Das Jahr der Herausforderungen

Arbeitskräftemangel, Bürokratie und höhere Steuern: Hotellerie und Gastronomie stehen 2017 vor großen Herausforderungen. Michaela Reitterer (ÖHV) und Mario Pulker (WKO) teilen ihre Gedanken zu einigen Überschriften, die dieses Jahr bestimmen könnten.
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„Wir brauchen die HighPotentials in jedem Bereich. Und die holen wir uns!“

 

Michaela Reitterer hat sich viel vorgenommen für 2017. Eines ihrer wichtigsten Projekte: Die Top-Betriebe für den Infight auf dem Arbeitsmarkt rüsten.

 

Fall der Bestpreisklausel lässt Branche jubeln...

Das berühmte „Bohren dicker Bretter“. Was lange währt, wird endlich gut. Die ÖHV hat seit 2011 darum gekämpft. Jetzt liegt es an uns, das im Betrieb optimal umzusetzen. Wir müssen, nein: können Online-Vertrieb ganz neu denken, uns von altbewährten Mustern lösen, die gelernten Schranken im Kopf überwinden. Wer das Optimum herausholt, lässt sich von Experten Online-Marketing, Revenue Management und zeitgemäßes Yielding praxisnah erklären. Die ÖHV-Lehrgänge bekommen von den Teilnehmern seit Jahren die besten Bewertungen und werden trotzdem immer noch besser angepasst und laufend adaptiert.

 

Gäste buchen Zimmer verstärkt mobil...

Ist Fakt, daran gibt es nichts zu rütteln. Da gilt es selbstkritisch seine eigene Seite stets im Auge zu behalten – und zwar aus Gästesicht. Qualität ist, was der Gast wünscht.

 

Junge Gäste-Generation will günstige Zimmer und Lifestyle...

Hmm, denken wir einmal zurück: War das je anders? Glaube nicht: Lifestyle wollten wir doch alle, nur leisten konnten wir ihn uns nicht. Nichts Neues. Heute übernehmen Budget Hotels, was früher der Campingplatz oder die Pension war. Wobei auch heute wieder sehr viele „Jugendliche“ sehr lange im Hotel Mama leben und sich so durchaus gerne Unterkünfte für anspruchsvollere Gäste leisten: Der Altersschnitt in vielen Hotels ist heute viel niedriger als vor einigen Jahren.

 

Hotel-Dumpingpreise gefährden die ganze Branche...

Von Gefährdung der ganzen Branche würde ich nicht reden und die allermeisten Preisdumper würden gerne ganz anders arbeiten – nämlich profitabel. Die Branche ist vielmehr durch eine kurzsichtige Politik gefährdet: Die Umsatzsteuer gerade für die zu erhöhen, die Arbeitsplätze schaffen und regional investieren, ist … eben :/. Da liegt die Gefahr. Jede nächste KV-Erhöhung ist zehnmal so hoch wie die Lohnnebenkostensenkung.

 

Hotellerie sucht nach neuen Vertriebswegen...

Nein, die Vertriebswege kommen auf uns zu. Wir bespielen sie.

 

Soziale Medien noch zu wenig genutzt...

Ganz und gar nicht! Da passiert schon so viel Below-the-line-Marketing und so gut, dass es nicht unangenehm wird. Filme und Emoticons spielen uns da echt in die Hände für den Vertrieb unserer emotional so stark aufgeladenen Angebote. Für den Direktvertrieb sind Social Media (noch?) sehr ungeeignet. Aber wenn das Gate einmal aufgeht, sind wir als Erste dort. So wie der Tourismus im klassischen Online-Vertrieb, bei Online-Bewertungen und der Sharing Economy Vorreiter war, so wird es bei jedem neuen Vertriebsweg sein. Da täuscht der Eindruck. Wiewohl sicher einige immer noch darauf warten, dass der Gast anruft. Die orte ich aber nicht unter unseren Mitgliedern.

 

Self-Check-In-Automaten auf dem Vormarsch...

Tatsächlich? Hotellerie 4.0? Ja, natürlich: Die Margen sinken, die Lohnnebenkosten steigen, die Gewerkschaften machen Politik für die, die nicht arbeiten wollen, statt für die Arbeitswilligen: Hauptthemen der Gewerkschaften sind die Abschottung des Arbeitsmarktes, mehr Urlaub, möglichst wenig Bewegung bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit. Der Self-Check-in-Automat ist immer für dich da. Wenn der Gast damit gut leben kann, kann es der Hotelier auch. Und zwar sehr gut. Arbeiten 4.0 wird dennoch anders sein.

