Null ist Nice

Immer mehr, vorwiegend junge Leute gehen abends in Bars und verzichten auf Alkohol. Was vor 20, 30 Jahren noch unter dem chauvinistischen Titel 'Spaßbremse' gelaufen wäre, ist heute ein internationaler Megatrend. Denn null Promille bedeutet nicht mehr, nur an einer Cola zu nippen.
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Im Social-Media Zeitalter wird jeder Abend dokumentiert. 

Wer hätte das gedacht – gerade Deutschland und Österreich, deren statistischer Pro-Kopf-Alkoholkonsum seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz im internationalen Ranking belegt, entdecken den Reiz der Nüchternheit. Das kommt nicht von ungefähr, ist der Verzicht auf Alkohol doch mittlerweile weltweit im Vormarsch. Zurückzuführen ist das vor allem auf das gestiegene Körper- und Gesundheitsbewusstsein unserer Gesellschaft, aber nicht ausschließlich. Ein ganz wichtiger Impuls kam von der New Yorker Journalistin und Autorin Ruby Warrington, die 2016 eine Eventreihe mit dem Namen „Club Söda NYC“ startete. In diversen Workshops und Veranstaltungen sollten die Teilnehmer ihr Verhältnis zum Alkohol reflektieren. Ihre Erfahrungen mündeten in das 2018 erschienene Buch „Sober Curious“, was auf Deutsch mit „Nüchtern, aber neugierig“ übersetzt wird. Es geht dabei nicht um den bloßen Verzicht, es geht um ein komplettes Lebenskonzept ohne Alkohol. Kein Bier, kein Wein, kein Gin und kein Whiskey mehr zum Abschalten vom beruflichen Stress, zum Aufwärmen vor der Familienfeier oder um mit Freunden ausgelassen feiern zu können.

Gesundheit und Spaß

„Sober Curious“ ist mittlerweile in vielen amerikanischen Großstädten zu einer beachtlichen Bewegung gewachsen. Und diese Bewegung hat Spaß, richtig Spaß. In New York werden regelmäßig alkoholfreie Sobriety-Partys gefeiert, und Bars wie das Getaway oder die Listen Bar, wo überhaupt kein Alkohol ausgeschenkt wird, sind prall gefüllt. In Europa beweist London einmal mehr seinen Status als Trendsetter. Hier öffnete bereits 2014 die erste Redemption Bar von Catherine Salway und Andrea Waters. „Warum“, fragten sich die beiden damals, „soll man seiner Gesundheit schaden, nur weil man mit Freunden essen oder feiern möchte?“ Ihre Antwort entwickelte sich zum Hit – die Redemption Bar mit alkoholfreien Mocktails und Drinks sowie veganer, zucker- und weizenfreier Küche findet man heute bereits an drei prominenten Standorten in London.

Die Zeit ist reif

In den Augen von Jonny Forsyth, einem erfahrenen internationalen Analysten auf dem Gebiet alkoholischer Getränke und Kaffee, basiert der Trend zu alkoholfreien Mocktails noch auf einem weiteren, sehr bedeutenden Phänomen: „Wir leben im Social-Media-Zeitalter, jeder Abend wird durch Fotos, Videos und Beiträge dokumentiert. Übermäßiges Trinken ist daher etwas, das viele vermeiden wollen, denn auf Social-Media verbreiten sich Inhalte rasend schnell und bleiben wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens bestehen.“ Diese Diagnose bedeutet bestimmt nicht das Aus für die Bar-Gastronomie, aber zeigt, dass vor allem junge Menschen nach schmackhaften, alkoholfreien Alternativen suchen. Die Industrie hat sich bereits darauf eingestellt und immer mehr Produzenten steigen in den wachsenden Markt alkoholfreier Spirituosen ein.

Eine Frage des guten Geschmacks

Wer heute alkoholfrei feiern möchte, hat deutlich mehr Alternativen als noch vor ein paar Jahren. Schiebt die Limo und das Sprudelwasser zur Seite, jetzt werden Gin Tonic, Mojito und Negroni aufgetischt! Ja, fast die gesamte klassische Cocktail-Palette lässt sich mit den neuen alkoholfreien Spirituosen mixen. Und obwohl mit dem Alkohol der zentrale Geschmacksträger fehlt, schaffen es die Produkte mühelos, die nahezu selbe Geschmacksqualität wie die hochprozentigen Originale zu erreichen. Für alle Gastronomen, die ihren Gästen in Zukunft spannende Mocktails statt langweiliger Ananas-Shakes servieren möchten, hat FRISCH hier einen kleinen Überblick über die erfolgreichsten und jüngsten Anbieter alkoholfreier Spirituosen am Markt.

