Cashless

Vor allem in den USA gibt es mittlerweile viele Restaurants, die kein Bargeld mehr annehmen. Sie haben gute Gründe dafür, Wie eine Recherche unter den Vorreitern dieses Trends unter Gastronomen hierzulande zeigt.
toggle Sidebar Ich muss mich nicht sorgen, Wechselgeld zu bekommen, knapp bei Wechselgeld zu sein oder jemals wieder Geld zu verlieren.

Im Lokal nur mehr mit einer Kredit- oder Bankomat-Karte bezahlen können oder gar mit dem Smartphone? Eine Frechheit! Solche oder ähnliche Reaktionen fürchten viele Gastronomen hierzulande. Denn Studien belegen eindeutig, dass gerade die Österreicher und Deutschen Bargeld besonders schätzen und im Unterschied zu den Konsumenten in den meisten angelsächsischen Ländern noch lange nicht darauf verzichten mögen. Die Public Coffee Roasters wagten letztes Jahr in Hamburg trotzdem den Vorstoß in Richtung Abschaffung der Bezahloption Bargeld. Und siehe da: Ein Aufschrei blieb aus. „Dass Kunden das Geschäft verlassen haben, ist bisher vielleicht zwei oder drei Mal vorgekommen. Die positiven Reaktionen überwiegen eindeutig. Wenn die Gäste das einmal akzeptiert haben, finden sie es praktisch“, erzählt Inhaber Argin Keshishian Namagerdi. Mehrere Faktoren seien bei ihm für die Umstellung auf Cashless ausschlaggebend gewesen: die Zeitersparnis durch das Wegfallen des Geldzählens am Tagesende zum Beispiel oder dass er nun nicht mehr den nicht ganz ungefährlichen Weg zur Bank antreten muss. Aber auch die bessere Hygiene. Denn wer weiß, durch welche Hände Münzen und Geldscheine schon gegangen sind? Außerdem, so Namagerdi weiter: „Als bargeldloses Unternehmen gibt es bei uns logischerweise kein Schwarzgeld. Das senkt auch unsere Dokumentationsaufwände für das Finanzamt.“ Außerdem gefällt ihm, dass er die wirtschaftliche Lage zu jeder Sekunde voll im Blick behält: "Am Ende eines Geschäftstages sehe ich unser Saldo sofort per Knopfdruck.“ Der technische Aufwand wird dadurch allerdings höher. Um für eine schnelle Zahlungsabwicklung zu sorgen, hat sich Namagerdi für einen mobilen Kartenterminal des deutschen Herstellers iZettel entschieden, der kontaktlose, mobile und Kartenzahlungen annimmt.

Für ihn ist nämlich ein perfekter Service für Kartenzahler viel wichtiger, als noch auf Bargeld zu setzen. Denn die Möglichkeit, bargeldlos zu bezahlen, ist heute vor allem in Großstädten State of the Art. Bieten Gastronomen keine Kartenzahlung an, lassen sie sich potenzielle Kundschaft und damit Umsatz entgehen. Bargeldlos bezahlen zu können, wird gerade dort als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Die Restriktion, erst ab einem Mindestumsatz mit der Karte bezahlen zu können, ist für viele Kunden fast schon ein Ärgernis. Das sieht logischerweise auch die Payments-Industrie so. Sie kann diese Sichtweise aber auch mit Studienergebnissen untermauern. David Klemm, Vice President Business Development bei Mastercard Deutschland: „Oft wird verkannt, dass Kartenzahlung einen direkten Einfluss auf den Umsatz hat. Für knapp ein Drittel der Gäste ist Kartenzahlung ein Entscheidungskriterium. Gerade bei höheren Rechnungsbeträgen wird sie gern genutzt. Wenn keine Zahlung mit Karte möglich ist, bremst das sogar den Konsum, da Gäste im Zweifelsfall genügend Bargeld bei sich haben wollen, um noch bezahlen zu können. Umsatzstarke Geschäftskunden sind sogar oft angewiesen, Betriebe mit Kartenzahlung auszuwählen, da Geschäftsessen über die Firmenkreditkarte beglichen und somit direkt ins Spesenmanagementsystem übertragen werden sollen.“

