Keine Kuh ohne Namen

Viele Großmolkereien in Europa beziehen ihre Milch von Betrieben mit mehr als tausend namenlosen Tieren. In Österreichs größter Molkerei ist das aufgrund der speziellen Unternehmensstruktur anders. Denn die Eigentümer von Berglandmilch sind rund 12.000 Bauern.
toggle Sidebar „Die Rohmilchqualität ist heute so gut wie noch nie.“ - Josef Braunshofer, Geschäftsführer Berglandmilch

Die Kulisse täuscht: Wer eines der elf Werke der Berglandmilch in Österreich besucht, sieht sich modernster Technik gegenüber. Viele tausend Liter Milch fassende Nirostatanks schimmern matt in riesigen, keimfreien Reinräumen und speisen vollautomatisierte Produktionsstraßen, denen weiß gewandete Mitarbeiter an Computerdisplays den Takt vorgeben. Unglaubliche 1.200 Millionen Liter Milch werden so jährlich von Österreichs größter Molkerei verarbeitet. Sie werden behandelt, verpackt, zu Käse gereift und veredelt. Und finden schließlich unter Markennamen wie „Schärdinger“, „Tirol Milch“, „Latella" oder „Landfrisch“ den Weg in Supermarktregale, in Küchen und auf Esstische in ganz Europa.

Sonderweg Genossenschaft


Doch die Hightech-Produktionsstraßen hat kein Lebensmittelkonzern finanziert. Kein von Aktienkursen bestimmtes Managementboard beschäftigt die rund 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaftet mit ihnen rund 850 Millionen Euro Jahresumsatz. Denn Berglandmilch gehört den rund 12.000 Bauern, die täglich ihre Milch in die Molkereien liefern. Jeder von ihnen wird mit der auf Antrag beschlossenen Aufnahme Teil einer Genossenschaft und damit Mitbesitzer. Er verpflichtet sich, seine gesamte Produktion abzugeben, und bekommt dafür Milchgeld. Die Genossenschaft Berglandmilch verpflichtet sich im Gegenzug jeden Liter Milch ihrer Genossenschafter täglich abzuholen. Der Preis für jeden Liter wird vom zehnköpfigen Vorstand beschlossen, der sich ausschließlich aus Milchbauern zusammensetzt. Das macht Berglandmilch unter den großen europäischen Molkereien zu etwas Besonderem. Denn die spezielle Genossenschaftsstruktur hat großen Einfluss auf die Produktionsbedingungen.

David gegen Goliath

Die landwirtschaftlichen Betriebe der Berglandmilch Genossenschaftsbauern haben nämlich im Durchschnitt nur etwa 20 Kühe. Durch diese kleinteilige Struktur wird das Milchvieh nicht nur artgerechter gehalten und individueller versorgt. Sie trägt auch dazu bei, dass in Österreich eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft erhalten und Milch im Einklang mit der Natur produziert wird. „Bei uns in Österreich hat noch jede Kuh einen Namen“, erklärt Josef Braunshofer, seit 2003 Geschäftsführer der Genossenschaft, den Unterschied zu den großen Konkurrenten in Deutschland oder den Niederlanden. Dort stehen in den Betrieben zwischen 400 und über 1.000 Tiere. Aus einer Kuh wird so kaum mehr als eine Nummer mit durchschnittlicher Produktionskapazität. International gesehen ist Berglandmilch deshalb ein relativ kleiner Produzent. „In Deutschland gibt es Molkereien, die an einem Standort mehr produzieren, als wir an elf“, sagt Braunshofer. Die Bauerngenossenschaft macht sich um die Qualität der eigenen Produkte deshalb besonders viele Gedanken. Denn preislich hat die Konkurrenz das bessere Blatt: „In Deutschland und den Niederlanden ist das Land flach und die Winter sind wesentlich milder. Dadurch und durch die Massentierhaltung ergeben sich wirtschaftliche Vorteile, die sich natürlich auch im Preis niederschlagen. Wir setzen konsequent auf Qualität und bauen darauf, dass die Konsumenten das schätzen“, erklärt Braunshofer den Zusammenhang.

S-Klasse-Milch

Berglandbauern verpflichten sich aus diesen Gründen mit der Aufnahme in die Genossenschaft, nur gentechnikfreies Futter zu verwenden. Seit diesem Jahr gibt es darüber hinaus die Auflage, Futtermittel nur aus der EU zu beziehen. So soll verhindert werden, dass Sojaschrot aus Brasilien in den Futterkreislauf kommt. In anderen Ländern auch nicht selbstverständlich: Österreichische Kühe trinken ausschließlich Trinkwasser. Die Qualität der Milch steigt durch alle diese Maßnahmen: „Mehr als 90 Prozent der österreichischen Milchbauern produzieren S-Sonderklasse-Milch“, ist Braunshofer auf den österreichischen Sonderweg stolz. Damit das so bleibt, werden die Berglandbetriebe ständig überprüft. Vier Mal im Monat testet ein unabhängiges Labor die Milch jedes einzelnen Genossenschaftsbauern. Außerdem werden bei unangekündigten Kontrollen die Futtermittel untersucht. „Schon das Ausgangsprodukt, die Rohmilch, ist dadurch heute so gut wie noch nie“, meint Braunshofer und erinnert sich: „Als ich 1988 in der Molkerei angefangen habe, war ein Fruchtjoghurt durchschnittlich 21 Tage haltbar, heute sind es 45 bis 50 Tage. Das schaffen wir völlig ohne Konservierungsstoffe, ausschließlich auf Basis der besonders hohen Rohmilchqualität und der extremen Hygiene bei der Verarbeitung.“

Über 1.000 Artikel

Neben der Qualität von Ausgangsprodukt und Verarbeitung sind es aber vor allem Produktvielfalt und Produktinnovationen, mit denen Braunshofer und sein Team Märkte in ganz Europa überzeugen wollen. Über 1.000 Artikel in den Bereichen Frischprodukte, H-Milch, Käse, Butter, Joghurt und Topfen werden von der Berglandmilch hergestellt. Darunter auch viele, die die gehobene Gastronomie ihren Gästen serviert. Bei der Tirol Milch in Wörgl, wo jedes Jahr rund 30.000 Tonnen Käse reifen, betreiben die Käsemeister beispielsweise im Kitzbüheler Lebenbergstollen extra einen eigenen Felsenkeller, in dem die Produktspezialität Tiroler Felsenkellerkäse lagert. Die konstante Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit verleihen der Käsespezialität einen Geschmack, den vor allem die sonst so preisbewussten Nachbarn schätzen: „In Deutschland ist dieser Käse unter unseren meist-gekauften Produkten“, freut sich Braunshofer und man merkt ihm an, dass er längst an einer Strategie arbeitet, wie er noch mehr deutsche Konsumenten davon überzeugen kann, für die österreichische Milch- und Käsequalität ein paar Cent mehr zu zahlen.