Faktor Farbe

Lust auf Veränderung? Ein neuer Anstrich kann GastRäumen ein ganz anderes Ambiente verleihen. Doch Besonders bei der Farbwahl sollte man aufpassen. FRISCH hat recherchiert, worauf es dabei ankommt.
toggle Sidebar Modische Farben lieber bei leicht austauschbaren Elementen einsetzen. 

Erdig, natürlich, neutral, gemütlich, freundlich und zur historischen Substanz passend“, so beschreibt Thomas Neuber, Geschäftsführer des destilat Design Studios, das Raumgefühl des von seinem Innenarchitekturbüro designten Rossbarth in Linz. Für das in einem denkmalgeschützten Gewölbe befindliche Restaurant der beiden Haubenköche Marco Barth und Sebastian Rossbach haben die Architekten dezente Farben und eine ebenso raue wie grobe Texturierung gewählt. Damit schaffen sie den Rahmen für das minimalistische Interior Design, das von geräucherter Eiche und verzundertem Stahlblech geprägt ist, und unterstreichen zudem die Ursprünglichkeit der Küche, die auf einfachen, aber hochwertigen, regionalen Produkten basiert.

„Farbe ist als Teil des Gesamtkonzepts von Restaurants immer ein ganz zentraler Punkt unserer Planungen, weil ihre Wirkung sehr unmittelbar ist. Sie wird direkt spürbar und wir machen das Farbkonzept deshalb immer zuerst. Im Vergleich dazu ist beispielsweise das Beleuchtungskonzept oder die Akustik zwar für die Raumwirkung mindestens ebenso wichtig, allerdings für die Gäste viel schwerer bewusst zu fassen“, ¬erklärt der Architekt.

Das Linzer Lokal ist ein plakatives Bespiel dafür, wie Farb- und Texturwahl das Raumgefühl wesentlich beeinflussen und zudem das kulinarische Konzept eines Restaurants „untermalen“ können. Darüber hinaus greift es den Trend zu neutralen Farben auf, der in den letzten Jahren viele Restaurants prägte.

Sichere Wahl Unbunte Farben

Neutrale Farben wie Beige, Sand, Creme, Mittelgrau, Eierschale oder Greige besitzen nur wenig Buntton und keine Farbsättigung. Sie rufen bei Gästen keine eindeutige emotionale Reaktion hervor und sind damit für jeden Innenraum geeignet – im Gegensatz zu bunten Farben, die eine starke Farbsättigung aufweisen und damit einem Raum Charakter verleihen. Ein weiterer Vorteil neutraler Farben: Sie sind je nach Nuance sowohl für kühle als auch warme Farbschemata geeignet und eröffnen aufgrund ihrer dezenten Unaufdringlichkeit viel Freiheit in der Gestaltung von Räumen sowie in der Kombination mit bunten Farbtönen. Von clean bis gemütlich – sie können farbliche Ausgangsbasis unterschiedlichster Stilrichtungen sein. Neutrale Farben sind laut Neuber auch dann von Vorteil, wenn es darum geht, Ruhe und Weite in einen Raum zu bringen. Dunkle Farben hingegen verkleinern, verkürzen und begrenzen einen Raum.

Durch eine neutrale Wandgestaltung lassen sich außerdem sehr gut Akzente im Raum setzen. So können mittels kräftigerer Farben einzelne Wand- oder Deckenabschnitte akzentuiert sowie einzelne Bereiche her-vorgehoben oder abgegrenzt werden. Durch sie lassen sich außerdem Möbel sowie Dekorationselemente besser bewusst zur Geltung bringen, weil in neutraler Farbkulisse gestalterische Highlights erst richtig sichtbar werden. „Sollen Dinge langfristig Bestand haben, könnte es ratsam sein, auf eine eher dezente Farbgebung zu setzen. Denn zu intensive, modische Farben sind auch schnell wieder passé“, fasst Thomas Neuber von destilat zusammen und ergänzt: „Wir raten deshalb dazu, modische Farben lieber bei leicht und günstiger austauschbaren Elemente, wie beispielsweise Textilien zu verwenden.“

Mit zu starker Farbigkeit ist auch deshalb bedachtsam umzugehen, weil sie oft mit Eigenschaften wie günstig und billig assoziiert wird und Unruhe schafft. Im Falle eines Restaurants kann das dazu führen, dass sich die Aufenthaltsdauer der Gäste verkürzt. Ratsam ist daher, kräftige Farben und Farbkontraste nur als Eyecatcher zu nutzen – außer die Unruhe ist bewusst gewünscht, um etwa in einer Pizzeria eine höhere Drehung der Tische zu fördern.

