Herzensangelegenheit

Wer als Gastronom Aufmerksamkeit erregen, Gäste begeistern und in Erinnerung bleiben will, muss Herzen erobern und Emotionen wecken. Das gelingt am besten durch ein sehr persönliches, authentisches Service, FRISCH hat bei Experten nachgefragt, wie jeder im Service-Team zum perfekten Gastgeber werden kann. 

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Ich muss den Menschen zeigen, dass ich mich über seinen Besuch freue.

Wenn Gäste bei ihrer Dessert-Entscheidung unsicher sind, sage ich immer: Desserts legen sich nicht auf die Hüfte, sie berühren das Herz. Dann lachen sie und bestellen doch eines.“ Das Beispiel von Kellnerin Maguy aus der Bar Moustache in Amsterdam zeigt, wie viel guter Service und Gastgeberqualitäten zu höheren Umsätzen beitragen können. Wenn das Service-Team mit Charme überrascht und so eine emotionale Bindung zum Gast aufbauen kann, findet das Niederschlag in der Zahl der Bestellungen. Maguy bringt zum Lachen und spricht nicht nur die Ratio an, sondern auch das Herz. Genau das wünschen sich die Gäste, sagt Serviceexperte Kurt Steindl. Gute Laune steckt bekanntlich an und hat obendrein einen positiven Nebeneffekt: Wer sich unterhalten fühlt, ist empfänglicher für Beratung, probiert häufiger neue Gerichte aus und kommt öfter wieder. Umgelegt auf die Gastronomie bedeutet das: Geht´s um´s auswärts Essen, fällt in der Regel die Wahl auf ein bereits bekanntes Lokal. Das ist auch einer der Gründe, warum die Systemgastronomie derart erfolgreich funktioniert. „Der Gast erwartet 30 Prozent Neues und 70 Prozent Vertrautes“, bringt es Gastroberater Jean-George Ploner von Global F&B Heroes auf den Punkt.

Ehrliche Zuwendung

Um sich auch als Stand-Alone-Betrieb dieses Vertrauen der Gäste zu erarbeiten, sind gute Gastgeberqualitäten entscheidend. Das kulinarische Angebot, die Lage und Parkplatzsituation oder eine schöne Einrichtung sind auch wichtig, aber höchstens die halbe Miete. Die wahre Kraft steckt im Service, denn was der Gast wirklich sucht, ist aufrichtige Gastfreundschaft und ehrliche Zuwendung, sagt Serviceexperte Kurt Steindl.

Der deutsche Gastrostar Tim Mälzer unterscheidet diesbezüglich die Gastronomie sogar in zwei Welten, die kaufmännisch orientierten Gastronomiekonzepte und die emotionale Gastronomie, an die er glaubt: „Wenn du brennst für das, was du den Gästen anbieten möchtest, wirst du erfolgreich sein. Der Gast wird immer nach ehrlichen Emotionen suchen", meint er.

Standardisierte Antworten, klassische Stehsätze oder ein schnelles Abfertigen sind dabei fehl am Platz. Im Gegenteil: Was zählt sind Persönlichkeit und Individualität. Auf den Gast eingehen, seine Bedürfnisse wahrnehmen, ihm zuhören, ihn mit Geschichten faszinieren, mit Humor und Herzlichkeit zu begeistern, ist das, worauf es ankommt. Für Fabrice Kieffer, Patron des Fine-Dining-Restaurants Les Deux in München, ist perfekter Service die Kunst, „präsent zu sein und Charisma im Raum zu versprühen, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Man muss da sein, wenn der Gast einen braucht. Noch besser ist es, wenn man da ist, bevor der Gast einen braucht“, so der Sternegastronom, der den „Dreiklang aus Natürlichkeit, Passion und Etikette“ als sein Erfolgsgeheimnis bezeichnet.

