Perfekte Welle?

Kredite gibt es derzeit so günstig wie noch nie. Zusätzlich wirbt der Staat mit attraktiven Förderversprechen. Lohnt sich deshalb vielleicht gerade jetzt die Investition in den eigenen Betrieb? FRISCH hat sich die Förderlandschaft angesehen und mit Insidern darüber gesprochen.
toggle Sidebar Für mich ist genau jetzt die richtige Zeit für eine Investition in meinen Betrieb. 

Die Recherche zu diesem Artikel ist nicht immer ermutigend. „Ich glaube nicht, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Beitrag über Investitionsmöglichkeiten ist“, meint etwa Martin Stanits, Pressesprecher der Österreichischen Hotellerie Vereinigung (ÖHV): „Der Prozentsatz der Betriebe, die momentan genug eigene Liquidität haben, um von den historisch niedrigen Zinsen zu profitieren, liegt im niedrigen zweistelligen Bereich, denke ich. Da helfen dann auch Investitionsprämien nichts.“

Trotzdem könnte sich für einige Unternehmen im Bereich Hotellerie und Gastronomie die aktuelle Situation als richtiger und vor allem kostengünstiger Zeitpunkt für ein Investment in die Zukunft erweisen. Denn ein paar gewichtige Argumente sprechen dafür, gerade in der gästelosen Zeit Qualität, Infrastruktur und neue Angebote weiterzuentwickeln: Der Staat hat eine weitere Welle billiges Geld auf die Märkte losgelassen, die ausbleibenden Touristen eröffnen ein Zeitfenster für stressfreie Renovierungen und die absehbare Covid-Impfung wird hoffentlich nächstes Jahr einen großen Nachholbedarf beim Reisen und Ausgehen auslösen.

So viele Förderungen

Die vom ÖHV-Pressesprecher angesprochenen, neu aufgelegten Förderungen des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) sind dabei nur eines von mehreren Beispielen für die Impulse, die die lahmende Wirtschaft derzeit wieder in Schwung bringen sollen. 7 % nicht rückzahlbaren Zuschuss gibt es auf Antrag beim Austria Wirtschaftsservice (aws) für Investitionen in die bessere Wettbewerbsfähigkeit. Ganze 14 % kann man sich als Hotelier und Gastronom sogar für Ausgaben im Bereich Digitalisierung oder in die Ökologisierung des eigenen Betriebs holen. Etwa, wenn man sich eine eigene App programmieren lässt, die Restaurant- und Zimmer-Zugänge mit kontaktloser Technik umbaut, oder sich für eine nachhaltige Heizungsanlage entscheidet.

Mehr als 30.000 Anträge

Laut aws wird besonders diese neue Förderung in fast allen Branchen sehr gut angenommen: „Das aktuelle Antragsvolumen übersteigt mit mehr als 30.000 Anträgen bereits die Zwei-Milliarden-Euro-Grenze. Mehr als die Hälfte davon betrifft Investitionen in die Ökologisierung und Digitalisierung“, meint etwa Mag. Wolfgang Drucker vom aws. Bis 28. Februar könnten laut BMDW noch weitere Anträge ab 5.000 Euro Gesamtinvestition eingebracht werden, die bei Erfüllung aller Kriterien aufgrund der beihilfenrechtlichen Konstruktion in jedem Fall zu bedienen seien, meint der aws-Pressesprecher etwas technisch.

Daneben gibt es noch die Förderungen der österreichischen Tourismusbank (ÖHT). Etwa den Top-Investitions-Zuschuss in Höhe von 5 % für Projekte im Umfang von 100.000 bis 700.000 Euro. Oder die Jungunternehmerförderung, bei der Land und Bund zusammenspielen müssen und bei Bewilligung satte 15 % für Projekte zwischen 20.000 und 250.000 Euro zuschießen. Zudem ist diese Förderung auch noch mit anderen Instrumenten wie ERP-Krediten und Bundeshaftungen kombinierbar.

Um von diesen Instrumenten zu profitieren, muss bei vielen Antragstellern allerdings erst ein neuer Kredit bewilligt werden. Und genau da liegt derzeit eine der größten Herausforderungen. „Wir betreuen ein Kaffeehaus“, erzählt etwa Ursula Seigfried, Eigentümerin eines mittelständischen Bilanzbuchhaltungs-Unternehmens in Wien. „Wir haben mit unserem Klienten gemeinsam lange mit der Hausbank verhandelt und immer wieder neue Belege beigebracht, die die Bonität untermauern sollten. Am Ende des langen Prozesses hat es aber dann doch nicht geklappt. Das hat selbst bei uns Kopfschütteln ausgelöst“, klagt sie übers Telefon.