Weniger als 10 % Bar

Für Tony Zazula, Eigentümer des New Yorker Restaurants Commerce, war bereits 2009 klar, dass Bargeld keine Zukunft hat. Also nahm er in seinem Lokal keines mehr an: „So wenig in unserem Geschäft wird bar erledigt. Wir sind in einem Zeitalter der elektronischen Transfers. Es gibt einfach keinen Grund, zwei Systeme zu haben.” Weitere Gastronomen folgten US-weit bald seinem Beispiel. Die US-Restaurantkette Sweetgreen wagte den Schritt 2017. Inhaber Nicolas Jammet: „Die entscheidende Wende war, als weniger als 10 % unserer Kunden bar bezahlten.“ Von solchen Zahlen ist Europa noch weit entfernt. Der Griff zur Bankomatkarte erfolgt trotzdem immer öfter, wie Zahlen zeigen: 2017 wurden mit österreichischen Bankomatkarten insgesamt rund 714 Millionen Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von knapp 42 Mrd. Euro im In- und Ausland durchgeführt. Im Vergleich zu 2016 ein Plus von 10,7 %. Vergangenes Jahr waren in der Alpenrepublik mehr Karten im Einsatz, als es Einwohner gibt, nämlich 9,5 Millionen. 

Trotzdem: Nicht mehr die Möglichkeit anzubieten, mit Bargeld zu bezahlen, kann eine abschreckende Wirkung haben. Besonders bei den über 40-Jährigen ist Bares noch Wahres und hat besonders in Österreich und Deutschland einen großen Stellenwert. Viele Gastronomen sind deshalb sehr zögerlich bei der Umstellung auf cashfree. „Bei uns liegt die Kartenzahlung bei über 80 %. Am liebsten würde ich auf 100 % gehen, aber einige unserer Gäste ziehen die Barzahlung immer noch vor“, erzählt etwa Fabio Haebel, Inhaber und Küchenchef des Restaurant hæbel in Hamburg. Bäcker Martin Auer, der vergangenes Jahr eine No-Cash-Filiale in Graz eröffnete, vermutet hinter dieser Vorliebe den Hang zur Gewohnheit.

Geschäftschance Gastro

Aufgrund der rückläufigen Bargeldzahlungen wittern Anbieter von Kreditkarten nun aber neue Geschäftschancen. Unternehmen wie Visa beispielsweise treiben die bargeldlose Bezahlung aktiv voran. Um mehr Gastronomen zu einer Umstellung auf cashfree zu bewegen, rief Visa im Juli vergangene Jahres in den USA zur „Cashless Challenge“ auf. Kleinen Restaurants, Cafés und Food Trucks wurde bei einer erfolgreichen Umstellung ein feines Sümmchen für Vertriebs- und Marketingaktivitäten als Ansporn in Aussicht gestellt.

Aber nicht nur seitens Kreditkartenanbietern wird cashless eifrig vorangetrieben, auch hardwareseitig tut sich einiges auf dem Gebiet der Kartenlesegeräte. Innovative Geräte unterstützen dabei, den Bezahlvorgang noch einfacher und schneller abzuwickeln. Dank immer kleiner werdenden mobilen Kartenlesern fällt beispielsweise ein umständliches Hantieren mit sperrigen Geräten weg. Ein wesentlicher Vorteil in der Gastronomie: Der Gast muss nicht mehr zu einem Standgerät an die Bar gebeten werden. Das Gerät kommt zum Gast. Kleinformatige Kartenleser kann der Kellner sogar einfach einstecken. Die Dauer des Bezahlvorgangs verkürzt sich dadurch deutlich. Das zeitintensive Geldzählen sowie die schwere, mit Münzen prall gefüllte Kellnerbörse gehören ebenso der Vergangenheit an. „Ich muss mich nicht sorgen, Wechselgeld zu bekommen, knapp bei Wechselgeld zu sein oder jemals wieder Geld zu verlieren“, bringt es Vinh Pham von Project Pasta, einem Gewinner der Visa Cashless Challenge, auf den Punkt.

Kontaktlos Mehr Komfort

Für den zusätzlichen Zeitgewinn sowie einen noch höheren Komfort beim Bezahlen sorgte die Einführung der Nahfeldkommunikationstechnik, kurz NFC. Diese Technologie ermöglicht es, dass zwei Geräte innerhalb weniger Zentimeter kontaktlos miteinander kommunizieren können. In Österreich ist bereits die große Mehrheit aller Bankomatkarten mit NFC-Technik ausgestattet. Der Vorteil: Statt Code-Eingabe muss die Karte nur mehr an den Bezahlterminal gehalten werden, um die Zahlung zu autorisieren. Das ist nicht nur für den Gast bequem, sondern bei viel Laufkundschaft und hoher Kundenfrequenz auch für den Gastronomen ein großer Pluspunkt. Alles, was er dazu braucht, ist ein NFC-fähiges Terminal.