Stimmungsfaktor Farbe

Farbe, Atmosphäre und Raumwirkung stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Gezielt eingesetzte Einzelfarbe, die Kombination von Farben sowie der Einsatz unterschiedlicher Strukturen beeinflussen die Raumwirkung, schaffen Atmosphäre und sie wirken sich außerdem stark auf die Stimmung der Menschen im Raum aus. Die farbliche Gestaltung eines Raumes hat somit insbesondere dort Relevanz, wo ein Raum eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat und eine bestimmte Wirkung entfalten soll. Doch welche Farbe passt am besten für das gewünschte Ergebnis? Wer einen Leitfaden bei der Farbwahl sucht, findet in der Farbpsychologie Anhaltspunkte.

Laut Farbpsychologie wirken Farben unbewusst auf den Körper, die Stimmung und das Wohlbefinden. „Unser Gehirn verarbeitet etwa 99 % aller Farbinformationen unbewusst“, sagt der Farbexperte Dr. Axel Buether. In einem ersten Schritt nehmen wir sie mit den Augen wahr, danach jedoch mit allen Sinnen. Die Farbpsychologie besagt, dass Farben sogar physiologische Prozesse im Körper anregen können. Daraus folgt: Mit Farben lassen sich bewusst Assoziationen herbeiführen, Verhalten steuern und Handlungen anregen. Zudem erfüllen Buether zufolge Farben auch noch viele andere wichtige Funktionen. Laut dem deutschen Farbforscher orientieren wir uns an Farben, identifizieren uns mit ihnen oder ernähren uns nach Farben – nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Farben mit Symbolkraft

Hinzu kommt, dass Farben Symbolkraft haben. Ein plakatives Beispiel dafür ist Rot. Der Farbe der Liebe wird unter anderem eine appetitfördernde, anregende und wärmende Wirkung nachgesagt. Sie wird aber auch mit Leidenschaft, Blut sowie mit Aggressivität, Wut oder Zerstörung in Verbindung gebracht. Laut Farbpsychologie macht Rot außerdem Lust aufs Essen und animiert die Gäste, länger zu verweilen. Dennoch wird es im Interior Design eher maßvoll eingesetzt, da es aufgrund seiner Signalwirkung auch zu Unruhe und Gereiztheit führen kann. Eine gute Alternative ist deshalb Orange. Es zählt wie Rot und Gelb zu den warmen Farben, ist laut den Farbpsychologen aber weniger dominant und regt trotzdem den Appetit genauso an wie Rot. Darüber hinaus wird Orange eine verdauungsfördernde und stimmungsaufhellende Wirkung nachgesagt: Orange ist die Farbe der Freude, des Lustigen und der Geselligkeit.

Doch trotz der richtungsgebenden Deutungen der Farbpsychologie greift im Interior Design eine Farbwahl rein nach farbpsychologischen Erkenntnissen zu kurz. Zum einen entfalten sich gewünschte Wirkungen erst im Zusammenspiel aller Farben im Raum, zum anderen ist die Wahrnehmung von Farben immer auch kulturell und persönlich geprägt. Die Emotionen, die Menschen mit bestimmten Farbtönen verbinden, und die Geschmacksurteile, die sie treffen, sind häufig von individuellen Erfahrungen und kulturellen Assoziationen gefärbt. „Man kann die Unterlagen über Farbenlehre und Farbpsychologie nach dem Studium getrost in eine tiefe Schublade verschwinden lassen – persönlicher Geschmack, Farbgefühl, Mode bestimmen diesbezüglich den beruflichen Alltag. Die schrecklichsten Konzepte sind schon auf Basis von Farbpsychologie entstanden“, lautet Neubers Fazit.