Selbst klar auf Wirtschaftlichkeit getrimmte Systemer haben mittlerweile den Wert von Natürlichkeit und weniger Standardisierung im Service erkannt. Auch wenn´s am Ende des Tages um´s Geschäft geht, im Umgang mit dem Gast zählen die Soft Facts. „Uns ist es wichtig, dass bei der Beratung nicht wahllos Produkte an den Gast verkauft werden, sondern eine Auseinandersetzung mit den Wünschen und Anforderungen des Einzelnen erfolgt“, sagt dazu etwa Peter Prislin, CMO bei der Franchise-Burgerkette Hans im Glück. Wer Gäste schnell und unliebsam abwickelt oder sie gar als Cashcow sieht, bezahlt am Ende vielleicht selbst einen hohen Preis dafür. Warum also nicht das eigene Service zum Alleinstellungsmerkmal erklären? Serviceexperte Kurt Steindl: „Ich sage immer, nicht jeder kann führend beim Preis oder der Qualität sein, aber jeder kann es beim Service sein.“

Auf den folgenden Seiten hat FRISCH vier Aspekte zusammengefasst, über die man sich als Gastronom Gedanken machen sollte, wenn man mit Top-Service überzeugen möchte.

1. Richtig auftreten

Das Verständnis von gutem Service hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Casual ist heute King, selbst im Fine Dining. Wichtiger als professionelle Distanz ist deshalb authenisch aufzutreten. 

Immer präsent, aber nie aufdringlich

Die Begrüßung

Vor allem wenn neue Gäste ein Lokal betreten, sind sie unsicher, müssen sich orientieren und nehmen Unterstützung dankbar an. Ist der Service jetzt im richtigen Moment zur Stelle, sammelt der ganze Betrieb Pluspunkte. In Lokalen mit hoher Frequenz gibt es deshalb meist einen Mitarbeiter, der nur für die Begrüßung und Tischvergabe zuständig ist. 

Das erste Gespräch

Auch wenn der Laden brennt: Der Service muss Gästen wenigstens für einen Moment das Gefühl geben, im Zentrum des Interesses zu stehen. Also unbedingt Augenkontakt suchen und nicht gleichzeitig Teller abservieren oder Tischdecken wechseln.

Das Service am Tisch

Guter Service lässt den Blick bei jedem Weg über die Tische im Raum schweifen. So gelingt es, Bedarf für neue Getränke früh zu erkennen und im richtigen Moment nachzufragen. Ein sehr häufiger Fehler: Die Speisen werden serviert, aber niemand denkt daran, dazu frische Getränke anzubieten.

Lieber natürlich als zu förmlich

Keine Standardsätze

Man kennt sie aus der Systemgastronomie, wo schon Generationen von Servicemitarbeitern monoton immer die gleichen Stehsätze runterbeten. Wer gute Gastgeber im Service beschäftigen möchte, muss Natürlichkeit und Fehler zulassen. Nur so kann emotionale Bindung zu den Gästen entstehen.

Auf die Mimik achten

Die Mimik von Servicemitarbeitern ist enorm wichtig für die Beziehung zu den Gästen. Sie beeinflusst in Millisekunden, wie Gäste sich verhalten. Ein freundliches Gesicht schafft sofort Anreiz zum Austausch.

Authentisch bleiben

Auch wenn lächeln hilft: Vorgespielte Freundlichkeit entlarvt das Gegenüber meist sehr schnell. Gute Servicemitarbeiter haben deshalb generell Spaß am Umgang mit vielen verschiedenen Menschen. Nur mit dieser nicht erlernbaren Grundeinstellung wird man auch als guter Gastgeber wahrgenommen.

Lieber leger als steif

Individuelle Ansprache

Ob "Du" oder "Sie" hängt vom gastronomischen Konzept ab. Ein guter Gastgeber reagiert aber auf jeden Menschen individuell. Wer auf Alter, Kleidungsstil und Sprache eines Gastes achtet, erkennt innerhalb weniger Sekunden, welche Ansprache die passende ist.

Die richtige Kleidung

Weiße Handschuhe und Kellneruniform haben ausgedient. Selbst im Fine-Dining-Restaurants tragen Servicemitarbeiter heute oft Turnschuhe. Trotzdem gilt es, sich zurückzunehmen. Keine grellen Farben, keine tiefen Ausschnitte und zerrissene Jeans müssen auch nicht sein.

Äußerlichkeiten

Wichtiger als die Kleidung sind heute Äußerlichkeiten wie gepflegte Hände oder ein frischer Haarschnitt. Wenn man bei der stressigen Arbeit viel schwitzt, kann ein dezentes Deodorant Abhilfe schaffen. 


2. Wünsche erkennen

Wer die Daten von Apps und Reservierungssystemen richtig nutzt, kann schon im Vorfeld eines Besuchs sehr individuell auf Gästewünsche eingehen. Viel wichtiger ist aber auch hier die direkte Kommunikation.

