Grenzenlos

Was haben Iphone oder Donald Trump damit zu tun, was bei uns ein Liter Milch kostet? Längst bestimmen Ereignisse auf der ganzen Welt, wie viel wir für Lebensmittel bezahlen. FRISCH hat sich die komplexe Thematik von Insidern und Experten erklären lassen.
toggle Sidebar Wir beobachten eine Verwestlichung der Ernährung in den Schwellenländern.

Nimmt die IPhone-Produktion Einfluss auf die Lebensmittelpreise in Österreich? Wer jetzt glaubt, das sei eine ziemlich blöde Frage an einen Preis- und Inflationsexperten, der irrt. Denn Dr. Sebastian Koch, Makroökonom am Institut für Höhere Studien (IHS), kann dem Hintergrund für die zugespitzte Formulierung durchaus etwas abgewinnen: „Im Prinzip geht es auch bei Lebensmittelpreisen immer um Angebot und Nachfrage. Wenn im IPhone-Herstellerland China die Mittelschicht wächst und sich bessere und nährstoffreichere Lebensmittel leisten kann, bedeutet das auch, dass auf dem gesamten Weltmarkt die Nachfrage zunimmt.“ Je mehr Chinesen sich also in den Fabriken von Foxconn, BMW oder des steirischen Leiterplattenherstellers AT&S in die Mittelschicht hocharbeiten, desto mehr hochwertige Lebensmittel konsumieren sie. Und das hat Einfluss auf die Preise, selbst in Österreich.

Globales Angebot, globale Nachfrage

Ein Mann, der mit dieser Entwicklung täglich leben muss, ist DI Josef Braunshofer, Geschäftsführer von Berglandmilch: „Wir beobachten schon seit geraumer Zeit eine Verwestlichung der Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern – vor allem in China“, erklärt er. „Das bedeutet ganz automatisch einen steigenden Milchkonsum.“ Und nicht nur das: Auch sehr milde Käsesorten wie Mozzarella sind der Renner. Denn wenn einer Milliarde Chinesen auf einmal Pizza schmeckt, merkt das der Markt. Dazu kommt, dass das Riesenland die neue Lust auf Milch in absehbarer Zeit laut Braunshofer kaum selbst bedienen kann: „Anders als hierzulande sind dort weite Landesteile für die Haltung von Milchkühen ungeeignet. Das hat einerseits mit dem Klima zu tun, andererseits mit dem großen flächenmäßigen Anteil von Steppen, was auch die Produktion von Futtermitteln erschwert.“ Der wachsende Milchdurst der Schwellenländer ruft aber auch Konkurrenten auf den Plan. Laut dem Chef von Berglandmilch wird beispielsweise Indien 2020 einer der größten Milchproduzenten der Welt sein. Und auch das hat Einfluss auf die europäischen Milchpreise. Doch gerade für das Aufregerthema des letzten Jahres gibt es auch hausgemachte Gründe. Der Butter- und Milchpreis stieg zeitweise nämlich deshalb so stark, weil sich in Europa die gesellschaftlichen Präferenzen änderten. Angetrieben von einer intensiven Negativ-Kampagne einiger NGOs verzichteten viele Industrieunternehmen auf die Verwendung von Palmöl. Stattdessen verwenden sie nun wieder in großen Mengen Butter. Die Folge? Eine Verknappung des Angebots in Österreich und steigende Preise.