Ganzheitlicher Ansatz

Geht es um die Farbwahl, ist es – abgesehen vom persönlichen Geschmack – dennoch ratsam, Parameter wie Ausstattung, Proportionen, Belichtung und Nutzung zu beachten. Ein professionelles Farbkonzept berücksichtigt zudem, dass die Farb- und Materialwahl den Charakter des Konzeptes beziehungsweise die „Corporate Identity“ unterstreichen. Ist beispielsweise eine ruhige, elegante Stimmung gefragt, sind starke Farb- sowie große Hell-Dunkel-Kontraste zu vermeiden. Ist Bewegung gewünscht, bieten sich intensivere Farben und starke Kontraste an. Warme Farben sorgen für eine gemütliche und kommunikative Stimmung, kühle Farben wirken entspannend und beruhigend.

Je nachdem, wie der Raum anmuten soll, können durch das Zusammenspiel aus Farbe, Licht und Materialien unterschiedliche Effekte erzielt werden, sagt Architektin und Color-Designerin IACC Pia Anna Buxbaum: „Natürlich assoziieren wir mit einzelnen Farben bestimmte Gefühle, Geschmäcker und auch Gerüche, die wir uns zunutze machen können, doch letztlich geht es um das farbliche Gesamtbild.“ Profis arbeiten daher mit einer Palette an aufeinander abgestimmten Farben, einer sogenannten Farb-Familie. Das können laut Rene Rauls, Geschäftsführer des Studios Komo – holistic interior affairs, unterschiedliche Nuancen einer Farbe sein, beispielsweise Abstufungen von Blautönen oder verschiedene Farben mit gleicher oder ähnlicher Tönung, beispielsweise Blau und Rot mit einem Anteil an Schwarz für einen cremigen/vergrauten Effekt. „Dies schafft im Innenraum mehr Tiefe, die der Gast auf den ersten Blick nicht unbedingt wahrnimmt. Es ist mehr eine gefühlte/subtile Wahrnehmung“, erklärt Rauls und ergänzt: „Vermeiden sollte man Farben, die keine Aussage treffen und/oder thematisch nicht ins Bild oder Konzept passen. Beispielsweise poppige Farben, die nur dazu da sind, einen ‚Kontrast‘ zu schaffen. Wenn dieser Kontrast thematisch nicht verstanden wird und im weiteren räumlichen Konzept keine harmonische Verlinkung findet, geht der Schuss nach hinten los.“

Ein Farbkonzept bezieht neben Wand und Decke übrigens auch den Bodenbelag, die Möblierung sowie alle Textilien mit ein. So kann beispielsweise Holz durch entsprechende Behandlung farblich in eine bestimmte Richtung gedreht werden. Rauls zufolge ist es wichtig, wenn auch Material als Farbe im Innenraum berücksichtigt und „bei der Abstimmung aller räumlich erlebbaren Oberflächen harmonisch ins thematische Konzept integriert wird. Schließlich würden auch Oberflächenmaterialien maßgeblich bestimmen, wie Räume wahrgenommen werden. „Spiegel können kleine Räume vergrößern, Tageslicht transportieren und ‚gefühlt‘ ein fehlendes Fenster ersetzen“, nennt Rauls ein Beispiel.

Lichtspielereien

Zusätzlich kann der Einsatz von Licht die gewählte Farbe in ihrer Leuchtkraft und Wirkung unterstützen. Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass Tageslicht und Kunstlicht ein und dieselbe Farbe in einem „ganz anderen Licht“ erscheinen lassen können. Wichtig ist daher, die Farbpalette bei verschiedenen Lichtverhältnissen zu testen. „Licht bringt Farben erst zum Strahlen, weshalb es ganz wichtig ist, die Farbkonzepte im richtigen Licht zu überprüfen“, sagt Buxbaum und führt weiter aus: „Größere Farbflächen haben im Allgemeinen stärkere Effekte als kleine. Um eine Grundstimmung zu schaffen, ist es beispielsweise sinnvoll, auf großen Flächen hellere Farben anzubringen. Kleine Flächen eignen sich gut, um mit intensiveren Nuancen Akzente zu setzen.“

Auch Raumwirkung und Proportionen können mit Farbgestaltung beeinflusst werden. So lassen dunkle Farben Räume kleiner und helle Farben Räume großzügiger und weiter erscheinen. Ein dunkler Farbanstrich am Plafond senkt hohe Decken optisch ab. Lange Räume werden optisch verkürzt, wenn sich an der Stirnwand ein dunklerer Farbton befindet als an den Seitenwänden. Die Fortsetzung der Wandfarbe über den oberen Rand in die Decke wiederum vergrößert Räume optisch.

