Geld her!

Banküberfälle lohnen sich für Gastronomen schon lange nicht mehr. Deshalb finanzieren immer öfter so genannte Private Equity Fonds lukrative Lokalkonzepte in der Systemgastro. FRISCH hat sich erklären lassen, wie das geht.
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Größer, innovativer, schneller: Wer sich die Gastroszene in Großbritannien und den USA ansieht, dem bleibt nicht verborgen, dass dort neue Konzepte für die Systemgastronomie wie Pilze aus dem Boden schießen. Atemberaubende Innenarchitektur, beste Zutaten und immer gleich mehrere Standorte: Das bestaunen Gastro-Reisende etwa in England selbst bei Restaurants, die auf den ersten Blick noch nicht den kulinarischen Mainstream bedienen. Wie geht das? Mit viel Geld, so viel ist klar.

Besonders in Großbritannien und den USA kommen die Geldspritzen für die Expansion von einer steigenden Zahl privater und institutioneller Anleger, die über Fonds Liquidität in die Branche pumpen. Die so genannten „Private Equity Fonds“ lassen sich in zwei Klassen einteilen: die institutionellen Schwergewichte, die unter 20 Mio. € gar nicht erst über eine Investition nachdenken und die Boutique-Fonds, deren Managementteams vor allem im englischsprachigen Raum meist von Privatleuten mit Risikokapital versorgt werden und schon ab ca. drei Mio. € Investitionssumme bei Konzepten mit hohem Renditeversprechen mitmachen.

Auf Einkaufstour

Besonders Letztere haben in jüngster Zeit in England kräftig zugeschlagen. Piper Private Equity investierte beispielsweise heuer 10 Mio. £ in die Expansion der Steak-Kette Flat Iron, Active Partners schnappte sich einen 50 -Prozent-Anteil von Honest Burger und die Cocktailbar-Kette The Alchemist ging 2016 für 13 Mio. £ an Palatine Private Equity.

Einer dieser Deals gelang auch dem seit 2007 existierenden Londoner Fonds Kings Park Capital mit dem Einstieg beim Fast-Casual-Konzept 7 Bone Burger. „Wir suchen für unsere Investitionen selbst aktiv nach Gründern, die mit zwei bis vier Restaurants bewiesen haben, dass ihre Idee aufgeht“, erklärt dazu Sönke Armbrust, der als Investmentmanager für Kings Park Capital auch 7 Bone Burger betreut. „Wenn wir uns dann engagieren, bieten wir das Kapital und das betriebswirtschaftliche Know-how, um das Konzept zu skalieren, also auf möglichst viele Standorte auszurollen“, erklärt er den Ansatz seiner Arbeitgeber, zweier Investmentbanker, die ursprünglich für Mergers and Acquisitions bei der Großbank UBS zuständig waren.

Der Zusammenarbeit geht meist ein etwa sechsmonatiger Prozess voraus, während dem sich Gründer und Investor gegenseitig kennenlernen und gemeinsam eine Vision und einen Business-Plan für das Unternehmen entwickeln. Danach wird ein Vertrag aufgesetzt. Denn Gastronomen, die sich für einen Private-Equity-Investor entscheiden, sollten wissen, was auf sie zukommt: „Wir machen das im traditionellen Stil“, meint dazu Sönke Armbrust, „Kings Park Capital möchte mindestens 40 Prozent der Anteile am Unternehmen und einen Sitz im Board, um gleichberechtigt mit den Gründern Entscheidungen treffen zu können.“ Außerdem gibt es eine Klausel, die das Recht beinhaltet, einen Exit zu kontrollieren. „Diese Klausel benötigen wir, um eine Realisierung unseres Investments herbeiführen zu können“, so Armbrust. „So ist das bei jedem Private Equity Fonds, da die Fonds eine begrenzte Laufzeit haben.“

Harte Bedingungen. Dafür bekommen Gastronomen aber nicht nur eine gewaltige Finanzspritze für die Expansion auf bis zu 20 Standorte, sondern auch Zugang zum Netzwerk von Kings Park Capital und das nötige Know-how für den Betrieb von Systemgastronomie jenseits von drei oder vier Standorten. „Unsere Geldgeber kommen alle aus dem Bereich Gastronomie, Hotellerie oder Freizeitindustrie“, meint dazu Armbrust. „Wenn unsere Partner irgendein Problem haben, gibt es in diesem Netzwerk immer jemanden, der bei der Lösung behilflich sein kann.“