 

Jeder erfolgreiche Betrieb braucht eine Nische...

Natürlich. Die Nische für die Betriebe ohne Nische ist die Preisdumping-Nische. Auch eine Möglichkeit! Aber eine, die die wenigsten freiwillig wählen. Frei nach dem Motto: Wer nichts zu erzählen hat, muss über seinen Preis erzählen.

 

Hotellerie: Neuer Lehrberuf soll Branche interessanter für Nachwuchs machen...

Wir haben genau die Arbeitsplätze, die die Jugendlichen (und ihre Eltern) suchen: internationale Karrierechance, Jobsicherheit, ständig Neues und neue Leute kennenlernen, herumkommen und das mit Online- und Social Media-Schwerpunkt – in einer erfolgsentscheidenden Position. Klar, dass solche Leute gesucht (und gut bezahlt!!) werden. Bewerbungen an jedes Top-Hotel, attraktiver Arbeitsplatz ist im Gehalt inkludiert :-). Wer kein Talent für die Lehre hat, kann ja studieren.

 

LÖSUNGEN

FRISCH hat ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer befragt, wie sie die größten Herausforderungen in der Hotellerie 2017 in den Griff bekommen möchte. Hier sind ihre Antworten.

 

So nutzen Hoteliers die Digitalisierung sinnvoll:

Mit individuellen Lösungen für jeden Betrieb. Da braucht es inhouse die Kompetenz, da braucht es auch zugekaufte Expertise von außerhalb. Die ÖHV hilft in beiden Bereichen – mit Ausbildungen für die Chefs und Teams sowie mit einem Set von Preferred Partnern, die ihre Kompetenzen enorm weiterentwickeln. Da tut sich gerade sehr viel!

 

So bekomme ich die Nachwuchsprobleme in der Hotellerie in den Griff:

Politik und Sozialpartner liefern keine passenden Antworten – da müssen wir das Heft selbst in die Hand nehmen. Mein Motto ist da: vom Fordern zum Handeln. Der Tag der offenen Hoteltür ist ein Beitrag, die richtige Ausbildung für Führungskräfte eine andere. Man muss aber auch sich selbst als Arbeitgebermarke positionieren, authentisch und glaubwürdig sein. Ein Inserat reicht da nicht.

 

Dieses Gesetz braucht kein Mensch:

Viele! Das Ausländerbeschäftigungsgesetz von 1975: Das sperrt Leute, die arbeiten wollen, aus, und verwehrt Menschen, die im Land sind und einen Lebensunterhalt benötigen, den Zutritt zum Arbeitsmarkt. Oder weite Teile der Gewerbeordnung, eines der wenigen Gesetze, das noch älter ist. Das regelt tatsächlich das „Feilbieten im Umherziehen von Haus zu Haus“, aber die Sharing Economy kommt mit keinem Wort vor. Alle reden davon, für jedes neu beschlossene Gesetz zwei alte zu streichen. Aber wer tut es?

 

So viele Stunden sollte ein Mitarbeiter in der Hotellerie maximal arbeiten dürfen:

Ich arbeite oft an die 80 Stunden und länger pro Woche und hoffe, dass mir das niemand verbieten will – warum denn auch? Ansonsten haben wir Obergrenzen. Die entsprechen zwar nicht dem Wunsch vieler MitarbeiterInnen, aber wenn Regierung und Gewerkschaft meinen …

 

Das würde unserer Branche extrem weiterhelfen:

Wenn die Politik erkennt, dass der Tourismus in diesem Land viele Arbeitsplätze schafft, viel Geld aus dem Ausland ins Land holt und das in der Region verteilt durch Löhne und Gehälter, Aufträge an das regionale Gewerbe, die Ausgaben der Gäste in Handel und Gastronomie, Personenverkehr, Reisebüros, Sport- und Freizeitwirtschaft. Und wie es ohne Tourismus aussähe. Dass wir die kleinen Betriebe vor Ort brauchen. Sonst geht es uns wie mit den Tante Emma-Läden und den Postämtern, den Gasthäusern, Geschäften und Volksschulen im ländlichen Raum: Der Aufschrei kommt immer erst, wenn alles weg ist. Dann ist es zu spät.