Wie die Börsen Preise bestimmen

Mit hochwertigen Ölen und Fetten kennt sich auch Wolfgang Ahammer bestens aus. Er ist Geschäftsführer der VFI GmbH in Wels, einem der marktführenden Produzenten von Speiseölen und Speisefetten. Einzelnen Faktoren will er bei der Preisentwicklung von Produkten gar nicht zu viel Gewicht beimessen: „Die Preise für diese Rohstoffe werden heute von den großen Leitbörsen bestimmt, zum Beispiel in Chicago, Malaysia, Rotterdam oder Paris. Dort spielen einzelne Faktoren meist gar nicht die entscheidende Rolle. Man muss sie alle im Zusammenspiel betrachten“, betont er. Einige davon sind weltweite Ernteerwartungen und die Größe der globalen Anbauflächen, die Art der Produktionsmethoden oder für Laien so überraschende Dinge wie Frachtraumkapazitäten. Denn wenn in Deutschland niemand mehr LKW fahren will, wird der Transport gleich empfindlich teurer. Viel mehr Macht als ein paar Trucker haben allerdings einige große Finanzmarktinvestoren, die auf den Märkten für Lebensmittel investieren. „Für sie ist der Agrarmarkt interessant, weil man mit vergleichsweise wenig Mitteleinsatz viel bewegen kann“, erklärt Ahammer. Dadurch wird zwar Spekulation möglich, grundsätzlich bewertet der VFI-Geschäftsführer die Absicherungsmöglichkeiten an den Warenbörsen aber positiv für alle Marktteilnehmer: „Die Hersteller können ihre Ware zu definierten Preisen vermarkten und die Käufer können sich gegen zu hohe Preisschwankungen absichern.“

Faktor Mineralölpreis

Für die Preisbestimmung in der Pflanzenölindustrie sind die Mineralölpreise ohnehin wichtiger. Einerseits wegen ihres Einflusses auf die Transportkosten, andererseits, weil manche Lebensmittel zusätzlich energetisch für Biodiesel genutzt werden. Die EU hat beispielsweise in manchen Bereichen eine Ethanol-Beimengungsquote zu Kraftstoffen eingeführt und selbst in Malaysia wird Palmöl zur Energiegewinnung verwendet. „Seit 2008 hat die Kopplung der für uns relevanten Lebensmittelpreise an den globalen Mineralölpreis stark zugenommen“, meint Ahammer. Eine unmittelbare Beziehung von Mineralöl- und Lebensmittelpreisen sieht er aber nicht: „Das geht erst durch mehrere Distributionsstufen, bevor es preislich beim Konsumenten oder Gastronomen ankommt.“

Futterkrisen

Trotzdem gibt es Ereignisse, die die Aktienmärkte sofort aus dem Gleichgewicht werfen. Als beispielsweise 2012 eine Dürre den Mittleren Westen der USA heimsuchte, stiegen die Notierungen für Mais innerhalb weniger Wochen um satte 60 %. Die Vereinigten Staaten sind nicht nur weltweit der mit Abstand größte Mais-Produzent, sie exportieren auch so viel davon wie kein anderes Land. Fast die Hälfte der weltweiten Maisexporte kommt von dort. Wenn der Ertrag der amerikanischen Farmer sinkt, schlägt sich das deshalb sofort in höheren Preisen auf der ganzen Welt nieder. Für Österreich relevant sind solche Verwerfungen nicht nur beim Preis von Speiseölen. Wegen der Verwendung in Futtermitteln wirken sich Ertragseinbußen bei Mais oder Soja in tausende Kilometer entfernten Ländern wie den USA oder Brasilien indirekt auch auf die heimischen Fleisch- und Geflügelpreise aus.

Selbst wenn die Futtermittel nicht eingeschifft, sondern in Österreich produziert werden, bleiben sie bei der Preisgestaltung ein enorm wichtiger Faktor. Das zeigt ein Fall, den DI Dr. Karl Feichtinger, Geschäftsführer von Wech Geflügel aus Kärnten, schildert: Im November vergangenen Jahres brannte die Citral-Anlage von BASF im deutschen Ludwigshafen. Citral ist an sich ein Duft- und Aromastoff und wird bei der Synthese von Vitamin A benötigt, das praktisch allen Futtermitteln beigemengt ist. „Weil BASF einer der größten Vitamin A Produzenten der Welt ist, hat der Preis durch die Zerstörung der Anlage einen enormen Sprung gemacht“, erzählt Feichtinger. „Wenn noch im Sommer 2017 25 Euro für das Kilo normal waren, kostete es ab November weit über 400 Euro!“ Natürlich stieg deshalb generell der Preis für Frischgeflügel. Doch nicht nur das: 2017 waren zusätzlich die Mais- und Weizen-Ernten schlecht, die Hauptkomponenten von Geflügelfutter aus regionaler Herkunft.

Und die Politik?