Doch wie auch immer die Farbwahl schlussendlich ausfällt: „Ein starkes Gastronomie-Konzept lebt von einer mutigen Aussage, einem Statement. Dieses sollte auf dem Teller und im Interior erkennbar sein. Beides muss unverkennbar miteinander verbunden werden“, sagt Rene Rauls und führt noch einen weiteren wichtigen Punkt ins Treffen: „Digital Natives informieren sich oft in sozialen Netzwerken, daher sollte der Innenraum auch ‚Instagrammable‘ sein. Die Optik und die thematische Aussage spielen heute eine immer größere Rolle.“

Mut zu einem gewagteren Farbkonzept kann sich also durchaus bezahlt machen. Wer nicht selbst ein gutes Gespür für die Wirkung von Farben hat, sollte sich aber im Zweifelsfall lieber professionell beraten lassen. 

Experiment mit Hirn

Farben beeinflussen Stimmung und Verhalten. Das untermauert auch die so genannte „Brainwave-Farbstudie“, bei der Wissenschaftler die Gehirnwellen von Restaurantgästen in verschiedenen Farbumgebungen vermessen haben. Einige Beispiele, welche Farbtöne am besten zu verschiedenen Restauranterlebnissen passen.

Meditatives Grün

Die Ergebnisse der Hirnstrommessungen sprechen der Farbe Grün belebende Eigenschaften zu. Sie regt die Tiefenentspannung an. Im grün gehaltenen Raum lag die Herzfrequenz unter dem Durchschnitt. Die Teilnehmer beschrieben den Raum als entspannend, ruhig und einladend. Sie würden das Restaurant z. B. zum Mittagessen besuchen oder um einen Kaffee mit einem guten Freund zu trinken.

Romantisches Rot

Rot ruft starke Gefühle hervor. In der roten Restaurantumgebung wurden hohe Delta- und Thetawellen gemessen, die für eine starke emotionale Reaktion stehen. Auch die Herzfrequenz lag im oberen Bereich, was auf eine stimulierende Umgebung hinweist. Es überrascht nicht weiter, dass Rot vor allem mit Romantik und einem Drink am Abend assoziiert wird. Rot hat aber auch eine anregende und fröhliche Komponente.

Anregendes Gelb

Gelb ist eine dominante und fröhliche Farbe. Die Hirnwellenmessungen deuteten auf starke Erregung und bewusste Konzentration hin, in Extremfällen jedoch auch auf eine höhere Stressbelastung. Gelb wurde als gute Wahl für Frühstückslokale eingestuft, weil es die Stimmung heben und den Restaurantbesuchern einen Energieschub für den Tag verschaffen kann. Gelb war auch die beliebteste Farbe für Restaurants, die man gerne mit Kindern besucht.

Beruhigendes Blau

Die Studienteilnehmer konnten in der blauen Umgebung besonders gut entspannen. Hohe Thetawellen zeu-gen auch von Kreativität und einer starken emotionalen Reaktion. Blau ist damit eine geeignete Farbe für familienfreundliche Lokale, in denen man frühstückt oder einen Kaffee trinkt. Sie passt eher nicht zu einem luxuriösen Restauranterlebnis oder zu geschäftlichen Meetings.

Elegantes Schwarz

Schwarz gilt als niveauvoll, modern und elegant, aber auch als unfreundlich und langweilig. Schwarz wurde von allen Teilnehmern als geeignet empfunden für ein stilvolles Abendessen oder um sich abends einen Drink zu gönnen. Die Hirnwellenmessungen zeigten, dass Kreativität und Erregung hervorgerufen wurden, aber auch eine Verringerung der Konzentration. Schwarz ist daher nicht geeignet für geschäftliche Treffen.

Luxuriöses Weiß

Weiß fiel besonders auf. Sämtliche Hirnwellen zeigten niedrige Frequenzen, was für eine neutrale Farbe steht. Weiß ist so etwas wie eine leere Leinwand für die Erlebnisse der Gäste. Für geschäftliche Anlässe gilt Weiß als ideale Wahl. Die Farbe wird als luxuriös und modern empfunden, hat aber keinen Einfluss auf Emotionen wie Spaß und Spannung.