Vorhandene Daten pflegen und clever nutzen

Daten sammeln

Ein Reservierungssystem oder die App fürs eigene Lokal: Wer Daten clever verwaltet und dem Service zugänglich macht, kann auf Vorlieben der Gäste besser eingehen. Man sollte aber darauf achten, dass die Gäste auch ihr Einverständnis geben, sonst bekommt man schnell Probleme mit der DSGVO.

Individuelle Erlebnisse schaffen

Wer weiß, dass ein Stammgast gerne Steak ist, kann individuell auf seine Vorliebe eingehen und ihn beraten. Etwa, wenn für kurze Zeit spezielles Fleisch verfügbar ist. Aktionen oder Events lassen sich so besser planen, weil man den Konsum von regelmäßigen Gästen besser abschätzen lernt.

Chance Unverträglichkeiten

Wenn es die Möglichkeit gibt, Unverträglichkeiten bei der Reservierung vorher online bekannt zu geben, kann der Service diese Information nutzen. Die Mitarbeiter sollten das Thema aktiv ansprechen und auf diese Gäste intensiver eingehen. Meist schätzt das diese Gästegruppe besonders.

Zuhören und die richtigen Fragen stellen

Die richtige Fragetechnik

Die richtige Abfolge von offenen und geschlossenen Fragen bei der Bestellungsaufnahme hat großen Einfluss auf den Umsatz. „Wollen Sie noch ein Dessert?“ führt zum Beispiel erwiesenermaßen zu weniger Bestellungen als: „Welches Dessert darf ich Ihnen noch bringen?“

Informationen sammeln

Ein guter Verkäufer hört genau zu, um zuerst die Bedürfnisse des Gastes kennenzulernen. Am Beginn sollten Fragen stehen, die nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können. So lassen sich Emotionen wecken. Also nicht „Wünschen Sie die Speisekarte?“, sondern „Was darf ich Ihnen Gutes kochen lassen?“

Entscheidungen herbeiführen

Wer genug über die Wünsche und Stimmung seiner Gäste weiß, kann sie beraten und ihnen auch Gerichte näherbringen, die sie sonst nicht bestellen würden. Hier dienen Fragen, die nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können, zur schnelleren Entscheidungsfindung.

Sich nicht allein auf die Technik verlassen

Nicht nur auf den Bildschirm schauen

Die Gastronomie ist eines jener Geschäftsfelder, in denen die Digitalisierung nicht alles ist. Schaut ein Servicemitarbeiter bei der Bestellaufnahme nur auf seinen digitalen Assistenten, wird er zwar bei der Bestellung weniger Fehler machen, aber der Gast kommt sehr wahrscheinlich nicht wieder.

Auf Details achten

Gute Servicemitarbeiter lesen ihre Stammgäste. Ihnen fällt auf, dass sie mehr Bräune im Gesicht haben und wahrscheinlich im Urlaub waren oder sich eine neue Frisur haben machen lassen. Wichtig ist dabei, dass nicht zu viel Nähe entsteht. Bei neuen Gästen ist ein solches Vorgehen sogar kontraproduktiv.

Beziehungen aufbauen

Wer seinem Gegenüber schon bei der Begrüßung in die Augen sieht, bei der Bestellung die richtigen Fragen stellt und als sympathisch wahrgenommen wird, baut schnell eine oberflächliche Beziehung auf. Die Beratung wird dann viel einfacher und auch der Umsatz wird besser ausfallen.


3. Orientierung geben

Ceviche, Ramen oder Wagyu-Steaks: Es gibt immer mehr Lokalkonzepte, Gerichte und Nahrungsmittel, bei denen sich Gäste mehr Beratung wünschen. Das kann der Service sehr gut für sich nutzen.

Erklärungsbedarf für sich arbeiten lassen

Komplexe Gerichte erklären

In gehoben Restaurants werden zwar oft bei Tisch die Elemente eines Gerichts detailliert heruntergebetet. Wenn dann aber eine Nachfrage zur Zubereitung kommt, muss das Personal passen. Wird dagegen eine spezielle Kochtechnik kurz erklärt, können Gäste das Gericht noch mehr schätzen.