Destillate aus dem Wald

„Was soll man trinken, wenn man nicht trinkt?“ Diese Frage stellte sich auch der Brite Ben Branson, Gründer der Marke Seedlip, als er mit seinen Freunden nächtens durch die Bars zog. Also beschloss er, selbst zu handeln, und zog sich auf dem Gelände der elterlichen Farm mit einem kleinen Kupferkessel und dem Buch „The Art of Distillation“ aus dem Jahre 1651 in den Wald zurück. Aus den darin enthaltenen Angaben über die Destillation alkoholfreier pflanzlicher Heilmittel für Apotheken entwickelte er – so besagt es die Gründungsgeschichte – schließlich seinen ersten Seedlip.

In Wahrheit ist es völlig egal, wo Branson seinen Seedlip kreierte, seit der Markteinführung im November 2015 geht das Ding durch die Decke. Seine mittlerweile in drei Sorten erhältlichen Seedlips sind geschmacklich ganz nah am Gin und werden ihm förmlich aus der Hand gerissen. „Über 300 mit Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurants und die angesagtesten Cocktail-Bars der Welt führen unsere Produkte“, erzählt der sympathische Brite. Zusätzlich hat er 2017 den Nogroni entwickelt, das alkoholfreie Pendant zum klassischen Negroni, und seit kurzem bringt seine neue Marke Æcorn anspruchsvolle alkoholfreie Aperitifs auf den Markt.

Die volle Bandbreite

Weniger aus eigenem Bedarf, sondern weil er die Zeichen des Social-Media- Zeitalters erkannt hat, startete Alex Carlton sein STRYYK-Projekt. „Ich realisierte, dass die Zeiten, in denen man ausging, trank und tanzte, ohne beobachtet zu werden, ein für allemal vorbei waren.“ Nach zwei Jahren intensiver Entwicklung launchte der Brite 2018 seine Marke STRYYK mit den beiden Produkten Not Gin und Not Rum, im Jahr darauf folgte schließlich Not Vodka. Alle drei Spirituosen sind ganz klar als Gegenstücke zu ihren alkoholischen Kollegen positioniert und sollen den Gastronomen ermöglichen, eine möglichst große Vielfalt an Mocktails anbieten zu können.

Alex Carlton geht sogar noch einen Schritt weiter und unterstützt Barkeeper bei der Gestaltung ihrer Getränkekarten. „Wir helfen den Gästen auf einen Blick zu erkennen, dass es zu ihren klassischen Drinks und Cocktails auch eine geschmacklich entsprechende alkoholfreie Alternative gibt.“ Alle STRYYK-Spirituosen werden beim Mixen 1:1 als Ersatz für ihre alkoholischen Pendants verwendet, dadurch wird auch nicht so versierten Barkeepern das Zubereiten raffinierter Mocktails erleichtert.

Trinkkultur auch ohne Alkohol

Seit Juni 2019 mischt mit UNDONE ein deutsches Start-up die internationale Sober-Szene auf und hat gleich Großes vor: „Wir wollen maßgeblich dazu beitragen, den weltweiten Alkoholkonsum bis 2025 um 20 % zu reduzieren“, sagt Mehmet Ünlü, einer der Gründer des neuen Players und profunder Kenner der Branche. Schon kurz nach der ersten Produktpräsentation am „Bar Convent Brooklyn“ in New York waren 30.000 Flaschen verkauft. „UNDONE ist die erste Linie alkoholfreier Getränke, die aus echten, alkoholischen Destillaten hergestellt wird“, gewährt Ünlü einen Einblick hinter die Kulissen. Die Basis aller UNDONE-Getränke bilden hochwertige Gins oder Rums, die in kupfernen Pot-Stills destilliert werden. Die Rektifikation für diese Basisflüssigkeiten wird bei der niedrigsten möglichen Temperatur durchgeführt, um die maximale Menge an Geschmack zu extrahieren. Mehmet Ünlü bringt den Prozess sehr charmant auf den Punkt: „Wir haben das Beste aus der Welt der Spirituosen genommen und einfach den Alkohol entfernt.“ Im Sortiment finden sich alkoholfreie Alternativen zu Rum, Gin, Bitterlikör und Wermut. Die Essenzen der Bitterlikör- und Wermut-Alternativen werden aus nicht-alkoholischen Säften gewonnen und mit natürlichen Aromen wie Wacholder, Zitrone, Chili oder Ingwer kombiniert. Im Internet findet man zu jedem Produkt ein paar praktische Serviervorschläge, um seine Gäste mit alkoholfreien Cuba Libres, Mojitos oder Negronis begeistern zu können.