Klassisches Braun

Braun ist eher eine neutrale Farbe. Die Deltawellen und die Herzfrequenz deuten darauf hin, dass Braun auch beruhigend wirken kann. Es wird als traditionell, neutral und entspannend wahrgenommen. Die Farbe ist nicht die beste Wahl, um anregende Erlebnisse zu schaffen. Sie wurde von den Teilnehmern jedoch als geeignet für klassische Restaurants empfunden und ist gut kombinierbar.

Fröhliches Orange

Diese Farbe nahmen die Teilnehmer als modern und fröhlich wahr. Sie assoziierten mit ihr vor allem glückliche Momente mit Kindern und Freunden. Aber Orange wird auch als leicht unromantisch, etwas anstrengend und nicht besonders elegant empfunden. Die Ergebnisse der Hirnwellen und der Herzfrequenzmessung zeigten aber auch, dass Orange im Vergleich mit anderen kräftigen Farben wie z. B. Gelb eine neutralere Wahl sein kann.

„Farbe schafft Atmosphäre.“

Die Architektin und Farbexpertin Pia Anna Buxbaum schafft farbliche Stimmungsbilder in Räumen. Warum es wichtig ist, auf eine harmonische Kombination von allen Farben im Raum zu setzen, erklärt Sie im FRISCH-Interview.

Welche Rolle spielt die Farbe in der Wahrnehmung von Räumen?

Mit Farben schafft man eine Raumatmosphäre, welche die Stimmung und das Wohlbefinden von Menschen beeinflusst. Farben können anregen oder beruhigen, Erinnerungen wachrufen, Informationen liefern, die Orientierung unterstützen oder einfach „nur“ eine ästhetische Rolle spielen. Sie bestimmen die Aufenthaltsqualität in einem Raum und wirken dadurch auf Körper, Psyche und Geist ein. Dabei steht die Farbe nie für sich alleine. Sie ist eingebettet in eine Reihe von Faktoren, die in der Fachsprache Gebäudesoftskills genannt werden. Dabei handelt es sich um die Eigenschaften eines Gebäudes, die auf Gesundheit, Wahrnehmung und Verhalten der Menschen einwirken. Neben der Farbe zählen dazu unter anderem das Licht, die Materialien und die Akustik. Besonders das Licht spielt beim Thema Farbe eine große Rolle, weil es wesentlich die Wahrnehmung der Farbe beeinflusst.

Können Sie das mit dem Licht näher erklären?

Wir brauchen das Licht, um Farben wahrzunehmen. Licht bringt Farben zum Strahlen oder lässt sie stumpf wirken. Jede Lichtquelle – egal ob künstlich oder natürlich – hat eine Wirkung auf die Farbe, denn durch die Reflexion der Lichtstrahlen und deren Verarbeitung im Gehirn entstehen diese erst. Je nach Tageslicht und Lichtfarbe der Leuchtmittel werden reflektierende Flächen anders farbig wahrgenommen. In meiner Arbeit stimme ich daher Farben, Maltechniken, Materialien und Beleuchtungskonzepte aufeinander ab. Vor Ort teste ich große Farbmuster mit Materialmustern unter verschiedenen Lichtsituationen und schaue, wie sie im Raum nebeneinander wirken, bis ich schließlich eine harmonische Farbpalette gefunden habe. Eine Farbpalette umfasst meist zwei bis vier Farben und deren Abwandlungen. Alle Farben und Materialien im Raum einzubeziehen, ist wichtig, weil wir Menschen einen Raum immer als Gesamtes wahrnehmen. Auch reagieren wir auf das Zusammenspiel mehrerer Farben und nie auf eine Farbe allein. Die Natur liefert uns dafür das beste Beispiel, weil hier keine Farbe für sich isoliert vorkommt, sondern viele Farben zu einem großen Ganzen „verschwimmen“. Ich bin sozusagen eine Komponistin für Farben. Die Arbeit mit Farben ist vergleichbar mit einem Musikstück: Ein Ton für sich ist nur ein Ton, erst aufeinander abgestimmte Töne erzeugen eine Harmonie – in meinem Fall einen harmonischen Farbklang.

Die Wirkung einzelner Farben spielt also keine Rolle?

