Ahoi Smutje!

Wen die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer packt, den zieht es aufs weite Meer. Jeden Tag arbeiten im Blick auf einen endlosen Horizont. Jede Woche in einem exotischen Land vor Anker gehen. Klingt nach einem Traumjob! Wir haben geprüft, wie traumhaft die Arbeit als Schiffskoch wirklich ist.

01.09.2013
toggle Sidebar

"In den letzten zehn Jahren ist das Arbeiten auf hoher See wieder attraktiver geworden. Viele reizt das Abenteuer und die guten Verdienstmöglichkeiten."
MATTHIAS WOLTER, ZENTRALE HEUERSTELLE HAMBURG

Früher wurde nicht lange gefackelt: Wenn ein Schiff neue Besatzungsmitglieder brauchte, dann holte man sich diese einfach in der nächsten Bar. Dort wur­den Männer erst betrunken und dann mit einem Schlag auf den Schädel bewusstlos gemacht. Am nächsten Morgen befand sich das Opfer bereits auf hoher See.

Heute funktioniert das Recruiting auf Schiffen natür­lich anders. Geschanghait, wie man die oben erwähn­te Mannschaftsbeschaffungsmaßnahme nannte, wird (hoffentlich) niemand mehr. Ausreichend und gutes Personal zu finden, ist aber immer noch schwierig. Einer, der das aus eigener Erfahrung nur zu gut weiß, ist Günter Lorenz. Der Burgenländer war 20 Jahre lang für die Luxus-Linie Crystal Cruises un­terwegs. Vom Koch hat er sich hinaufgearbeitet zum Corporate Executive Chef. „Für die Arbeit auf einem Schiff muss man gemacht sein“, weiß er. „Wer kein Durchhaltevermögen hat, nicht belastbar ist, der bleibt nicht lange.“ Denn in der Re­gel wird täglich mindestens zehn Stun­den gearbeitet, und das sieben Tage die Woche, vier bis fünf Monate am Stück. Die Anforderungen und der Stress-Level sind hoch: Die Seeluft macht die Gäste hungrig und der Aus­flug in eines der Restaurants auf dem Schiff ist häufig das Highlight des Tages.

OHNE KÖNNEN GEHT’S NICHT

Eine gute Ausbildung ist Grundvoraussetzung. „Die internationale Küche muss man beherrschen, schnell und sauber arbeiten können“, erklärt Lo­renz. Denn das Menü wird täglich mehrmals ge­wechselt. Das Angebot muss den Geschmäckern und Vorlieben der verschiedenen Nationalitäten angepasst werden. Zudem wünschen sich die Gäste die regionalen Spezialitäten der bereisten Gebiete auf der Karte. Vielseitigkeit ist also Pflicht.

Auch strenge Hygienevorschriften gilt es zu berück­sichtigen. Kein Wunder: Hat man erst einmal irgend­welche Keime an Bord, wird man sie so schnell nicht mehr los. Bei vielen Menschen auf engem Raum für längere Zeit wird eine ansteckende Krankheit zum Problem. Sind mehr als zwei Prozent der Besatzung betroffen, muss dies den Behörden gemeldet werden. Und dann gibt es schnell negative Schlagzeilen, die natürlich keine Cruise Line haben will.

Gesund sollte man also sein, wenn man als Schiffs­koch anheuern will. Bevor es losgehen kann, wird der Allgemeinzustand gründlich gecheckt. Die so­genannte „Seediensttauglichkeitsprüfung“ muss später regelmäßig wiederholt werden. Bei den Cruise Lines der oberen Kategorie legt man auch auf einen Body-Mass-Index im Normalbereich und ab­solute Drogenfreiheit Wert. Dafür bemüht man sich auch unterwegs, dass das Personal gesund bleibt. Meist gibt es einen Freizeitbereich mit Sport- und Fitnesseinrichtungen und abwechslungsreiche, ge­sunde Kost für die Crew. Wer dagegen meint, auf Schiffen fließe der Rum immer noch in Strömen, wird enttäuscht sein: Hochprozentiges ist für die Crew absolut tabu. Auch, damit die Stimmung nach Feierabend nicht kippt. Denn in der Mann­schaft mischen sich oft bis zu 50 verschiedenen Nationalitäten. Wer kein Englisch beherrscht oder sich mit anderen Kulturen nicht arrangieren kann, der sollte besser auf dem Festland bleiben.

