Helden der Region

Die bäuerliche Landwirtschaft in Österreich ist in einer Krise. Zwischen hoher Qualität und niedrigen Preisen gibt es oft keinen Kompromiss. Hannes Royer über die Macht des Konsumenten.
toggle Sidebar Obwohl Österreich selbst so viel Milch produziert, dass fast 500.000t exportiert werden, importiert Österreichs Handel immer noch fast 100.000t Milch.

Was ist Land schafft Leben und wer sind Sie?

Land schafft Leben ist ein unabhängiger Verein, der einen ehrlichen und transparenten Blick in die Lebensmittelproduktion Österreichs wirft, damit Konsumenten wieder – zusätzlich zum Geldwert – den Wert von heimischen Produkten erkennen können. Ich selbst bin Bergbauer. Mein Hof ist 800 Jahre alt und hat jahrhundertelang Menschen ernährt. Da wird einem bewusst, welchen Wert Lebensmittel haben. Dieses Wissen ist in der Bevölkerung verloren gegangen. Als ich vor zwei Jahren auf die Lebensmittelhändler zugegangen bin, hat niemand eine rosige Zukunft für die Landwirtschaft gesehen. Wenn kein Bewusstseinswechsel bei den Konsumenten kommt, dann wird die bäuerliche Landwirtschaft in Österreich spätestens in zehn Jahren nicht mehr existieren – das war der Tenor. Also dachte ich, ich sollte etwas tun.

Was läuft falsch?

Das Schnitzel ist völlig anonym und es machen sich nur mehr sehr wenige Menschen Gedanken, wie das Tier gelebt hat. Dabei geht es nicht nur um den Gedanken des Tierschutzes, sondern auch darum, was dahinter steckt – die Arbeit, die Tradition und die Sicherheit. Das wird nicht mehr beachtet, einfach weil man’s nicht mehr weiß. Die Menschen machen ihre Werte inzwischen nur noch über den Preis fest. Österreichische Lebensmittel können allein über den Preis aber nicht bestehen. Am Markt hat man entweder die Kostenführerschaft oder die Qualitätsführerschaft. Wir in Österreich werden nie die Kostenführerschaft haben. Einfach aufgrund klimatischer, geografischer Bedingungen. Daher müssen wir in Richtung Qualität gehen und das kostet eben etwas. Wenn die Geiz-ist-geil-Mentalität weiterhin aufrecht bleibt, wird’s uns Bauern oder die bäuerliche Produktionsweise in Zukunft nicht mehr geben.

Was passiert dann?

Mit jedem Bauern, der kein Bauer mehr sein kann, verlieren wir einen Lebensmittelproduzenten, regionale Produkte, aber auch Traditionen und Kulturraum. Man denke an die Schigebiete: Schladming, Zell am See, Kitzbühel – diese Urlaubsgegenden gibt es nur, weil sie von Bauernhand erhalten und gepflegt werden. Das große Ganze wird nicht mehr gesehen.

Und was wollen Sie tun?

Wir zeigen den Wert österreichischer Lebensmittel – dadurch stärken wir das Bewusstsein der Konsumenten und auch die Unternehmen in Österreich. Wenn das österreichische Produkt nicht mehr wichtig ist und es nur mehr um den Preis geht, verlieren wir die österreichische Produktion. Die Landwirtschaftskammer hat erhoben, dass in zehn Jahren ein Viertel der Bauern in Österreich nicht mehr existieren wird. Da wird sich auch im Lebensmittelhandel sehr vieles ändern. Außerdem bringt Land schafft Leben die Händler und Verarbeiter an einen Tisch. Ich finde es extrem gut, dass Industrie, Handel und Lebensmittelverarbeiter auf unsere Idee aufgesprungen sind und das unterstützen. Nun sitzen die schärfsten Mitbewerber an einem Tisch und suchen gemeinsam nach Lösungen für den Lebensmittelproduktionsstandort Österreich. Das finde ich total spannend.

Warum brauchen wir heimische Produkte?

Wenn man die Produktion im eigenen Land verliert, kommt man in eine Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten. Andererseits kann man sich durch regionale und heimische Produkte sowohl im Handel als auch in der Gastronomie differenzieren. Man muss sich nur das Beispiel Lagenwein ansehen: Die spezielle Hanglage mit dem speziellen Boden sorgt für ein ganz spezielles Aroma und den ganz speziellen Preis des Weins. Die Konsumenten kaufen das und schätzen das! Diese Chance hat jedes Restaurant mit regionalem Angebot, das auf ganz eigenen Produkten fußt.

Wie machen Sie nun Bewusstseinsbildung?

Wir schauen uns an, wie die Bauern und die Verarbeiter arbeiten, recherchieren jedes einzelne Lebensmittel. Wir sehen uns ganz genau jeden Schritt der Wertschöpfungskette an. Welche Player gibt’s etwa bei der Milch? Wer sind die Betriebe, wer sind die Molkereien, wer sind die Wissenschaftler, was tut sich in der Forschung? Wir verschweigen nichts, beschönigen nichts und skandalisieren dabei nicht. Uns ist wichtig, dass die volle Wissenstiefe da ist und wir auch keine kritischen Themen auslassen. Dann muss das Wissen natürlich verbreitet werden. Das geschieht auf unserer Website und indem wir derzeit durchs ganze Land fahren, Pressetermine wahrnehmen und Kooperationen mit Fernsehsendern, Schulen, Universitäten eingehen, um von unserer Arbeit zu erzählen.

