Klima Killer

Der weltweite Fleischkonsum beeinflusst unser Klima. So viel steht fest. Vor allem das rülpsende und pupsende Rind steht öffentlich am Pranger. Zu recht? Oder machen wir es uns da zu einfach? Und was bedeutet das für unser heiß geliebtes Steak? FRISCH hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht – Fakten statt Fake News.
toggle Sidebar Wir essen dreimal soviel Fleisch wie empfohlen.

Wir sind mittendrin statt nur dabei. Der Klimawandel hat uns fest im Griff. Die große Sommerhitze, die langen Trockenperioden und die verheerenden Starkregen: Das alles betrifft uns schon heute sehr konkret. Auf der Suche nach Schuldigen zeigen immer mehr Menschen mit dem Finger auf die Landwirtschaft. Wer Rinder für den Fleischkonsum hält, sei ein Klimasünder. Landwirtschafts-Bashing heißt das auf Neu-Deutsch. Woher kommt diese kollektive Schuldzuweisung?

Hannes Royer hat eine Vermutung. Der engagierte Bergbauer im weststeirischen Schladming hat gemeinsam mit Freunden den Verein Land schafft Leben gegründet und es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein der Konsumenten für die Landwirtschaft und ihre Erzeugnisse zu stärken. „Die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) veröffentlichte im Jahr 2006 eine Studie mit dem Titel ‚Der lange Schatten der Tierhaltung‘, erklärt Royer. 

„Die Kernaussage der Studie war, dass die weltweite Tierhaltung für 18 % aller Treibhausgase verantwortlich ist und damit mehr emittiert als der weltweite Verkehr. Berechnungen am Ende der Studie ergaben, dass die Kuh durch ihre Methanemissionen beim Rülpsen und Pupsen sogar schädlicher für das Klima ist als das Auto. Mehr hat es nicht gebraucht, seither geistert der Auto¬-Kuh-Vergleich unaufhörlich durch die Klimadebatte.“

Was viele nicht bemerkt haben oder wissentlich ignorieren, ist der Umstand, dass die FAO ihre Berechnungen noch im selben Jahr korrigiert hat, weil dem Verkehr nicht alle ihm anzulastenden Emissionen zugeschrieben wurden. „Die errechnete Beteiligung der globalen Tierhaltung an den Treibhausgasemissionen wurde dadurch auf 14,5% korrigiert“, so Royer, „aber das ging medial komplett unter.“ Wer ein wenig zum Thema googelt, findet noch immer in teils renommierten Quellen zahlreiche Artikel, die sich in ihrer Argumentation auf die falsch berechneten Zahlen stützen. Generell muss man also jeden Vergleich, wie eben jenen von Kuh und Auto, mit größter Sorgfalt hinterfragen. Wurden beim Verkehr auch die bei der Autoproduktion entstehenden Treibhausgase einberechnet? Und wurden die nachteiligen Auswirkungen durch Bodenversiegelung bedacht, weil Straßenflächen kein CO2 mehr speichern können? Vor allem internationale Berechnungen, betreffend CO2-Ausstoß nach Sektoren, basieren nicht immer auf denselben Annahmen und Einteilungen, oft werden dabei Äpfel mit Birnen verglichen. Was kann und soll man also glauben?

Wir lieben Fleisch

Fakt ist, dass jeder den Klimawandel spürt und jeder die Treibhausgase reduzieren möchte. Fakt ist aber auch, dass wir unsere Steaks und Schnitzel lieben. Die Deutschen verzehren knapp 60 kg Fleisch pro Kopf und Jahr, die Österreicher sogar rund 66 Kilo. Damit rangieren wir im Spitzenfeld der EU, die nach dem Brexit rund 446 Mio. Einwohner zählt. In Nordamerika liegt der jährliche Pro-Kopf-Konsum laut FAO sogar weit über 90 kg, bei rund 579 Mio. Einwohnern. Diese unglaublichen Mengen können nur durch Massentierhaltung gesichert werden. Die FAO definiert den Begriff Massentierhaltung jedoch nicht nach der Anzahl der gehaltenen Tiere, sondern als ein System, in dem weniger als 10 % des Futters für die Tiere vom eigenen Betrieb stammen und in denen auf einer Fläche von einem Hektar mehr als zehn sogenannte Großvieheinheiten (z. B. zehn Stiere) gehalten werden.