Die Sichtweise, beispielsweise Rot oder Violett haben diese oder jene Wirkung, ist sehr vereinfacht und auch falsch. In der Farbpsychologie geht es nicht um die Wirkung einzelner Farben, sondern um das Zusammenspiel verschiedener Farben. Ich suche einen harmonischen Farbklang für jene Stimmung oder Wirkung, die der Kunde in seinem Raum erzielen möchte. Ausgehend von der gewünschten Stimmung und den architektonischen Gegebenheiten entwickle ich das Farbkonzept.

Ich kann mit Farbflächen oder Mustern auch bewusst die Raumproportion optisch verändern oder mit unter-schiedlichen Strukturen das haptische Raumerlebnis beeinflussen. Genauso kann ich bestimmte Bereiche oder Möbel durch Farbe oder Licht optisch hervorheben. Mit Farben lässt sich sehr gut die Raumqualität und damit die Aufenthaltsdauer steuern.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie sich durch die Farbgebung die Raumwirkung beeinflussen lässt?

Bei That´s Amore, einer kleinen Pizzeria in Wien, mit einem Gastraum in einem Kellergewölbe habe ich durch die Farbkombinationen den Raum optisch erhöht. Das Gewölbe war hinsichtlich seiner Proportionen viel zu lang für seine Raumhöhe. Das Raumgefühl war daher bedrückend. Ich plante bis 1,20 Meter Wand-höhe einen satten Blauton, der gut zum terracottaroten Boden gepasst hat, und an der restlichen Wand und Decke eine helle Elfenbeinfarbe. Allein diese Maßnahme hat den Raum höher und viel gemütlicher wirken lassen. Deckenstrahler haben nochmals für eine optische Erhöhung gesorgt. Eine neue Raumwahrnehmung war nach all den Maßnahmen deutlich spürbar. Zusätzlich hat die Farbkombination eine mediterrane Atmosphäre in den Raum gebracht, was das Thema „Pizzeria“ sehr gut unterstützt.

Das heißt, die Kombination von Farben erzeugt erst die Stimmung.

Ja, genau. Farben beeinflussen einander und entfalten erst in der Kombination ihre wahre Kraft. Je nach Intensität, Größe der Fläche oder ihrer Position im Raum wirken Farben anders. So wirkt beispielsweise Hellblau am Boden eher verunsichernd, an der Decke hingegen leicht, weit und luftig. Möchte ich beispielsweise eine ruhige, elegante Stimmung erzeugen, werde ich starke Farb- sowie Hell-Dunkel-Kontraste vermeiden. Möchte ich mehr Bewegung im Raum, sind intensivere Farben und starke Kontraste empfehlenswert. Ein Raum Ton in Ton gestaltet wirkt schnell fad, weil es an Dynamik und Stimulation fehlt. Natürlich spielt auch der Farbton der jeweiligen Farben eine Rolle. Ein Gelb beispielsweise kann mehr Rot- oder Grünanteile haben. Je nachdem wirkt es wärmer oder frischer. Mit Farben kann ich außerdem Bewegungen und Erwartungen in eine bestimmte Richtung lenken sowie Geschmacks- und Geruchsassoziationen hervorrufen. Ein gutes Beispiel dafür sind die für Eissalons typischen Farbkombinationen Hellgelb, Hellgrün und Hellblau. Es hat auch seinen Sinn, warum die Unternehmensfarben von Manner und Aida Rosa sind. Wir verbinden mit bestimmten rosa Tönen den süßen Geschmack und bekommen Gusto auf die Produkte. Diese Farbphänomene und das Wissen über Gebäudesoftskills mit ihren komplexen Vernetzungen setze ich in meiner Arbeit gezielt ein, um Wohlfühl-Räume zu gestalten. 

Zur Person

Architektin und Color-Designerin IACC (International Association of Color Consultants) Pia Anna Buxbaum hat sich mit ihrem Unternehmen Archicolor auf Gebäudesoftskills spezialisiert und seit 2002 über 140 Projekte zu den Themen Farben und Licht in den verschiedensten Branchen realisiert. Im Frühjahr 2021 bringt sie als Herausgeberin (mit Elisabeth Oberzaucher und dem Künstler Michael Wegerer) ein Buch heraus: Gebäudesoftskills – Bauen in menschlichen Dimensionen, Beiträge aus Praxis – Wissenschaft – Kunst.