Auf Besonderheiten hinweisen

In eine Ramen-Bar zu gehen ist für viele Menschen eine neue Erfahrung. Sie wissen nicht, was genau der Unterschied zwischen Shoyu-, Miso- und ShioRamen ist und welche der drei Brühen ihnen am besten schmecken könnte. Sie freuen sich also über Beratung und ein interessantes Gespräch.

Hintergründe zum Produkt liefern

Steakhäuser sind ein gutes Beispiel dafür, wie man ein einziges Produkt spannend verkaufen kann. Durch die verschiedenen Herkunftsländer, Schnitte, Fleischqualitäten und Zubereitungsformen lässt sich bei Gästen durch den Service immer wieder die Lust darauf wecken, Neues zu testen.

Informationen als Geschichten verpacken

Regionalität mit Leben füllen

Viele Lokale rühmen sich heute, mit regionalen Produkten zu kochen. Richtig greifbar wird das für den Gast jedoch erst dann, wenn der Servicemitarbeiter erzählt, dass er heute schon den lokalen Bauern bei der Anlieferung getroffen hat und ihn die Qualität gerade besonders begeistert.

Neue Welten eröffnen

Essen und essen gehen hat immer eine kulturelle Komponente. Egal, ob Tex-Mex, Nikkei, Sushi oder Thai: Wer exotische Küchen serviert, kann immer auch ein wenig kulturelles Wissen in die Erklärung von Gerichten packen und sie so für Gäste noch ansprechender machen.

Persönliches einfließen lassen

Bei der Beratung eine eigene Erfahrung mit einem Gericht einfließen zu lassen, ist sicher nicht jedermanns Sache und manchmal auch nicht angebracht. Gerade bei sehr speziellen Gerichten kann eine Anekdote aber das Eis brechen. Etwa, wenn man erklärt, wie man Kugelfisch schätzen gelernt hat.

Mehr Getränke und Desserts verkaufen

Empfehlungen aussprechen

Wenn die Service-Mitarbeiter schon dabei sind, Gerichte zu erklären und zu beraten, sollte auch gleich eine Empfehlung für das passende Getränk ausgesprochen werden. Sie wird dann meist angenommen. 

Früh auf Desserts hinweisen

Je früher auf verschieden Dessert-Optionen hingewiesen wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie später auch bestellt werden. Profis legen sich dafür einen Spruch zurecht, der die Bedenken der Gäste wegen zu vieler Kalorien auffängt.

Bestätigung holen

Besonders wer Getränke empfohlen hat, sollte rechtzeitig nachfragen, ob die Empfehlung gut war. War sie es, kann man nachschenken. War sie es nicht, ergibt sich eine neue Möglichkeit für ein Beratungsgespräch.


4. Motiviert arbeiten

Um Gäste mit echter Begeisterung und Leidenschaft bedienen zu können, müssen Mitarbeiter motiviert zur Arbeit kommen. Es liegt an ihren Chefs, dafür die richtige Basis zu schaffen. 

Konzepte und Angebote müssen klar sein

Regelmäßige gemeinsame Meetings

Küche und Service dürfen nicht nebeneinander herlaufen, ohne sich auszutauschen. Der Service kann der Küche Feedback dazu geben, wie Gerichte ankommen. Die Küche liefert wichtige Hintergrundinformationen zu Gerichten, Produkten und Zubereitungsformen.

Personalverkostungen machen

Der Service sollte genau wissen, wie die Gerichte schmecken, um Gästen richtig beraten zu können. Außerdem erfahren die Kellner hier, worauf es bei der Zubereitung ankommt und welche Kochtechniken angewandt wurden. Die Mitarbeiter haben so einen ganz anderen Bezug zu den Gerichten.

Treffen mit Lieferanten

Wichtige Lieferanten sollten auch dem Serviceteam regelmäßig in kurzen Meetings die Besonderheiten ihres Produkts näher bringen. Nur so können die Mitarbeiter die so gewonnenen Informationen auch im Gespräch mit Gästen nutzen, um Lust auf bestimmte Gerichte zu machen.

Der Service muss seinen Job lieben

Keine Endlosgeschichten

Authentisch und gute Gastgeber können nur Mitarbeiter sein, die ihren Job gerne machen. Dazu gehören ausreichend Erholungsphasen und keine Endlosgeschichten. Sonst wirkt das Lächeln bald aufgesetzt und die Empfehlungen werden zu plumpen Standardfloskeln.