Ist Fleischkonsum also generell schlecht fürs Klima? Wenn es um Massentierhaltung geht, heißt die Antwort leider Ja. Grund dafür ist hauptsächlich das verwendete Kraftfutter aus Soja, Mais, Getreide und etwas Grassilage. Es kommt in Ländern mit ausgeprägter Massentierhaltung wie Deutschland, den USA oder Argentinien nicht vom eigenen Betrieb, sondern wird zugekauft. In den letzten 50 Jahren hat sich die Anzahl der Rinder weltweit verdoppelt. Um alle 1,6 Milliarden Rinder und Büffel ernähren zu können,  werden über 70 % der weltweiten Ackerfläche dazu verwendet, Futtermittel für die Tierhaltung, anstatt für die Produktion von Lebensmitteln anzubauen. Dieser Anteil wächst ständig weiter, immer mehr Grünlandflächen werden in Ackerland umgewandelt. In Südamerika trifft es vor allem den für das Weltklima so bedeutenden Regenwald, der dem Futtermittelanbau weichen muss.

„Gerade die Fütterung von Grasfressern mit Ackerfrüchten wie Mais, Soja und Getreide sowie der Umbruch von Grasland bei anschließendem nicht-nachhaltigen Ackerbau ist eine der großen landwirtschaftlichen Fehlentwicklungen“, betont die Tierärztin Dr. Anita Idel. Sie ist eine ausgewiesene Expertin, war von 2005 bis 2008 Leadautorin des UN-Weltagrarberichts, lehrte an deutschen Universitäten und engagiert sich als Mediatorin im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Natur- bzw. Tierschutz. In ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller – wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können“ wird sie allerdings nicht müde zu erklären, welche positive Wirkung nachhaltiges Weidemanagement auf das Klima hat.

Vorbild Österreich

„Rinder sollten nicht im Stall stehen, sondern wie früher das Grünland beweiden, weil der Biss der Rinder das Gras zum Wachsen anregt. Dadurch wird mehr CO2 im oberirdischen Gras, aber vor allem im unterirdischen Wurzelsystem und damit schließlich im Boden gespeichert.“ Unsere Böden, und hier vor allem die Humusschicht, sind ein riesiger CO2-Speicher. Die Haltung von Rindern generell mit höherem CO2-Ausstoß gleichzusetzen, ist also grundfalsch. Wenn das Vieh – wie in Österreich sehr oft üblich – auf der Weide gehalten wird, hat es eine ausgegelichene oder sogar positive CO2-Bilanz. Denn das verhindert den Umbruch von Grünland, der gespeichertes CO2 freisetzt, und wirkt außerdem der Versiegelung von Böden entgegen, die einen großen Teil zur Erderwärmung beiträgt. Außerdem muss Grassland nicht gedüngt werden. „Wird Grün- zu Ackerland und in der Folge für den Futtermittelanbau genutzt, erfolgt massiver Stickstoffdüngereinsatz“, so Idel. „Die Herstellung von Stickstoffdünger für Ackerfrüchte ist extrem energieaufwändig und setzt pro Tonne rund 5 t CO2 frei. Bei der Ausbringung am Acker entstehen zudem pro 100 t Dünger 2 – 5 t Lachgas (N2O), das 300-mal so klimarelevant ist wie CO2 und 12-mal klimarelevanter als Methan. Diese Berechnungen fließen so gut wie nie in Studien ein, ebenso wenig werden die für das Klima positiven Effekte der Beweidung berücksichtigt, wodurch die Kuh nach wie vor fälschlicherweise als Klimakiller gebrandmarkt wird.“