Wie schaffen Sie es, dass Ihnen die Bauern vertrauen und Ihnen die Türen öffnen?

Es gibt ja immer wieder Skandale, die Lebensmittelverarbeiter skeptisch sein lassen gegenüber Medien. Anfangs war es natürlich schwer, gerade als wir noch nicht an der Öffentlichkeit waren und noch keine Beispiele vorweisen konnten. Meine persönliche Überzeugung ist aber, dass man in der österreichischen Landwirtschaft alles herzeigen kann. Auch die Bauern und Verarbeiter haben erkannt, dass die Konsumenten es zu schätzen wissen, wenn man ihnen zeigt, wie die Realität aus-sieht. Selbst die Schlachthöfe, die anfangs Zweifel gegenüber unserer Recherche hatten, haben keine einzige negative Reaktion von Konsumenten bekommen. Man darf den Konsumenten ruhig mehr zutrauen. Wer Fleisch isst, der muss auch zur Kenntnis nehmen, dass dieses Tier getötet wird. Das können wir nicht ändern. Wir zeigen her, wie es ist.

Welches Interesse haben Ihre Förderer an Ihrer Arbeit?

Unseren Förderern liegen österreichische Lebensmittel am Herzen, genauso wie uns. Das sind zum einen Verarbeiter aus der Obst- und Gemüsebranche als auch aus der Milch-, Schweine- und Geflügelwirtschaft. Zum anderen Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels und mit KRÖSWANG nun auch der erste Großhändler. Die Vielfalt an Förderern gewährleistet unsere Unabhängigkeit. Das sehen auch unsere Förderer so. Sie alle sind der Meinung, dass es eine unabhängige und unpolitische Initiative benötigt, um die Konsumenten neutral über den Wert österreichischer Lebensmittel zu informieren. Dadurch schaffen wir die Möglichkeit, den Wert und die Qualität von Lebensmitteln wieder neu zu fassen, und die Konsumenten können eine bewusste Kaufentscheidung treffen.

Gibt es Initiativen wie diese auch außerhalb von Österreich?

In Europa gibt es noch kein vergleichbares Projekt. Deshalb ist auch das internationale Interesse so groß. Das französische Fernsehen war da und auch der deutsche Gemüseverband hat angefragt. So eine Idee kann man gerne abkupfern, das darf und soll überall gerne gemacht werden. Das Thema „Regionale Lebensmittel“ ist bei uns schon ziemlich groß und wird auch in anderen Ländern immer stärker. Aber dennoch gibt es noch viel zu tun.

Welche Rolle spielt der Konsument und welche der Handel?

Der Griff ins Regal beeinflusst die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion beim Bauern über die Art der Verarbeitung bis hin zur Präsentation im Lebensmittelhandel. In Frankreich beispielsweise kaufen die Menschen viel Käse, dadurch gibt es ein riesiges Angebot. Ein Käseregal in Frankreich hat etwa 20–25 Laufmeter, in Österreich sind das nur drei Meter. Das bestimmt der Konsument. Auch bei der veganen Bewegung war das zu beobachten. Mit jedem verkauften veganen Käse stieg der Umsatz und man konnte zusehen, wie die Regalmeter wachsen. Das ist doch spannend: Das passiert nur durch unseren Griff dorthin.

Und die Rolle der Gastronomie?

Der Außer-Haus-Verzehr von Lebensmitteln liegt bei 50 %. Das ist ein enormer Anteil. Es ist ein ganz großer Gewinn für uns, dass KRÖSWANG sich als erster österreichischer Großhändler dazu entschieden hat, uns zu unterstützen. Ich hoffe, dass dem Beispiel noch einige Großhändler folgen werden und dass auch der Großhandel erkennt, dass wir mehr auf heimische Produktion setzen müssen. Gerade österreichische Unternehmen sollten höchstes Interesse daran haben, dass die Österreicher österreichische Produkte essen.

Was ist Ihr Wunsch an den Konsumenten, an jeden Menschen?

Bewusst einkaufen, bewusst konsumieren. Interesse dafür haben, was man täglich isst, und sich darüber informieren – am besten auf www.landschafftleben.at


VEREIN „LANDSCHAFFT LEBEN“

Der Verein LAND SCHAFFT LEBEN aus Schladming in der Steiermark will zeigen, wie Lebensmittel in Österreich produziert werden – transparent und ohne zu werten. Er will den Menschen das Lebensmittel wieder näherbringen und das geht am besten über Wissensvermittlung.

HANNES ROYER ist Bergbauer im Nebenerwerb und Initiator des Vereins und er will die Landwirtschaft „so abbilden, wie sie ist“. „Wir beschönigen nicht, wir skandalisieren nicht“, sagt Royer über den Verein. Die derzeit sieben Mitarbeiter stellen jedes Lebensmittel umfassend dar. Dafür recherchieren sie über viele Monate an einem Lebensmittel, machen sich ein Bild von der gesamten Branche, sie befragen Produzenten, Verarbeiter, Forscher und Händler. Derzeit arbeitet der Verein an Informationen zu den Themen Schweinefleisch, Salat, Butter, Kren und Karotte. In ein paar Jahren, so hofft Initiator Hannes Royer, wird die Plattform ein umfangreiches Informationsangebot zu sämtlichen Lebensmitteln sein, auf der sich Konsumenten informieren können.