Trotzdem ist das Ganze ein Spiel, das nur gewinnt, wer seine Zahlen im Griff hat. Der Investitionshorizont der Fonds ist nur fünf bis sieben Jahre. Danach sollen die Beteiligungen im Idealfall mit einer saftigen Rendite an den nächstgrößeren Private Equity Fonds weiterveräußert werden. Für Gastronomen ist die Unternehmensbewertung deshalb ein neuralgischer Punkt. Denn sie entscheidet, wie viel Geld für den 40- bis 60 prozentigen Anteil am eigenen Laden und die Aufgabe der alleinigen Entscheidungsmacht wirklich fließt. „Wir machen das auf EBITDA-Basis, also auf Grundlage des Gewinns vor Zinsen und Steuern. Manchmal rechnen wir sogar die höheren Kosten für die allgemeine Verwaltung heraus und multiplizieren das Ergebnis der Restaurants dann mit einem Faktor. Der ergibt sich daraus, wie sich der Gastromarkt gerade insgesamt entwickelt und welche Transaktionen wir bei Kings Park Capital selbst in den letzten drei bis vier Jahren konkret realisieren konnten“, so der Manager.

In Großbritannien scheint dieses Finanzierungsmodell momentan für beide Seiten zu funktionieren. Die Systemgastronomie boomt dort auch abseits der üblichen Verdächtigen. „Was das betrifft, sind wir auf der Insel wesentlich weiter entwickelt als auf dem Kontinent“, meint dazu Armbrust. „Gleich eine Kette aufzubauen, ist hier in den verschiedensten Segmenten eher üblich. Was auch damit zusammenhängt, dass wir in England schon länger den Trend beobachten, dass die Menschen immer öfter auswärts essen gehen.“

Viele Kennzahlen für Erfolg

Warum gibt es also abseits einiger großer Transaktionen, wie etwa im Fall Maredo oder beim Börsengang von Vapiano, wenig Engagement von Private Equity Fonds in Deutschland und Österreich? Die Voraussetzungen wären vorhanden, meint Moritz Dietl, Geschäftsführender Partner bei Treugast, einem der führenden deutschen Beratungsunternehmen für die Gastronomie: „Es ist an sich gar nicht erstaunlich, dass im angelsächsischen Raum Investoren den Gastromarkt für sich entdeckt haben. Meist sind Gastro-Konzepte leicht skalierbar und es gibt viele Kennzahlen, anhand derer sich der Erfolg sehr gut, einfach und zeitnah messen lässt – etwa den Umsatz pro Cover, um nur einen zu nennen. Außerdem fließt ja direkt nach der Eröffnung Geld, um etwaige Kredite zu bedienen.“

Auch sonst ist gerade Deutschland ein interessanter Markt für die Systemgastro. Es gibt sieben so genannte A-Städte mit über 500.000 Einwohnern und zig weitere mittelgroße Kommunen. Warum trotzdem nur wenige neue Systemrestaurants eine Finanzierung über Private Equity Fonds finden, führt Dietl darauf zurück, dass es zu wenig passende Konzepte gibt und die Unternehmen für die institutionellen Fonds nicht groß genug sind. Es fehlt also quasi der Mittelbau, jene kleineren PE-Investoren, die nicht erst ab 20 oder 30 Mio. € Investment einsteigen.

Das sieht auch Prof. Wolf Michael Nietzer so, der mit den Food Angels in Deutschland ein Netzwerk von Business Angels für die Gastronomie gegründet hat. „Ich glaube, es hängt unter anderem mit Mentalitätsunterschieden zusammen, warum die Private Equity Fonds in den USA und Großbritannien viel stärker vertreten sind. Hierzulande sind es eher die Family Offices, die Risikokapital in spannende Konzepte stecken.“ Damit meint Nietzer Einzelinvestoren oder besonders wohlhabende Familienunternehmen, die mangels adäquater Bankzinsen einen Teil ihres Geldes auf eigenes Risiko und ohne Fondsmanagement auch in gastronomische Unternehmungen investieren. Die Käfer Capital GmbH des Münchner Gastronomen Michael Käfer beispielsweise, der gerade die Oh Julia-Restaurantkette finanziell unterstützt hat.