Für Fälle wie diesen gibt es schon etwas länger die ÖHT-Bundeshaftung. Die österreichische Tourismusbank übernimmt dabei für Kredite ab 100.000 bis maximal vier Millionen Euro die volle Haftung für 80 % des Fremdkapitals. Die Hausbank bleibt also bei Kreditausfall lediglich auf 20 % der geliehenen Summe sitzen. Dadurch soll die Kreditvergabe selbst bei eingeschränkten Besicherungsmöglichkeiten angekurbelt werden. Voraussetzung für die Gewährung der ÖHT-Haftung sind allerdings ein wirtschaftlich stabiles Unternehmen und ein schlüssiges und zukunftsfähiges Betriebskonzept.

Beides spielt für den Antragsprozess auch bei anderen ÖHT-Investitionsförderungen und Krediten eine wichtige Rolle, weiß Michael Schlagbauer vom Reiterhotel Michlhof. Er hat über die letzten Jahre für seinen Betrieb am steirischen Stubenbergsee immer wieder kleinere bis mittelgroße Investitionen getätigt und sich so für die Zukunft gut aufgestellt: „Man muss sich rechtzeitig informieren, welche Fördermöglichkeiten es bei Bund und Land gibt, und bei der Antragstellung geduldig und genau sein“, berichtet er. „Ganz wichtig ist das Betriebskonzept. Ich habe den Vorteil, dass Reiten in Kombination mit dem Hotel und dem See ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist. Trotzdem habe ich erst im November nochmals umgestellt und unser Gasthaus geschlossen“, erzählt er: „Ich konzentriere mich jetzt voll auf die Beherbergung, weil die Zahlen zeigen, dass das besser kalkulierbar und ertragreicher ist.“

Michael Schlagbauers neue Investition, für die die ÖHT die Haftung übernimmt und die teilweise vom Land gefördert wird, fließt deshalb in einen gerade beginnenden Dachgeschossausbau, der es ihm ermöglicht, nun auch größere Familienzimmer anzubieten. Außerdem wird es einen Liftzubau geben und der Wellnessbereich bekommt einen Facelift. Wirtschaftlich so gut, dass er solche Kredite stemmen konnte, lief es für ihn allerdings nicht immer: „Ich habe 15 Jahre lang mit dem Rücken zur Wand gestanden. Damals wollte mir niemand Geld geben oder die Haftung übernehmen. Erst als ich bereit war, mich zu ändern, mein Konzept anzupassen und genau auf meine Zahlen zu schauen, hat sich das geändert.“

Heute ist Schlagbauer sogar froh über die genaue Prüfung durch die ÖHT. „Das Controlling dort ist sehr gut und die enge Zusammenarbeit der ÖHT mit der Hausbank viel wert“, meint er. Bereut er nicht, dass er gerade jetzt einen Kredit zurückzahlen muss? „Für ein Investment ist bei mir genau jetzt die richtige Zeit“, widerspricht er bestimmt. „Kredite waren noch nie so niedrig verzinst und ich sehe für meinen Betrieb eine gute Zukunft. Die Menschen werden noch die nächsten zwei bis drei Jahre ihren Urlaubsort bewusster wäh-len und vermehrt auf die hohe regionale Qualität in Österreich setzen. Ich hoffe, das wird sich für mich positiv auswirken.“