Vorteil Weidehaltung

Dass diese Überlegungen nicht nur graue Theorie sind, zeigen die Zahlen für Österreich. Im Vergleich zu Agrar¬nationen wie Deutschland oder den Niederlanden, ist die Landwirtschaft hierzulande kleinteiliger strukturiert. Viele Betriebe erzeugen ihr Futter in großem Ausmaß selbst oder halten ihr Vieh auf Almen und Weiden. Ergebnis: In Österreich trägt die gesamte Landwirtschaft nur 10 % zu allen Treibhausgasemissionen bei. Spitzenreiter sind Industrie (44%) und Verkehr (30 %). Konzentriert man sich nur auf den Wert für den Personenverkehr und vergleicht ihn mit jenem für die Rinderhaltung, ergibt sich ein noch überraschenderes Bild: Die österreichischen Autofahrer produzieren mehr als dreimal so viel CO2 wie die Rinderhalter. Trotzdem bleibt ein gewichtiges Problem: Auch Österreicherinnen und Österreicher essen zu viel Billigfleisch aus Massentierhaltung. Vor allem Schweine und Rinder werden in vielen Ländern Europas mit gentechnisch verändertem, importiertem Sojaschrot gefüttert. Auch wenn der Anteil der kontinentalen Sojaproduktion stetig steigt, erreicht die EU trotzdem nur einen Selbstversorgungsgrad von gerade einmal 5%. Der restliche Sojaschrot stammt zum größten Teil aus Nordamerika, Brasilien und Argentinien. Das heißt, auch wir Europäer verbrauchen viel Ackerland am amerikanischen Kontinent, tragen zur Abholzung des Regenwalds bei, verursachen zusätzliche Treibhausgase bei Transport und Lagerung, und stehen somit genauso in der Schuld wie alle anderen.

Aber wir können etwas dagegen tun, ohne ganz auf Fleisch zu verzichten. Anita Idel: „Der Fokus muss auf Grasland-basierter Tierzucht und -haltung, auf Bodenfruchtbarkeit und auf biologische Vielfalt gelegt werden.“ Ein Lösungsvorschlag, den Hannes Royer vollinhaltlich unterstützt, ergänzend fügt er hinzu: „Die Landwirtschaft muss möglichst standortgerecht wirtschaften. Das bedeutet, regionale Möglichkeiten ideal zu nutzen.“

Mehr heimisches Futter

Gemeint ist damit, die Tierfutterimporte zu hinterfragen und stattdessen zu überlegen, welche Möglichkeiten es innerhalb unserer Länder für den Anbau von Tierfutter gibt. „Bei Schweinefutter ist das schon häufig der Fall“, so Royer. „Wir setzen verstärkt auf den Sojaanbau und ersetzen den Sojaanteil auch durch anderes heimisches Eiweißfutter.“

In dieselbe Kerbe schlägt auch Bernhard Wohner, Nachhaltigkeitsexperte der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000: „Zwei Portionen Fleisch pro Kopf und Woche wären in Österreich auf nachhaltigem Wege produzierbar.“ Kurz gesagt, niemand muss zwingend zum Vegetarier werden, um das Weltklima zu retten. Aber Gästen regional produziertes Fleisch anzubieten, sei vor allem für Gastronomen ein Gebot der Stunde, meint Hannes Royer von Land schafft Leben und sieht dabei, was die Regionalität betrifft, noch viel Aufklärungsbedarf. „Wir müssen beginnen, unter dem Begriff der Regionalität nicht nur die Produkte des nächstgelegenen Bauern zu verstehen, sondern die Produkte aus ganz Österreich. Heimisches Fleisch ist ausreichend verfügbar und man kann die Produktionsbedingungen genau nachvollziehen.“

Und der Preis? Natürlich ist Fleisch von der Alm teurer als das aus internationaler Massenproduktion. „Für ein Kilo österreichisches Wadenfleisch vom Rind sind es im Einkauf aber nur etwa 80 Cent. Pro Portion Gulasch bedeutet das für den Gast 20 Cent mehr“, rechnet Manfred Kröswang dazu vor und meint dann: „Laut einer aktuellen Studie wären über die Hälfte der Gäste bereit, zwischen 6 und 20 % mehr für Gerichte aus heimischen Lebensmitteln zu bezahlen. Die 20 Cent sollten also kein Problem sein.“

Die Verantwortung, mit regional produziertem Fleisch etwas fürs Klima zu tun, liegt also bei Produzenten, beim Handel und auch bei der Gastronomie. Denn eine Zukunft, wie sie kürzlich die Unternehmensberatung A.T. Kearney prognostiziert hat, dürfte vielen Gästen wenig schmecken. Die Studienautoren glauben, dass der Kilogrammpreis von Laborfleisch bis zum Jahr 2030 auf rund 40 Dollar pro Kilogramm fallen wird. Ab dieser Schwelle könnte dieses In-vitro-Kunstfleisch massentauglich werden. Na dann, Mahlzeit. 

„Regional ist es nicht nur beim Nachbarn.“

Hannes Royer ist Bergbauer in Schladming/Stmk und Mitbegründer des Vereins Land schafft Leben. FRISCH erzählt er im Interview, was ihn zur Vereinsgründung veranlasste, welche Pläne er verfolgt und was wir alle gegen den Klimawandel beitragen können.