Variante Business Angels

Aber auch Nietzer und seine vier Partner tun etwas, um die Finanzierungslücke zu schließen. 50.000 bis 500.000 Euro investieren sie in der Regel bei der ersten Finanzierungsrunde in einen fünf- bis zehnprozentigen Anteil an gastronomischen Projekten. Viel weniger also als Private Equity Fonds: „Dafür gibt es bei Business Angels aber auch keine harten Exitklauseln im Vertrag und es liegt mehr Fokus auf der partnerschaftlichen Beratung, weniger auf der Erfüllung von Zahlenvorgaben.“

Absolut zufrieden ist Nietzer mit der Entwicklung seiner Investments in Lokale aber momentan trotzdem nicht: „Ein Riesenproblem in Deutschland ist die Skalierbarkeit, weil es so schwer ist, Standorte zu finden. Gute Locations gehen hierzulande selten an die Gastronomie, weil die Vermieter fürchten, dass sich die Anwohner beschweren oder es Geruchs- und Lärmbelästigung gibt. Außerdem sind die Mieten meist exorbitant hoch.“

Für Dirk Rottmüller vom Beratungsunternehmen Gastro-Consulting in Ludwigshafen ist Letzteres ein weiterer Grund, warum sich Systemgastronomen im deutschsprachigen Raum schon bald Gedanken über neue Wege der Finanzierung machen sollten. „Bisher lief in Deutschland viel über Franchising, aber die Zahl der Franchising-Nehmer, die es sich leisten können, beispielsweise 500.000 Euro für einen Standort auszugeben, ist begrenzt. Irgendwann fehlt deshalb das Kapital für die nötige weitere Expansion. Für mich ist ein Indikator für diese These, dass Vapiano nun an die Börse gegangen ist, statt allein auf sein Franchising-System zu setzen.“

Dass Systemgastronomen in Österreich und Deutschland langfristig einen eigenen Weg ohne große Investoren und Fonds weitergehen können, glaubt Rottmüller nicht. „Der Wettbewerbsdruck steigt. Vor allem die junge Gästeschicht fliegt ja heute in der ganzen Welt herum und lernt dort in London oder New York neue Gastroansätze kennen, die mit viel Geld für Außenauftritt, Marketing und Produktqualität in den Markt drängen. Wer da hierzulande nichts Vergleichbares anbieten kann, nutzt seine Chancen bei diesen Gästegruppen nicht. Ich glaube, dass wir da vor einer Marktbereinigung stehen, und hoffe, dass es dann nicht nur einige Große schaffen zu überleben. Denn sonst wird es hierzulande sehr langweilig.“

Die Investoren aus dem angelsächsischen Raum sind jedenfalls schon auf das brachliegende Potenzial in Deutschland und Österreich aufmerksam geworden. „Wir bei Kings Park Capital verfolgen die gastronomische Szene in Kontinentaleuropa sehr intensiv“, meint zum Beispiel Sönke Armbrust: „Wir sehen dort die ersten Anzeichen einer neuen Entwicklung und haben deshalb diesen Markt gerade stark im Fokus. Wir hoffen, dass wir bald das Wissen und die Erfahrung dort einbringen können, die wir hier gesammelt haben.“

Man darf also gespannt sein, ob es bald neben Vapiano, Akakiko, L´Osteria und Co. noch ein paar Newcomer unter den Systemplayern geben wird.


Begriffserklärung - Private Equity Fonds

Übersetzt bedeutet Private Equity außerbörsliches Eigenkapital. Bei dieser Form des Beteiligungskapitals wird die vom Kapitalgeber eingegangene Beteiligung nicht an geregelten Märkten, wie etwa Börsen, gehandelt. Die Kapitalgeber können sowohl private als auch institutionelle Anleger sein; häufig sind es spezialisierte Kapitalbeteiligungsgesellschaften mit Managementteams. Wird das Kapital Unternehmen bereitgestellt, die ein hohes Risiko, aber auch entsprechende Wachstumschancen in sich bergen, spricht man von Risiko- oder Wagniskapital. 

„Wenn wir das in den Sand setzen, gibt uns nie mehr jemand so viel Geld!“

Michael Heyne und Dominik Stein sind untypische Gastronomen. Die beiden gerade 30-jährigen Absolventen der Elite-Uni WHU wollten von Beginn an nur eines: Döner nach Amerika bringen. Erklärtes Ziel sind 200 Filialen ihrer Kette VERTS Mediterranean Grill bis 2020. Wie sie das Geld dafür auftreiben wollen, hat FRISCH von Michael Heyne erfahren.

Du sitzt gerade in New York, Michael, von wo aus Du die Expansion der VERTS Mediterrenean Grills an die Ostküste betreibst. Wie geht die Kurzfassung der Geschichte bis hierher?