Die NFC-Technologie eröffnet außerdem den nächsten Schritt in Richtung Zahlungen per Smartphone. Statt der Kontokarte wird das Smartphone, auf dem sich die virtuelle Kontokarte befindet, an den Terminal gehalten. Erforderlich sind dafür ein NFC-fähiges Handy und eine NFC-SIM-Karte. „Kunden erwarten heute, schnell und kontaktlos bezahlen zu können – egal, ob mobil per Smartphone, mit Kredit- oder Bankkarte. Das gehört immer selbstverständlicher zu einem guten Service und Kundenerlebnis. Darauf müssen sich Gastronomen einstellen und die entsprechenden Paymentlösungen anbieten“, sagt Marcus W. Mosen, CEO vom Full-Service-Paymentdienstleister Concardis. Prognosen gehen davon aus, dass 2020 mehr als fünf Milliarden Menschen ein mobiles Gerät besitzen. Ein Grund mehr also, die verschiedensten mobilen Bezahlmethoden genauer unter die Lupe zu nehmen. Und, nicht unwesentlich für den Gastronomen: Die neuen Paymentlösungen bieten die Möglichkeiten für die Implementierung eines innovativen digitalen Kassensystems.

Wer daran denkt, auf cashfree umzustellen, ist laut David Klemm von Mastercard Deutschland gut beraten, die verschiedensten Anbieter von bargeldlosem Bezahlen unter die Lupe zu nehmen. Das gelte insbesondere für Gastrogründer. „Wichtige Knackpunkte bei Verträgen sind die Vertragsdauer, Terminalmiete, Kosten, auch gegebenenfalls Fixkosten pro Transaktion, und natürlich Auszahlungszyklen. Besonders am Anfang sollten langfristige Verträge mit hohen Terminalmieten und fixen Beträgen pro Transaktion gemieden werden. Oft lohnt es sich, selbst den Kartenleser zu kaufen und prozentuale Transaktionsgebühren zu wählen. Das verhindert gleichzeitig, dass Mindestumsätze nötig werden“, gibt Klemm ein paar Tipps.

Kein Trinkgeldverlust

Die Sorge der Gastronomen, dass bei Bezahlung mit Karte weniger bis gar kein Trinkgeld gegeben wird, ist übrigens unbegründet. Das hat eine deutschlandweit von orderbird, deutscher Anbieter eines iPad-Kassensystems für die Gastronomie, und Mastercard durchgeführte Studie zur Bezahlung in der Gastronomie gezeigt. Die befragten Gastronomen gaben an, dass die deutliche Mehrheit der Gäste mit Karte auch das Trinkgeld mitbezahlt. Ein Zehntel der Befragten sagte sogar, mit Karte mehr Trinkgeld zu erhalten als bei Barzahlung.

Warum „No Cash“ Sinn macht

Zeitersparnis

Die tägliche Endabrechnung und der Einzahlungsgang zur Bank sind mühsam und kosten viel Zeit. Und Zeit ist ja bekanntlich auch Geld.

Sparfaktor

Kein Geldzählen mehr bei der Endabrechnung und damit kein Verzählen mehr. Verloren gehen oder unterschlagen werden kann auch nichts.

Wettbewerbsvorteil

Der Kunde hat viele Vorteile, die man nur zu kommunizieren wissen muss: schnellerer Bezahlvorgang und daher kürzere Wartezeit, besserer Überblick über die Geldströme, da jede Konsumaktion am Konto ersichtlich ist

Transparenz

Alle Bezahlströme werden aufgezeichnet und sind lückenlos nachvollziehbar. So gelingt der Überblick über die wesentlichen wirtschaftlichen Kennzahlen viel schneller und einfacher.

Hygienefaktor

Gefahr durch Keime bannen: Geld ist im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig. Kein Kontakt, keine Sorgen.

Vereinfachung

Kartenzahlungen lassen sich mit einem digitalen Kassensystem kombinieren. Und das wiederum erleichtert die Buchhaltung. Der Saldo steht am Ende des Tages fest.

Diebstahlsicherheit

Wo´s kein Geld gibt, gibt´s auch nichts zu holen.