Die Arbeit auf einem Schiff ist also kein Zucker­schlecken. Dennoch funkeln die Augen von Gün­ter Lorenz verräterisch, wenn man ihn fragt, ob er jungen Köchen empfehlen würde, an Bord zu ge­hen: „Auf jeden Fall“, kommt es wie aus der Pis­tole geschossen. „Wenn man sein Arbeitspensum zügig erledigt, dann kann man die Nachmittage auf dem Crewdeck genießen oder bei einem Landgang die Umgebung erkunden. Auf dem Schiff ist im­mer was los.“ Sein ehemaliger Kollege und Executive Chef Manfred Schaller stimmt ihm zu: „Gera­de wenn man jung ist und etwas erleben möchte, lohnt es sich. Man lernt sehr gut zu kochen und in einem internationalen Team zu arbeiten.“

Wer jetzt Appetit auf Meer hat, kann sich entwe­der direkt bei einer Kreuzfahrtlinie oder einer Ree­derei bewerben. Zusätzlich gibt es eigene Recrui­ting-Agenturen, die Personal auf Schiffe vermitteln.

SEEBÄREN FÜTTERN

In Deutschland gibt es außerdem eine staatliche Fachvermittlung für Berufe in der Seeschifffahrt. Die Zentrale Heuerstelle Hamburg vermittelt Ausbil­dungs- und Arbeitsplätze auf dem Wasser. Wobei hier der Fokus nicht auf Kreuzfahrtschiffen, sondern auf der weit weniger luxuriösen Handelsschifffahrt und Hochseefischerei liegt, wo es darum geht, hart arbei­tende Seemänner satt zu kriegen.

Matthias Wolter ist Berater in der Heuerstelle und seit Jahren dabei. Er informiert ehrlich über die Vor- und Nachteile des Arbeitsplatzes Schiff. „Die Ver­dienstmöglichkeiten sind besser als am Festland“, weiß er. „Die Bezahlung richtet sich nach der Erfah­rung an Bord. Mit ein bis vier Jahren Erfahrung kann man nach deutschem Heuertarif mit ca. 3.300 € brutto monatlich rechnen. Ab dem fünften Jahr liegt der Tarif bei rund 3.500 €.“ Viele Möglichkeiten, das Geld auszugeben, hat man unterwegs nicht. Finan­ziell zahlt sich der Job also aus. „Dafür muss man damit umgehen können, dass es sich um ein unsi­cheres Arbeitsverhältnis handelt“, so Wolter. „In der Regel wird man für sechs Monate angeheuert. Vier davon ist man unterwegs, zwei Monate Urlaub wer­den drangehängt. Eine feste Anstellung bekommt man in der Seeschifffahrt eher nicht.“ Wer schon öf­ter mit einer Reederei gefahren ist, kann aber darauf hoffen, immer wieder angeheuert zu werden.

Einer, den Wolter immer wieder anruft, ist Hans-Ulrich Schade. Er fährt inzwischen 43 Jahre zur See: „Seit dem 28. August 1970 – daran erin­nere ich mich noch gut“, erzählt er. „Zuerst woll­te ich nur aus der DDR rauskommen, später war es pure Abenteuerlust – und irgendwann kann man nicht mehr anders.“ Wenn er heute zu lange daheim ist, dann wird er unruhig. „Dann juckt’s mich und ich will wieder los.“ Inzwischen haben sich seine Familie und er an die langen Zeiten un­terwegs gewöhnt. Dank Internet kann man heute auch leichter in Kontakt bleiben. „Früher haben wir Briefe geschrieben, die dann zwei, drei Mona­te später angekommen sind“, erinnert er sich.

Inzwischen kennt Schade die ganze Welt. Zuletzt war er vor den Küsten Perus und Südafrikas unterwegs. Er fährt vor allem auf Transport- und Forschungs­schiffen mit. Als sogenannter „Alleinkoch“ muss er sich nicht nur ums Kochen kümmern, sondern auch um Beschaffung und Lagerung der Lebensmit­tel. Eine Herausforderung: „Frischzeug gibt’s nur alle vierzehn Tage oder einmal pro Monat“, so Schade. „Vor allem Gemüse und das gute deutsche Fleisch wird tiefgekühlt mitge­nommen.“ Ob es gutes Rinderfilet gibt oder doch lieber günstigeres Schweine­schnitzel hängt vom Verpflegungssatz ab. Den gibt die Reederei pro Tag vor. Auf Forschungsschiffen ist er häufig et­was höher als sonst. Dann kauft Schade mehr vom Filet. Wie viel genau – das hat er inzwischen im Gefühl: „Ich kenn meine Leute“, winkt er auf die Frage nach einer Liste ab. „Bevor ich ein Schiff als Koch übernehme, hab ich schon im Kopf, wie viel ich von was brauche.“

DIE CREW BEI LAUNE HALTEN

Dass „seine Leute“ gut verpflegt werden, ist für Schade eine Herzensangelegenheit. Als erfahrener Seekoch kennt er auch alle Vorlieben: „Vorwiegend gibt es deutsche Hausmannskost – deftig und vor al­lem ausreichend, denn da wird ja hart gearbeitet“, erklärt Schade. „Wenn Filipinos mit an Bord sind, dann weiß ich, dass ich mehr Hühnchen mitnehmen muss, und wenn Spanier oder Portugiesen mitkom­men, dann kaufe ich zusätzlich Fisch. Damit sich die Crew fast wie zu Hause fühlt.“ Auf Forschungsschif­fen gibt es immer noch etwas „für die vegetarischen Ökofreaks.“ Als Schiffskoch steht er im Mittelpunkt, denn das gemeinsame Essen ist wichtig für die Stim­mung im Team. Viel Platz für Privatsphäre gibt es auf dem engen Schiff ohnehin nicht. Gesellig sollte man also besser sein.

