilie anders – größer, kleiner, schräg, andersrum – schneiden.“

 
Hochwertige, frische Produkte

„Gute Qualität sieht einfach besser aus. Punkt.“

 
Der richtige Rahmen

„Das Geschirr – wenn das schön ist, sieht auch alles darauf besser aus.“

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