Verdammt guter Scherz

„Angefangen hat alles am 1. April 2016“, erzählen Raphael Vollmar und Gerald Koenen die Entstehungsgeschichte ihres Siegfried Wonderleaf. Damals erlaubten sie sich die Gründerväter der weltweit renommierten Gin-Marke Siegfried einen Aprilscherz und kündigten den ersten alkoholfreien Gin an. „Was wir nicht ahnten, waren die vielen positiven Rückmeldungen, die letztlich auch den Ausschlag für die Entwicklung unseres Siegfried Wonderleaf gaben“, so Vollmar. Der traditionelle Gin der Marke basiert auf 18 Botanicals und gilt als der am höchsten bewertete Gin der Welt, die Messlatte in Sachen Qualität lag also extrem hoch. „In einer Flasche Siegfried Wonderleaf stecken die gleichen 18 Botanicals wie im alkoholischen Pendant, darunter die Lindenblüte als Grundgerüst sowie Wacholder und leichte Zitrusnoten. Sie werden mazeriert und anschließend destilliert, allerdings in einem speziell entwickelten Verfahren“, so Vollmar über den aufwändigen Produktionsprozess.

Siegfried Wonderleaf soll kein Ersatz für Gin sein, sondern eine selbstbewusste Alternative mit eigenem Aromaprofil. „Wer den Wonderleaf als Baustein für hochwertigen Getränkegenuss verwendet, wird schnell verstehen, dass Genuss nicht auf Alkohol beschränkt ist“ untermauert Gerald Koenen die Konzeption als reines Mixgetränk. „Mit Tonic Water und Eiswürfeln wird der Wonderleaf zu einem erstklassigen alkoholfreien VirGIN Tonic.“ Schon vier Wochen nach Markteinführung waren 10.000 Flaschen an Private und Händler verkauft, und der Erfolgslauf hält weiter an.

100 % biologisch

Auch aus Österreich tritt ein alkoholfreier Gin an, um die Gaumen der Genießer zu überzeugen. Der Rick Free aus dem Hause Rick Gin ist seit November 2019 am Markt und konnte am letztjährigen Bar Convent Berlin, der weltweit größten Fachmesse für Spirituosen, das anwesende Fachpublikum begeistern. „Wir haben rund zwei Jahre an diesem Produkt gearbeitet“, erklärt Eigentümer Patrick „Rick“ Marchl. „Unser Rick Free ist ein komplexes zitruslastiges Destillat aus Orange, Zitrone, Grapefruit, Wacholder, Pfeffer und Ingwer.“ Der Qualitätsmaßstab von Rick Gin ist hoch, alle Inhaltsstoffe zu müssen zu 100 % aus biologischem Anbau stammen.

Wie groß und dynamisch der Markt für alkoholfreie Spirituosen aktuell ist, hat Patrick Marchl noch in Berlin erfahren. „Sofort nach der Präsentation des Rick Free gab es ganz konkrete Interessenten aus den USA, Japan, Spanien, Deutschland, Österreich und aus der Schweiz. Preislich liegt sein alkoholfreier Rick Free übrigens rund zehn Euro unter der alkoholischen Rick-Gin-Variante, eine Differenz, die auch bei Siegfried Wonderleaf im Gegensatz zum herkömmlichen Gin positiv zu Buche schlägt. Tja, wo kein Alkohol, da auch keine Alkoholsteuer.

Wermut ohne Wehmut

Ein charakteristischer Bestandteil vieler Cocktails ist natürlich Wermut, und auch hier sind bereits alkoholfreie Varianten am Markt. Eine davon kommt aus Deutschland, der Blutul Wermut, erhältlich als Bianco und Rosso. Blutul ist bekannt für seine alkoholfreien Weine, auf denen ja auch die Produktion von Wermut im Zusammenspiel mit Traubenmost und Kräutern basiert. Vor allem die Zusammensetzung des beigefügten Kräuterextrakts entscheidet über Geschmack und Aroma des Wermuts. Der Blutul Wermut Bianco überzeugt mit typischer Kräuternote und mildem Geschmack, während der Geschmack des Blutul Wermut Rosso als fruchtig, leicht süßlich und angenehm bitter zu beschreiben ist. Ob Gin, Rum, Vodka, Orangebitter oder Wermut, die alkoholfreien Varianten dieser Spirituosen sind stark im Kommen und die Auswahl wächst beinahe monatlich. Die Zeiten, in denen nur Autofahrer oder Schwangere freiwillig auf Alkohol verzichtet haben, sind endgültig vorbei. Nüchtern ist nice.