 

Diese Trends sollte jeder Hotelier 2017 auf dem Schirm haben:

Den zunehmenden Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. Wer sich da auf die Politik verlässt, setzt sein Unternehmen aufs Spiel. Wir haben zwar viel zu viele Arbeitslose, aber die Politik bringt sie nicht in den Erwerbsprozess. Da muss man selbst aktiv werden, sonst steht man irgendwann alleine da, ohne Koch und ohne Kellner. Einige Gastronomen mussten heuer schon zeitweise zusperren.

 

Das tue ich, damit Airbnb der Hotellerie nicht weiter schadet:

Airbnb an und für sich ist ein Vertriebskanal wie viel andere. Aber Airbnb kann uns dabei helfen, die schwarzen Schafe unter seinen Hosts ausfindig zu machen – auch im eigenen Interesse, damit die Marke Airbnb nicht durch den Verdacht der systematischen Steuerhinterziehung beschädigt wird. Airbnb hat das bisher nicht erkannt. Wir haben aber in Gesprächen mit Landesregierungen Wege gefunden, wie man hier den Überblick bewahrt.

„Faire Rahmenbedingungen und fairer Wett-bewerb!“

Mario Pulker, der Obmann des Fachverbandes der Gastronomie der WKÖ teilt seine Gedanken zu so heiklen Themen wie Mangelberuf, dem Sterben der Landgasthäuser und der Registrierkassen-Pflicht.

 

 

Immer mehr Kaufhäuser und Modelabels werden Gastronomen...

Dieser Geschäftszweig hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Grundsätzlich ist dagegen aus unserer Sicht nichts einzuwenden, da es sich ebenfalls um gewerbliche Gastronomiebetriebe handelt. Häufig gibt es hier besondere „Lockangebote“, bei denen von Seiten des Möbelhauses Vorsicht geboten ist. Preise unter dem Einkaufspreis können zum Beispiel wettbewerbsrechtlich problematisch sein!

 

Gastronomie fordert flexiblere Arbeitszeiten-Modelle...

Die Arbeitszeiten in der Gastronomie sollten sich – natürlich mit gewissen wöchentlichen Höchstgrenzen und entsprechender Bezahlung – nach den Wünschen der Gäste richten. Wenn eine Hochzeit oder ein anderes Fest einmal etwas länger dauert, sollte es möglich sein, die Leute nicht vor die Türe setzen zu müssen!

 

Registrierkassen: So schlimm war´s dann doch nicht...

Ich habe von Anfang an die Meinung vertreten, dass die verpflichtende Registrierkasse grundsätzlich eine gute Idee ist, weil nur so fairer Wettbewerb herrschen kann. Die missglückte und überhastete Umsetzung mit vielen Verschiebungen und zahllosen Unklarheiten sowie die umfangreichen Ausnahmen für Veranstaltungen von politischen Parteien hinterlassen am Ende aber einen schlechten Beigeschmack.

 

Chat-Bots: Restaurants setzen auf Digitalisierung...

Die Digitalisierung ist sicher eines der größten wirtschaftlichen Themen der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Auch für die Gastronomie bieten sich neue Möglichkeiten, sei es bei der Platzreservierung oder beim Lieferservice. Wie weit die Digitalisierung schlussendlich in der Gastronomie Einzug hält, werden letzten Endes die Gäste entscheiden, denn nur was nachgefragt wird, wird letzlich auch weiterentwickelt.

 

Allergene: Kennzeichnungspflicht kurz vor dem Fall?...

Die Allergenkennzeichnung hat uns zwar zu Beginn viel Kopfzerbrechen bereitet, aber durch die flexiblen Umsetzungsmöglichkeiten haben wir erreicht, dass die Betriebe so wenig wie möglich belastet werden. Wir werden aber auf jeden Fall alles dafür tun, dass die EU die Allergenverordnung in den REFIT-Prozess aufnimmt und in diesem Rahmen erneut auf ihren tatsächlichen sachlichen Nutzen hin evaluiert.

 

Stöger: Kein Mangel an Köchen und Kellnern...