Investieren im Lockdown

Ähnliche Überlegungen brachten auch Familie Ebner aus Faistenau im Salzkammergut dazu, sich mitten im ersten Lockdown für die größte Investition ihrer Betriebsgeschichte zu entscheiden. „Wir haben uns damals vor dem Hintergrund zahlloser Stornierungen zusammengesetzt und darüber diskutiert, wie wohl der Sommer werden wird. Die Erwartungen waren offen gestanden sehr niedrig und wir haben erwartet, dass wir nicht gut ausgelastet sein werden. Deshalb haben wir uns nach längerem Abwägen bewusst für den Bau unseres neuen „Waldspas“ entschieden, um die Zeit zu nutzen und danach besser aufgestellt zu sein“, erzählt Geschäftsführer Rudolf Ebner. Der Sommer wurde für die Ebners zum Glück viel besser als erwartet. Das Projekt „Waldspa“ ist mittlerweile aber trotzdem fast abgeschlossen. Auch in diesem Fall ist daraus ein echtes Alleinstellungsmerkmal für das Hotel geworden. Denn die schwarzen Holzkuben, die Saunen und Ruheräume beherbergen, sind auf Stelzen in den Waldhang hinter dem Hotel gebaut und mit großflächigen Fenstern versehen. So entsteht für die Gäste ein außergewöhnliches Spa-Erlebnis, das ihnen das Gefühl gibt, mitten im Wald zu liegen statt wie sonst oft im Keller des Hotels.

Mit Berater zum Kredit

Die Machbarkeitsstudie für das „Waldspa“ hat im Frühjahr die Prodinger Tourismusberatung durchgeführt, die auch beim Ansuchen für den Kredit unterstützte. „Das war eine große Hilfe“, ist sich Rudolf Ebner sicher. „Durch die lange Erfahrung mit solchen Anträgen wissen die Prodinger-Spezialisten natürlich genau, welche Zahlen und Angaben besonders wichtig sind.“ ÖHT und Hausbank bewilligten schließlich mitten im Lockdown einen so genannten „Top Tourismus Kredit“. Man kann ihn für Finanzierungsvorhaben ab einer Million Euro bis zu einer Höhe von fünf Millionen Euro beantragen. Bei Neubauten wie dem „Waldspa“ kann dabei die Hälfte der Kreditsumme gefördert werden. Für diesen Teil müssen dann für die nächsten zehn Jahre keinerlei Zinsen bezahlt werden. Im ersten Jahr werden auch keine Tilgungsraten fällig. Sie setzen erst im zweiten Jahr ein und laufen dann noch 13 Jahre. Einziger Haken: Man braucht 25 % Eigenmittel. Die Zinsbelastung für die verbliebenen 25 % der gesamten Kreditsumme sind aber dann neben den Bearbeitungsgebühren die einzigen echten Kosten für das geliehene Geld. Der Rest ist reine Rückzahlung.

Warum nicht noch mehr Betriebe solche verlockenden Angebote nutzen können, sei auch ein Liquiditätsthema, meint Thomas Reisenzahn, Geschäftsführer für den Bereich Tourismusberatung bei Prodinger. „Momentan gibt es natürlich keine Anzahlungen für Buchungen im Winter. Da ist es schwierig für die Betriebe, sich eine neue Investition zuzutrauen, weil meist 60 % des Jahresergebnisses genau in diese Zeit fallen.“ Vielleicht werden die gerade anlaufenden Auszahlungen der Fixkostenzuschüsse und der 80-prozentige Umsatzersatz für Hotellerie und Gastronomie daran noch etwas ändern. Müssen die Mutigen, die Förderungen und billige Kredite jetzt noch nützen möchten, seiner Ansicht nach Angst vor steigenden Zinsen in der Zukunft haben? „Ich kann da natürlich nichts Letztgültiges sagen. Aber ich persönlich glaube nicht, dass sich die Zinspolitik in den nächsten Jahren ändern wird“, meint der Tourismusexperte. So schlecht scheinen die Voraussetzungen für Investitionen momentan also auch nicht zu sein. 

„Ein guter Betrieb bekommt immer Geld.“

Eduard Altendorfer hat mit seiner Netzwerk Gruppe UnternehmensentwicklungsGmbH schon viele Hoteliers und Gastronomen bei Kreditvergabe und Förderansuchen beraten. FRISCH erzählt er, wie er das aktuelle Investitionsumfeld bewertet.

Die Zinsen sind historisch niedrig, viele Hausbanken sehen bei der Kreditvergabe derzeit allerdings vor allem die Risiken. Was können Hoteliers und Gastronomen tun, wenn sie die Zeit nutzen wollen, um gerade jetzt Investitionen in die Zukunft anzugehen?

In Österreich gibt es mit der TourismusBank (ÖHT) ein hervorragendes Instrument, um die Hausbanken bei der Minimierung des Finanzierungsrisikos zu unterstützen. Durch die ÖHT-Bundeshaftung für bis zu 80 % des Fremdkapitals können in der Regel selbst Kredite bewilligt werden, wenn die Besicherungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Heißt das, es ist momentan einfach, einen Kredit zu bekommen?