„Genuss ist nicht auf Alkohol beschränkt.“

Raphael Vollmar & Gerald Koenen haben mit Siegfried Rheinland Dry Gin und encore Vodka absolute Premium-Spirituosen auf den Markt gebracht. Jetzt legen sie mit dem alkoholfreien Siegfried Wonderleaf nach. FRISCH wollte mehr darüber erfahren.

Braucht die Welt wirklich alkoholfreien Gin?

Raphael Vollmar: Gin & Tonic ist einer der beliebtesten Longdrinks Deutschlands. Die Tatsache, dass es so viele geschmacklich unterschiedliche Gins am Markt gibt, lässt darauf schließen, dass dem Markt der Geschmack sehr wichtig ist. Also wollten wir denen, die keinen Alkohol trinken können oder wollen, eine Alternative bieten.

Schmeckt Siegfried Wonderleaf 1:1 wie Siegfried Gin?

Gerald Koenen: Den Geschmack einer alkoholischen Spirituose kann man nicht imitieren und sollte das unserer Meinung nach auch gar nicht erst versuchen. Das Besondere an Siegfried Gin ist ja nicht der Alkohol an sich, sondern die Aromenvielfalt und deren Balance. Genau diese wollten wir in eine alkoholfreie Alternative übertragen. Der Geschmack ist bewusst anders, aber – sorry für das Eigenlob – ziemlich sehr gut.

Ist der Siegfried Wonderleaf zum Pur-Trinken gedacht?

Raphael Vollmar: Ein ganz klares Nein. Anders als bei einer alkoholischen Spirituose muss man sich schon beim Grundkonzept entscheiden – und wir haben uns für die Mixability entschieden. Wir sehen den Wonderleaf ja auch nicht als Gin-Ersatz, sondern als sehr gute Alternative. Gibt es Parallelen zwischen Siegfried Gin und Siegfried Wonderleaf? Gerald Koenen: Der Wonderleaf basiert auf den gleichen 18 Botanicals, die Siegfried Gin zu dem am höchsten bewerteten Gin der Welt gemacht haben. Er trägt also mit Fug und Recht den Namen unserer Marke Siegfried.

Wie kam es zu diesem Namen?

Raphael Vollmar: Wonderleaf ist ein Kunstwort, bei dem wie bei Siegfried eine klare Anlehnung an die Nibelungen-Sage mitschwingt. Denn es war ja das Lindenblatt, das für Siegfried die Wende brachte ...

Zurück zum Gin – wer soll den Wonderleaf trinken?

Gerald Koenen: Wer den Wonderleaf als Baustein für hochwertigen Getränkegenuss verwendet, wird rasch verstehen, dass Genuss nicht auf Alkohol beschränkt ist. Man kann auch ohne Alkohol großartige Longdrinks und Cocktails genießen.

Gibt es noch eine Mix-Empfehlung?

Raphael Vollmar: Nein, erlaubt ist, was gefällt. Es muss nicht immer der klassische Gin & Tonic sein. Wir haben selbst schon sehr viel damit „gespielt“ – auch in der Küche. Es gibt also mehrere Bereiche, in denen der Wonderleaf eingesetzt werden kann.

Zu den Personen

Die beiden Rheinländer Raphael Vollmar und Gerald Koenen sind beste Freunde und seit Ende 2014 auch Geschäftspartner. Damals gründeten sie gemeinsam die Rheinland Distillers GmbH und brachten im Jahr darauf ihren ersten Siegfried Rheinland Dry Gin auf den Markt. Gleich im ersten Jahr konnten sie bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen für ihren Gin entgegennehmen. Heute sind sie mit ihren Produkten in 13 Ländern im Handel vertreten, der Dry Gin ist laut einer Nielsen-Studie der umsatzstärkste deutsche Gin ohne industrielle Beteiligung. Auch für ihre Produktgestaltung, sowohl Flasche wie auch Verpackung, wurde das Unternehmen bereits mehrfach ausgezeichnet.