Das Hantieren in engen, schwankenden Küchen ist Hans-Ulrich Schade inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch wenn das, was er an Bord vor­findet, von Schiff zu Schiff immer unterschiedlich ist. Manchmal gibt es nur wenige Quadratmeter Kü­che. „Da muss man dann improvisieren“, lacht er. Aber daran hat er sich über die Jahre schon gewöhnt und bringt trotzdem jeden Tag dreimal warmes Es­sen auf den Tisch. Immer gibt es mehrere Gerichte. Und für die Nacht bereitet er Snacks vor. Ein Rund-um-die-Uhr-Job, den Schade aber so bald nicht auf­geben will: „Solange ich durch die Seetauglichkeits­prüfung komme, mache ich weiter.“ Danach will er endlich zu Hause bleiben. In Priesitz, einem kleinen Dorf in der Nähe von Wittenberg. „Das liegt an der Elbe“, sagt er noch schnell. „Denn ganz ohne Wasser geht es eben nicht.“

Mangos für Klopapier

 

Günter Lorenz hat 20 Jahre lang für „Crystal Cruises“ gekocht.Er kennt die täglichen Abenteuer auf dem Schiff.

 

Wie kocht man in einer Küche, die ständigschwankt?

Die Küche auf einem großen Kreuzfahrtschiff ist einernormalen Restaurantküche schon sehr ähnlich. Aber es gibt gewisse Vorrichtungen, damit man bei starkem Seegang alles absichern kann: Die Töpfe werden an Schienen, die rund um den Herd verlaufen, befestigt, die Regale mit Riegeln abgesichert, vieles mit Seilen festgebunden. Und natürlich macht man Töpfe und Friteusen nie ganz voll und baut keine Türme aus Geschirr. Dass an turbulenten Tageneiniges zu Bruch geht oder verschüttet wird, lässt sich allerdings nicht vermeiden.

Sind Sie nie seekrank geworden?

Doch – ich war 20 Jahre lang seekrank (lacht)! Auch wenn es eine hervorragende medizinische Versorgungan Bord gibt. Aber man spürt natürlich den Wellengang trotzdem körperlich und schläft auch nie so tief wie auf festem Boden. Belastbarkeit ist also unerlässlich für die Arbeit auf einem Schiff.

Warum sind Sie trotzdem immer wieder aufs Schiff?

Ich mag die Arbeit in einem internationalen Team und das Unterwegssein. Das hat meinen Horizont als Koch und als Mensch enorm erweitert. Ich konnte mich entwickeln, kreativ sein und mein Netzwerk erweitern. Durch die unterschiedlichen Restaurants und die hohen Erwartungen der Gäste habe ich viele internationale Küchen und Produkte kennen gelernt. Weil wir keine Wiederholungen auf der Karte wollten, haben wir stets aktuelle Trends aufgegriffen, viel erforscht und probiert. Das Guest-Chef-System hat mich mit Köchen aus aller Welt in Kontakt gebracht.

Und wie funktioniert das logistisch?

Das ist eine der größten Herausforderungen: Alle notwendigen Waren in bester Qualität und ausreichender Menge immer parat zu haben. Die Gäste wollen jeden Tag ihre frischen Erdbeeren zum Frühstück – egal, wo sich das Schiff gerade befindet. Die 6.200 Produkte, die wir laufend benötigt haben, wurden weltweit eingelagert. Dennoch musste ich, z. B. wegen Einfuhrbeschränkungen, auch unterwegs laufend Fabriken, Gärtnereien und Schlachthäuser ausfindig machen, die hochwertige Produkte liefern können, und stets im Kopf haben, was wann wo Saison hat.

Oft genug mussten wir improvisieren.

Auf den Bounty Islands haben wir einfach mit den Inselbewohnern getauscht: Frische Früchte gegen Käse, Klopapier und einen Besuch beim Schiffsarzt.

Diese Webseite basiert auf modernen Webdesign-Standards, welche Ihre veraltete Browser-Version leider nicht mehr unterstützt. Um die Seite korrekt und in ihrer vollen Funktionalität darzustellen, müssen Sie einen aktuellen Browser installieren.