Kürzere Wartezeiten

Vor allem wenn NFC-Technik verwendet wird, muss der Gast nur noch Karte oder Smartphone hinhalten und den Betrag bestätigen. Schon hat er bezahlt.

Betrugssicherheit

In die eigene Tasche arbeiten? Einfach nicht mehr möglich. Kartenzahlung kann man nicht unterschlagen.

„Die Leute reagieren fast immer positiv“

Der steirische Bäcker Martin Auer hat letztes Jahr als einer der Ersten in Österreich eine Filiale im Grazer Univiertel auf rein bargeldlose Bezahlung umgestellt. FRISCH schildert er erste Erfahrungen und seine Beweggründe.

Wie kam die Umstellung auf cashfree bei den Kunden an? Hat es für Aufsehen gesorgt?

Die Reaktionen waren weitgehend positiv. Ein paar kritische Stimmen gab es natürlich auch. Aber konstruktives Feedback bringt uns dazu, über uns selbst nachzudenken und zu überlegen, was wir besser machen können. Deshalb sind wir stets offen dafür.

Warum hat man diesen einen Standort als Testbetrieb gewählt? Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?

Das ging einher mit der Eröffnung des neuen Shop-Café-Konzepts im Grazer Univiertel. Wir machen die Dinge gerne ein wenig anders und so haben wir uns bei dieser neuen Filiale für eine No-Cash-Filiale entschieden.

Gab es bei manchen auch Ärger, oder kommen manche Gäste deshalb nicht mehr, oder ist es dem Großteil der Kunden ohnehin egal, ob man bar zahlen kann? Wie sind Ihre Erfahrungen nach einem Jahr?

Heute hat so gut wie jeder eine Kredit- oder Bankomatkarte dabei. Die Leute, die zu uns kommen, reagieren fast ausschließlich positiv. So, wie es in der Filiale läuft, entspricht es auf jeden Fall unseren Erwartungen vor der Eröffnung. Wir denken, dass wir da auch gar nicht auf die Bezahlmethode reduziert werden.

Ist der Testbetrieb abgeschlossen und wurde das Cashfree-Konzept mittlerweile auf alle Filialen ausgeweitet? Oder bleibt es vorerst bei dieser einen Filiale?

Wir denken darüber nach, das Konzept auch auf andere Filialen auszuweiten, ja. In Österreich mag das jetzt vielleicht noch absurd erscheinen, weil wir es noch nicht gewohnt sind. In den skandinavischen Ländern und in den Benelux-Staaten ist der bargeldlose Zahlungsverkehr zum Beispiel schon viel mehr etabliert.

Was hat die Umstellung Ihrem Unternehmen gebracht?

Es bringt vor allem einige Vorteile für unsere Kunden. Der Einkauf geht viel schneller, man läuft nicht Gefahr, Wechselgeld falsch herauszubekommen, und der Hygienefaktor spielt auch eine Rolle. So müssen unsere Kunden nicht erst im Kleingeldfach kramen und dann ihr Gebäck berühren. Für uns ist es offen gestanden auch eine Erleichterung. Die gesamte Manipulation mit Münzgeld bleibt uns so erspart.

Was steckt hinter der Prepaid-Karte für Kinder, die im Zuge der Eröffnung der No-Cash-Filiale ebenfalls angekündigt wurde?

Die Idee ist eine Art Wertkarte, die in allen Filialen aufgeladen und zur Bezahlung verwendet werden kann. Die Umsetzung hängt eng zusammen mit unserer Kassenlösung, da sind wir noch beim Feinschliff.

Wäre es denkbar, auch für Erwachsene eine Prepaid-Karte anzubieten, oder bezahlen per Handy?

Die Prepaid-Karte ist nicht nur für Kinder gedacht, sondern kann beispielsweise auch als eine Art Gutscheinkarte verschenkt werden. Wir sind stets offen für Neues.

Zur Person

Martin Auer leitet die Bäckerei Auer in dritter Generation. Im Stammhaus am Grazer Dietrichsplatz wird schon seit 1688 Brot gebacken. Neben dieser Backstube betreibt das Familienunternehmen heute 29 Filialen in Graz, Wien und Kärnten. Der Bäcker mit Mehlallergie hat sich Innovation auf die Fahnen geschrieben. Nicht nur in technischen Fragen, sondern auch bei Produktsortiment, Herstellungsprozess und Markenauftritt.