Nein, einfach ist es sicher nicht. (Lacht) Aber es ist möglich, wenn der Hotelier oder Gastronom ein schlüssiges Betriebskonzept vorlegt und generell ein wirtschaftlich stabiles Unternehmen führt. Der Unternehmer muss dafür marschieren, am besten persönlich mit den ÖHT-Sachbearbeitern reden und sich durch die Antragsformulare kämpfen. Aber dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er eine Finanzierung in relativ kurzer Zeit bewilligt bekommt. Und bezogen auf Konditionen und Fördermöglichkeiten ist die Zeit dafür gerade einmalig.

Könnten Sie das präzisieren?

Es gibt derzeit sehr viele Investitionsförderungen vom Bund und von den Ländern. Etwa jene des Austria Wirtschaftsservice (aws) mit 7 bis 14 % des Kreditvolumens oder den Top-Invest-Zuschuss der ÖHT mit 5 %. In der Steiermark verdoppelt das Land den letztgenannten Zuschuss sogar noch. Im besten Fall bedeutet das, dass fast ein Viertel der Investitionskosten für eine Maßnahme im Bereich Ökologisierung oder Digitalisierung aus Förderungen kommen könnte. Wenn ein Betrieb etwa einen Webshop programmieren lässt oder in eine umweltverträgliche Heizung für den Wellness-Bereich investiert.

Kreditzinsen und Tilgung müssen aber trotzdem bezahlt werden und momentan sieht es mit dem Cashflow noch weniger gut aus.

Viele der ÖHT-Instrumente müssen im ersten Jahr nicht getilgt werden. Das verschafft jedenfalls etwas Luft. Bei den ERP-Krediten übernehmen manche Länder sogar einen Teil der Kreditzinsen. Bei kleineren Investitionen kommen Kärnten, Niederösterreich und die Steiermark sogar ganz für die Kreditzinsen auf.

Bleibt das Problem des Eigenkapitals. Oft ist ein Viertel der Investitionssumme Voraussetzung für eine Kreditzusage.

Das ist richtig. Aber wenn ein schon länger bestehendes Unternehmen dieses Kriterium nicht erfüllen kann, ist ein Kredit vielleicht nicht das Richtige. Anders ist das bei Jungunternehmern oder Gründern. Auch in diesem Bereich gibt es spannende Förderinstrumente. Etwa einen Einmalzuschuss für Projekte mit einer Investitionshöhe von 20.000 bis 250.000 Euro. Wenn das Land mitspielt, sind das 7,5 % von der ÖHT und 7,5 % vom Land, also insgesamt 15 %. Dieser Zuschuss lässt sich außerdem mit der kleinen Variante eines ERP-Kredits und der ÖHT-Bundeshaftung kombinieren. Der Betreiber des Restaurants in unserem neuen Design-Hotel Spinnerei in Linz konnte genau so die Finanzierung für seinen Betrieb aufstellen.

Sie sehen also nach wie vor Möglichkeiten, sinnvoll zu investieren?

Absolut. Ein guter Betrieb bekommt immer Geld. Wenn wir die gästefreie Zeit hinter uns gelassen haben, werden auch Gasthäuser mit guten Köchen wieder Gewinn erwirtschaften und Hotels, die langfristig in Qualität investiert haben, gut gebucht sein. Durch den bereinigten Markt ergeben sich dann auch wieder neue Chancen. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Zur Person

Eduard Altendorfer gründete bereits 1991 die Netzwerk Gruppe, wo er bis heute mit einem kleinen Team die Gastronomie und Hotellerie in Österreich und Bayern berät. Im Jahr 2009 folgte außerdem die Food & Beverage Academy, im Rahmen derer er karriereorientierte Mitarbeiter ausbildet. 2014 stieg er gemeinsam mit Paul Gürtler und Rinaldo Bortoli auch selbst wieder ins operative Gastronomie- und Hotelgeschäft ein. Er pachtete das Vier-Sterne-Hotel am Domplatz in Linz, eröffnete im gleichen Jahr das pauls küche.bar.greisslerei und im Jahr 2016 mit dem stadtliebe Speis + Schank ein weiteres Restaurant in der Landeshauptstadt. Im August 2020 fand zudem das Eröffnungsevent für das Spinnerei Design Hotel statt.