Incentives schaffen

Die Mitarbeitermotivation lässt sich über Incentives sehr gut steigern. Wenn zum Beispiel einen Bonus bekommt, wer ein bestimmtes saisonales Angebot am häufigsten verkauft, steigt der Anreiz, sich richtig reinzuhängen und sich auch entsprechend über dieses Produkt zu informieren.

Fortbildungen fördern

Die Ausbildung zum Wein- oder Käsesommelier oder ein Kurs für private Bierbrauer: alles, was das spezielle Wissen von Angestellten in der Gastronomie erweitert, sollte gefördert werden. Nicht nur wegen der Mitarbeiterzufriedenheit, sondern weil auch Gäste es zu schätzen wissen.

Der Teamspirit muss passen

Trinkgeld immer teilen

Nur wenn sich Küche und Service als Team verstehen, kommt ein Lokalkonzept auch beim Gast an. Deswegen sollten Trinkgelder auch zu gleichen Teilen auf Küche und Service aufgeteilt werden.

Teambuilding Events

Gemeinsame Ausflüge, Reisen, Wein- und Bierverkostungen oder Lokalbesuche: Events schweißen ein Team zusammen und sorgen für gute Stimmung. Besonders im Service ist das auch für Gäste spürbar.

Gemeinsame Kick-Offs

Wer jeden Arbeitstag gemeinsam startet, schätzt nicht nur seine Teamkollegen mehr. Auch er Informationsfluss ist besser und man ist besser auf Herausforderungen und Probleme vorbereitet. 

„Erst kommt der Mensch, dann die Technik“

Im Service geht aufgrund der alltäglichen Dringlichkeit oft die persönliche Auseinandersetzung mit dem Gast verloren. Doch genau um diese geht es, sagt Serviceexperte Kurt Steindl und versucht, Gastronomen für die Wichtigkeit ehrlicher Emotionen zu sensibilisieren. 

Vielerorts hat der PDA den Papierblock abgelöst – so nach dem Motto „schnell aufnehmen und schnell wieder abzischen“. Das Service ist dadurch unpersönlicher geworden. Wie sehen Sie das?

Durch den PDA haben wir vergessen, dass wir es mit Menschen zu tun haben. Außerdem führt ein PDA dazu, dass man dem Gast nicht mehr in die Augen sieht und nur auf das Gerät konzentriert ist. Ich habe schon Kellner erlebt, die bei der Speisenaufnahme mit dem Finger auf den Gast gezeigt haben, ohne ihn anzusehen. Ich sage ganz klar: Erst kommt der Mensch, dann die Technik. Momentan geht es aber in die entgegengesetzte Richtung. Natürlich ist ein PDA fein, weil er das Service beschleunigt und Abläufe erleichtert, aber das Persönliche darf dabei nicht verloren gehen. Ein Problem ist auch, dass sich die Gastronomie in den letzten rund zwei Jahrzehnten zu sehr an der Systemgastronomie orientiert hat.

Inwiefern?

Sie wurde als großes Vorbild gesehen und man hat deren Standards und Strukturen übernommen. Das ist ein Fehler. Mittlerweile sagt man Mitarbeitern, was sie in bestimmten Situationen zum Gast sagen müssen. Da gibt es keinen Spielraum. Standards sind schon gut und wichtig, um einen Mitarbeiter schnell auf das gewünschte Niveau zu heben, aber dann muss er auch die Erlaubnis haben, die Standards zu brechen. Prozesse, Organigramme, strukturierte Abläufe dürfen nie wichtiger sein als der Mensch.

Österreich ist gerade wegen seines persönlichen Service zum Tourismusweltmeister geworden. Die Gastronomie hat den Satz „komm' als Gast und geh' als Freund“ sehr ernst genommen. Die Systemgastronomie ist hier ein falsches Vorbild. Ich muss dem Menschen zeigen, dass ich mich über seinen Besuch freue, mir Zeit nehmen und darf nicht versuchen, ihn schnellstmöglich abzufertigen. Es besteht sonst die Gefahr, ihn als wandelnden Euro-Schein zu betrachten und seine Bedürfnisse außer Acht zu lassen.

Was sind die Bedürfnisse des Gastes?