Mein Partner Dominik und ich haben ein Auslandssemester in Dallas, Texas, gemacht. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Amerikaner Döner nicht kennen. Außerdem waren wir fasziniert von angesagten Kettenkonzepten wie Chipotle. Und da haben wir es dann mit dem ersten VERTS Döner versucht und damals noch mit lauter Freiwilligen aus Deutschland den ersten Laden gebaut und eröffnet. Schnell kamen weitere Läden in Texas dazu und momentan sind wir gerade mitten am Sprung in die Metropolen an der Ostküste.

Wie habt ihr die rasante Expansion finanziert?

Die erste Million haben wir von Freunden und Bekannten in Deutschland eingesammelt. Die Hälfte davon waren Darlehen, die wir durch den Erfolg der Lokale zurückzahlen können. Heute halten wir bei ca. 45 Mio. $ von rund 600 Investoren.

Das klingt so, als ob es nichts wäre. Geben einem private Investoren einfach aus Spaß so viel Geld?

Natürlich nicht. Unser Uni-Netzwerk hat uns dabei geholfen und dass wir selbst aus der Finanzbranche kommen. Wir hatten bereits im ersten Lokal Microsoft Dynamics installiert und konnten sofort alle Zahlen liefern, die Investoren interessieren. Außerdem war immer klar, dass wir skalieren wollen. Das hat uns natürlich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen.

Die wären?

Wir haben auf Döner gesetzt und in der Region Texas zu viele Lokale eröffnet.

Aber Döner war doch genau die Idee hinter VERTS, oder?

An sich schon. Aber wir haben das durchgerechnet und festgestellt, dass Dönerfleisch durch die spezielle Art der Herstellung zu wenig Ertrag am Spieß liefert. Da gibt es einfach zu viele Verluste und der Wareneinsatz ist zu hoch. Deshalb haben wir auch ein Rebranding angestoßen und positionieren uns jetzt eher als hochwertiger Anbieter von Speisen aus dem ganzen östlichen Mittelmeerraum. An dieser Geschichte sieht man vielleicht auch, dass Köche oft nicht die Richtigen für die Skalierung eines Gastrokonzeptes sind, weil sie zu sehr an der Idee selbst festhalten und sich zu wenig Gedanken über die Wirtschaftlichkeit machen.

Soweit ich das verstanden habe, habt ihr euch bewusst für viele kleinere Investoren entschieden. Warum?

Wir wollten noch die volle Kontrolle über das Unternehmen behalten. Wir halten immer noch 65 % der Anteile und haben niemanden, der uns reinredet. Bei der Suche nach neuem Kapital sehen wir immer wieder, welche Probleme es geben kann, wenn Investoren allein auf die Zahlen schauen. Wir haben beispielsweise in Texas einen durchschnittlichen Umsatz pro Filiale von 600.000 Dollar, in New York wird es vorraussichtlich doppelt so viel. Das ist für Investoren ein Problem, weil dadurch das Modell nicht exakt vorhersagbar wird und Unsicherheit entsteht.

Werdet ihr also auch in Zukunft auf große Private-Equity-Investoren verzichten?

Das wird wohl kaum möglich sein, wenn wir unsere Ziele erreichen möchten. Wir haben errechnet, dass das VERTS-Konzept bei ca. 40 bis 45 Filialen effizient und profitabel laufen müsste. Dann könnten wir uns das erste Mal wirklich zurücklehnen und müssten keine Sorgen haben, dass wir doch noch scheitern. Aber natürlich schauen wir uns auch an, wie wir an die großen Private- Equity- Investoren herankommen, die erst bei Investitionssummen von 25 bis 50 Mio.  $ Interesse an einem Unternehmen haben. Bain Capital hat beispielsweise gerade einen kleineren Fonds aufgelegt, der für uns interessant sein könnte.

Und wie ginge es danach weiter?

Ziel eines großen Private Equity Fonds ist es, die anderen Investoren rauszukaufen und weiter zu expandieren. Danach könnte man sich dann einen Secondary Buy Out oder ein Initial Public Offering vorstellen. Die ersten Schritte zum Gang an die Börse.

Bekommt man nicht manchmal Angst, wenn man sich das in letzter Konsequenz durchdenkt?

Zumindest werden einem kleinere private Probleme wie ein gestohlenes Auto oder sowas eher egal. Denn wir wissen, wenn wir das in den Sand setzen, vertraut uns niemals wieder jemand so viel Geld an.