Essen wir zu viel Fleisch?

Auf alle Fälle. Österreich liegt mit über 60 kg Fleischkonsum pro Kopf und Jahr weit über den Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung, die diesen Wert mit 20 kg pro Kopf und Jahr beziffert.

Was sagen Sie jemandem, der sich sein Schnitzel nicht verbieten lassen möchte?

Es geht hier überhaupt nicht um Verbote oder Maßregelungen. Aber es ist von Bedeutung, dass jede und jeder Einzelne von uns Verantwortung übernimmt und für sich selbst den eigenen Anteil an Treibhausgasemissionen durch Lebensstil, Mobilitäts- und Konsumverhalten überdenkt.

Sollten Gastronomen beginnen, „fleischloser“ zu denken?

Ein Großteil der Gäste greift im Außer-Haus-Konsum zu Fleischgerichten, denn immer weniger Menschen kochen zuhause und deshalb „gönnen“ sie sich dann im Restaurant, Gasthaus oder in der Betriebskantine ein Schnitzel. Das ist schon in Ordnung, aber es muss ja nicht jeden Tag Fleisch sein. Das würde nicht nur unserem Klima, sondern vor allem unserer Gesundheit guttun. Hier darf man aber auf eine neue Generation und eine neue Art der Nachfrage hoffen.

Wie lautet Ihre Empfehlung an Gastronomen?

Beim Fleischeinkauf sollten Gastronomiebetriebe in erster Linie auf Regionalität achten. Oft hören wir als Argument, dass die benötigten Mengen nicht verfügbar sind. Das liegt meist daran, dass viele den Begriff „regional“ viel zu eng definieren, also beispielsweise den nächstgelegenen Bauern damit meinen. Und wenn sie dort ihr Fleisch nicht bekommen, greifen sie auf Fleisch aus der ganzen Welt zurück, anstatt ganz Österreich als Region anzuerkennen. Österreichisches Fleisch ist ausreichend verfügbar und man kann die Produktionsbedingungen genau nachvollziehen. Besser, ein Fleisch vom anderen Ende Österreichs zu kaufen, als vom anderen Ende der Welt.

Gibt es eine Art der klimaverträglichen Rinderhaltung?

Ja, die gibt es. Wird eine Kuh standort- und artgerecht gehalten, ist sie in einen natürlichen CO2-Kreislauf eingebunden. Das bedeutet, die Kuh stößt durch die Atmung und Verdauung nicht nur Treibhausgase – konkret Methan – aus, sondern durch ihre Beweidung des Grünlands kann ihr Lebensraum auch wieder CO2 aus der Atmosphäre binden. Das ist eine ganz zentrale Funktion, die durch die Massentierhaltung verloren geht.

Ist es angesichts der Größe Österreichs im Vergleich zum Weltmarkt nicht egal, ob und welches Fleisch wir kaufen?

Ich denke, Klimaschutz geht uns alle an und jeder Mensch, egal in welchem Land, kann – wenn nicht sogar muss – mit positivem Beispiel vorangehen. Ich wünsche mir, dass alle erkennen, welche Verantwortung wir haben und dass wir aufhören, den Schuldigen woanders zu suchen. Den Ball weiterreichen, um nur ja selbst nichts ändern zu müssen, ist fatal. Wir alle sind gefordert. 

Zur Person

Der 43-jährige Steirer Hannes Royer bewirtschaftet mit seiner Familie einen Bergbauernhof in Schladming. Gemeinsam mit seinen langjährigen Weggefährten Maria Fanninger und Mario Hütter gründete er 2012 die Marke Heimgold, um kostbare Lebensmittel aus der Region zu verkaufen. Im Zuge dessen fiel dem Trio auf, wie wenig die Konsumenten darüber wissen, wer ihre Lebensmittel produziert, geschweige denn, wie sie hergestellt werden. Deshalb gründeten sie 2014 den Verein Land schafft Leben, der zum Ziel hat, das Bewusstsein der Konsumenten für die Landwirtschaft und ihre Erzeugnisse zu stärken, auch in Bezug auf das Klima. Erst im Jänner 2020 fand eine Veranstaltung zum Thema Fleisch & Klima statt, wo Forscher, Klimaaktivisten, Händler und Vertreter der Fleischbranche gemeinsam diskutierten.