Der Gast möchte emotional berührt werden. Durch die zunehmende Digitalisierung wird das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit noch verstärkt. Essen und Trinken sind die Basis, aber der Gast sucht eine aufrichtige Gastfreundschaft und ehrliche Zuwendung.

Das heißt, es braucht also wieder mehr Berührung – in einem übertragenen Sinn …

Ja. Das fängt schon beim Blickkontakt an. Heute wird einem kaum mehr ins Gesicht geschaut. Das hat auch mit der Digitalisierung zu tun. Die hat uns innerlich vereinsamt gemacht und zu einer Reizüberflutung geführt. Die Folge ist, dass sich die Menschen nach außen abschotten – das ist ein ganz natürlicher Abwehrmechanismus. Im Service kommt hinzu, dass durch den Personalmangel der Stress und Druck steigt. Wenige Mitarbeiter müssen mehr erledigen. Das Servicepersonal ist aufgrund der Überforderung oft so konzentriert, dass es gar nicht merkt, mit welch grantigem Gesichtsausdruck es herumläuft. Im Service sagt man, „wir schwimmen“. Manchmal geht man sogar unter. Durch den Überlebensinstinkt wird dann auf Wesentliches vergessen. Im ersten Schritt zahlt der Gast drauf, in weiterer Folge der Unternehmer.

So gesehen könnte ein individuelles, persönliches Service zur wichtigen Kundenbindungsmaßnahme werden ….

Service ist keine Haltung, wie viele meinen, sondern eine simple Entscheidung, und habe ich die Entscheidung getroffen, dann tue ich mehr als nötig.

Was wäre das zum Beispiel?

Es gibt 100 Kleinigkeiten, die man im Umgang mit dem Gast gut machen kann. Einen guten Kellner erkennt man jedenfalls nicht daran, dass er alle Weinbaugebiete von A bis Z aufsagen kann, sondern daran, dass der Gast ein Lächeln im Gesicht hat, wenn der Kellner den Tisch verlässt. Ich glaube, dass die fachliche Kompetenz immer mehr in den Hintergrund und die soziale Kompetenz in den Vordergrund rückt. Ist die soziale Kompetenz vorhanden, dann kann fast nichts schief gehen. Selbst in der besten Küche kann einmal etwas daneben gehen. Gutes Service kann den Abend retten, umgekehrt funktioniert das nicht.

Gerade in der gehobenen Gastronomie sehe ich diesbezüglich Nachholbedarf. Dort wird oft geglaubt, dass der Gast nicht merkt, wenn man Floskeln verwendet und ein Programm abspult. Für mich ist das manchmal schon zu professionell und zu einstudiert. Da fehlt mir die Wahrhaftigkeit. Der Gast braucht auch keinen äußeren Glamour, er sucht herzliche Wärme.

Freundlichkeit alleine reicht also nicht?

Ich unterscheide deutlich zwischen Freundlichkeit und Herzlichkeit. Freundlichkeit kann ich spielen, Herzlichkeit spürt man, wenn das Gegenüber von seiner Aufgabe erfüllt ist. Gespielte Freundlichkeit wird vom Gast rasch erkannt und auch mit Abneigung bestraft. Als Kellner steht man auf einer Bühne und die Gäste haben Zeit, zu beobachten. Die sehen sofort, ob etwas mit Freude erledigt wird oder nicht. Service bedeutet Dienstleistung. Ich verstehe das aber nicht als unterwürfiges, untertäniges Tun. Es geht darum, jemandem einen Dienst zu erweisen, indem man ihm eine schöne Zeit bereitet und ihm vielleicht sogar einen Wow-Effekt beschert.

Herr Steindl, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Kurt Steindl ist selbstständiger Hoteltester und Vortragsredner. Er wird auch „der Serviceflüsterer“ genannt. Seine beruflichen Wurzeln liegen in der Hotellerie & Gastronomie. Als gelernter Restaurantfachmann stieg er innerhalb weniger Jahre ins Hotelmanagement auf. Dort war er mehr als 15 Jahre in leitender Funktion tätig. Emotionale Dienstleistungen sind für den ehemaligen Gastwirt die Basis erfolgreicher Marktbehauptung. Deshalb gründete er im Alter von vierzig Jahren eines der erfolgreichsten Weiterbildungsinstitute Österreichs. Seine Firma Gastlichkeit & Co betreut Tophotels und namhafte Kunden im In- und Ausland.