Gesellschaft, Markt und Umwelt bestimmen also mit, wie viel wir für Lebensmittel zahlen. Aber auch die Politik hat ein Wörtchen mitzureden. Besonders beim Import von Fleisch getreidegefütterter Rinder zeigt sich dieser Einfluss, wie Luka Miskovic nur zu gut weiß: „Die Nachfrage ist in diesem Bereich in den letzten Jahren enorm gestiegen und mittlerweile bieten nicht nur die USA Grain-fed-Ware an, sondern auch andere Länder wie beispielsweise Uruguay“, schildert der Chefeinkäufer von Taurus Meat in Hamburg die Lage. Das Problem dabei: Die EU hat mit den USA eine generelle EU-Quote für Grain-fed Beef vereinbart. Ist sie erreicht, werden bei Einfuhren aus allen Import-Ländern Zölle fällig. Taurus Meat zahlt dann 12,8 % Zoll und zusätzlich 3,034 Euro pro Kilo. Da es den anderen Händlern genauso geht und die Nachfrage groß ist, kaufen alle Importeure so schnell wie möglich so viel wie möglich. Das Resultat: Die pro Quartal fixierte Quote ist nach zwei bis drei Wochen erschöpft und niemand kann bis zum nächsten Quartal mehr ohne Strafzoll Grain-fed Beef importieren. „Für uns macht das den Handel schwerer planbar und es kann deshalb zu Preissprüngen kommen, wenn es uns nicht gelingt, die Nachfrage richtig einzuschätzen“, erklärt dazu Miskovic, warum die Situation für seine Branche aktuell die größte Herausforderung ist. Sie bleibt aber nicht die einzige. Denn als Importeur kauft er seine Waren in Dollar. Für ihn entscheidet also auch der Wechselkurs über Preise und Profite. Das verdeutlicht ein ganz einfaches Rechenbeispiel. Im Jänner 2017 bekam der Chefeinkäufer für einen Euro 1,05 Dollar, heute sind es über 1,20 Dollar. Bei einem 11-Tonnen-Container, der 150.000 Dollar kostet, macht das einen Unterschied von satten 17.857 Euro.


Wechselkurs-Rodeo

Auch auf die Wechselkurse kann die Politik Einfluss nehmen. Manchmal wirken sich sogar Einzelereignisse stark und schnell aus. „Als Donald Trump Anfang November 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, legte die US-Währung beispielsweise enorm zu, weil sich die Aktienmärkte viel von den angekündigten Konjunkturprogrammen versprachen“, erklärt Makroökonom Dr. Sebastian Koch das Zusammenspiel. Heute ist viel von dieser Euphorie verflogen und der Dollar fällt und fällt, nicht zuletzt wegen der deutlich in Schwung kommenden Konjunktur in Europa. Für die österreichischen Lebens- und Futtermittelimporteure ist das gut, weil dadurch für sie die Einkaufspreise fallen. So wird zum Beispiel Meeresfisch traditionell in Dollar gehandelt, d. h., ein starker Dollar macht Pangasius, Tilapia & Co. teuer, ein günstiger Dollar lässt die Preise dagegen sinken.

Langfristige Preiszyklen

Beim Einfluss von Währung und Politik auf die Preise ergibt sich damit eine ähnliches Bild wie bei den anderen Faktoren: Es handelt sich um ein hochkomplexes System mit vielen Variablen. Eines ist aber nach vielen Experten-Interviews und Fallbeispielen klar: Was Lebensmittel in Österreich kosten, kann mit Ursachen auf der ganzen Welt zusammenhängen. Müssen Verbraucher und Gastronomen deswegen Angst vor stetig steigenden Lebensmittelpreisen haben? Makroökonom Koch glaubt das nicht: „Wenn man sich den österreichischen Referenzwert für die Teuerung von Lebensmitteln ansieht, dann ziehen die Preise einmal stärker an und einmal schwächer. Im langfristigen Mittel, etwa im Zeitraum 2009–2017, betrug die Inflationsrate für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke durchschnittlich 2.1% pro Jahr. Das entspricht ziemlich genau der EZB-Definition von Preisstabilität. Eine höhere Teuerung von Lebens¬mitteln ist somit also nicht erkennbar.“