Das ist eine Frage des Maßstabes. Mag sein, dass es sich im österreichischen Durchschnitt gerade ausgeht, aber das hilft den Betrieben in Westösterreich, die händeringend Mitarbeiter suchen, nicht weiter. Entweder man mutet den Arbeitssuchenden mehr Mobilität zu, oder man sieht ein, dass es sich bei Köchen um einen Mangelberuf handelt. Beides zu ignorieren wird auf Dauer nicht gutgehen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das aktuelle Arbeitsprogramm der Regierung diesbezüglich auswirken wird. Die gesteigerte Mobilität von Arbeitssuchenden ist darin ebenfalls ein Thema.

 

 

 

 

LÖSUNGEN

Welche Lösungsansätze hat Mario Pulker für die Herausforderungen in der Gastronomie? Der Obmann des Fachverbandes der Gastronomie (WKO) verrät es dem FRISCH-Magazin im Kurzinterview.

 

So haben Landwirtshäuser wieder eine Chance:

Meine simple Forderung lautet: Faire Rahmenbedingungen und fairer Wettbewerb! Als Wirt zahlt man Steuern und schafft Arbeitsplätze. Zum Glück haben immer mehr Menschen ein Gespür für die Problematik und erkennen, wie wichtig es ist, im Dorf ein Wirtshaus zu haben.

 

Das ist meine Strategie, um die Nachwuchsprobleme in der Gastronomie in den Griff zu bekommen:

Enge Zusammenarbeit mit Ausbildungsexperten zur Überarbeitung und Attraktivierung der verschiedenen Lehrberufe. Wie in jedem Job gibt es Menschen, denen gewisse Tätigkeiten mehr und gewisse Tätigkeiten weniger liegen. Wenn man dahinter ist, kann man es in der Gastronomie aber sehr weit bringen, auf der ganzen Welt arbeiten und dabei auch sehr gut verdienen. Gute Fachkräfte haben bei uns praktisch eine Arbeitsplatzgarantie.

 

Dieses Gesetz braucht kein Mensch:

Das ist eine schwierige Frage, weil Gesetze in der Regel schon einen Sinn haben. Aber wenn sich Kollegen kostspielige Lüftungsanlagen einbauen müssen, weil die Raumhöhe 2,97 statt 3 Meter beträgt, fragt man sich schon, ob der Gesetzgeber nicht manchmal mit mehr Augenmaß agieren könnte. Vernünftige Regelungen für solche konkreten Beispiele und generell weniger Bürokratie wären dringend notwendig.

 

Mit diesem Arbeitszeitmodell wäre Gastronomie UND Mitarbeitern geholfen:

In Deutschland ist eine Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit im Gespräch; fortan könnte es dort nur noch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben. Ich höre oft, dass Mitarbeiter lieber an wenigen Tagen länger arbeiten würden, um dafür einen zusätzlichen Tag frei zu haben. Vielleicht könnte man ein ähnliches Modell auch bei uns andenken.

 

Das würde unserer Branche einen großen Schritt weiterbringen:

Ganz klar: Mehr Verständnis der Politik für die Anliegen der Branche. Dem Tourismus und der Gastronomie im Speziellen wurden in letzter Zeit viele Steine in den Weg gelegt. Im neuen Arbeitsprogramm der Regierung sind aber einige Punkte dabei, von denen wir auch profitieren können. Ein Deregulierungspaket und flexiblere Arbeitszeiten wären auf jeden Fall ein guter Anfang, um für bessere Arbeitsbedingungen in der Branche zu sorgen.

 

So verpassen Gastronomen den Anschluss an die Digitalisierung nicht:

Das Schöne an der Digitalisierung ist, dass viele Sachen, die früher unglaublich kompliziert waren, jetzt einfacher werden. Für die Gastronomie ist in diesem Bereich in erster Linie Social Media interessant; generell kommt es aber immer auf das jeweilige Zielpublikum des Betriebs an. Für Betriebe mit einer jungen, technik-affinen Zielgruppe ist eine Bespielung der Social-Media-Kanäle heutzutage unerlässlich. Grundsätzlich gilt: Wenn man Social Media nutzt oder mit Apps bzw. anderen Firmen kooperiert, sollte man das ernsthaft betreiben und nicht nur als Spielerei abtun. Bevor man Social Media nur halbherzig nutzt, sollte man lieber ganz darauf verzichten.

 

Wie das Image der Gastronomie verbessert werden kann:

Das Image der Gastronomie ist nicht unbedingt schlechter als das anderer Branchen, aber als große Branche polarisieren wir natürlich sehr stark. Die Branche befindet sich im Umbruch und ich bin überzeugt, dass sich das auch auf das Image positiv auswirken wird.