Preis-Schlacht

Österreichisches Fleisch ist heute im Einkauf meist teurer als importierte Ware. Die Konsequenz: Bei acht von zehn servierten original Wiener Schnitzeln verbirgt sich unter der perfekt soufflierten Panade holländisches Kalbfleisch. FRISCH hat bei Branchenprofis nachgefragt, warum das so ist und welche Faktoren für die höheren Preise verantwortlich sind.
toggle Sidebar In der Gastro kommen keine 5% des heimischen Putenfleischs an.

Die Hallen des Schlacht- und Zerlegebetriebs Großfurtner im oberösterreichischen Utzenaich erinnern Besucher ungewollt an die OPs in einem Krankenhaus. Das Nirosta schimmert matt und die blauen Plastikschürzen der rund 500 weißgewandeten Mitarbeiter, die hier Rinder- oder Schweinehälften zerlegen, reflektieren bei jedem geübten Metzgerschnitt das Kunstlicht über den Zerlegestraßen. 10.000 Schweine werden bei Großfurtner jede Woche artgerecht geschlachtet und zerlegt. Damit gehört das Familienunternehmen zu den drei größten Schweine-Schlachthöfen in Österreich. „Im Vergleich zu Großbetrieben in Deutschland ist das allerdings immer noch sehr, sehr wenig“, meint Dr. Josef Grünanger. Dort schlachte der größte Betrieb mit rund 8.000 Mitarbeitern 150.000 Schweine pro Woche. „Das ist weit mehr als die Produktion aller österreichischen Schlachthöfe im gleichen Zeitraum“, rechnet der Großfurtner-Geschäftsführer vor.


Preisvorteil Größe

Dieser Fokus auf schiere Größe unterscheide Konkurrenzmärkte wie Deutschland, die Niederlande oder Spanien generell von Österreich und schaffe wesentliche Preisvorteile: „Durch die kleinteiligere Struktur haben wir höhere Fixkosten und können Skalierungseffekte weniger gut nutzen“, erklärt er. Die Betriebsgrößen der Bauern, die ihm ihre Schweine anliefern, sind zwar selbst in Österreich kontinuierlich gewachsen. Doch die meisten Schweinemäster hierzulande bauen große Teile des Futters noch selbst an und bringen die Gülle auf ihren eigenen Feldern aus. Maximal 2.000 Schweine drängen sich deshalb in den Ställen von Österreichs größten Mastbetrieben. In Deutschland sind es kaum vorstellbare 35.000 Tiere, in China sogar noch weit mehr. Wie es dabei mit der Einhaltung von Umweltstandards aussieht? Auch das ein Kostenfaktor, der die heimischen Produkte benachteilige, meint Grünanger: „Die EU-weit geltenden Umweltauflagen werden bei uns streng kontrolliert. Diese Kontrollen werden aber nicht in allen EU-Ländern gleich intensiv durchgeführt. Ferner bestehen in Österreich striktere Umweltauflagen als in manch anderem EU-Mitgliedsland.“ Gerade beim zehnmal so großen Nachbarn Deutschland wird im Zuge der Covid-Krise außerdem schonungslos offen gelegt, warum dort Fleisch so günstig auf den Markt geworfen werden kann. Die deutschen Riesenbetriebe setzen auf Arbeiter aus den Staaten Osteuropas, die bis zur Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von derzeit 9,35 Euro für teilweise unter fünf Euro die Stunde den harten Fließbandmetzger-Job verrichten mussten. In Österreich wird noch heute besser bezahlt. Außerdem sind Kollektivverträge in der deutschen Fleischbranche ein Fremdwort, ein 13. und 14. Monatsgehalt gibt es nicht und es werden weder Überstunden noch Nachtzulagen bezahlt. Für die Wohnungen und Werkzeuge der Metzger aus dem Ausland gibt es sogar hohe Lohnabzüge. Schon aufgrund der anderen gesetzlichen Regelungen haben die österreichischen Schlachtbetriebe also deutlich höhere Personalkosten. Dazu kommen Tricks, wie lediglich Werkverträge abzuschließen oder Subunternehmer zu beschäftigen, die mit ihren noch schlechter bezahlten Mitarbeitern ein ganzes Zerlegeband innerhalb des Betriebs übernehmen. „Wir haben dadurch in Österreich rund 60 % höhere Personalkosten“, sagt dazu Josef Grünanger: „Auf das Kilo Schweinefleisch umgelegt kann das je nach Stück 10 bis 20 Cent Mehrkosten ausmachen.“

Konkurrenz aus Südamerika

Bei Rindfleisch ist die Situation ähnlich. Neben Holland, Polen und Tschechien ist es hier primär das Ange-bot aus Südamerika, das trotz langer Transportwege im Preiswettbewerb mit Österreich die Nase vorn hat. „Wir sehen das Rindfleisch aus Südamerika mittlerweile als größte Konkurrenz“, sagt etwa Dr. Grünanger: „Offiziell macht dessen Marktanteil in der EU zwar nur 1 % aus, aber bei den Edelteilen sind es 20 % – und das ist entscheidend. Auch hier führen die Faktoren Betriebsgröße, kaum staatlich kontrollierte Regulierun-gen sowie schlechte Lohn- und Sozialbedingungen dazu, dass ein Filet vom Jungstier in Aktion für 13 Euro das Kilo angeboten werden kann. Ware aus Österreich kostet im Vergleich dagegen rund 30 Euro.   Die höheren Transportkosten aus Übersee fallen dabei kaum ins Gewicht.“

„Diese Wettbewerbsbedingungen lassen Österreich in puncto Preis keine Chance“, ärgert sich darüber auch Hannes Royer. Er ist Obmann des Vereins Land schafft Leben, der dafür sorgen möchte, dass auch in der Gastronomie wieder mehr Lebensmittel aus Österreich in den Töpfen und Pfannen landen. „Bei Löhnen und Sozialstandards gibt es in der EU ein extremes West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle. Wir haben uns beispiels-weise oft gefragt, warum Italien sein Gemüse so billig produzieren kann. Jetzt wissen wir, dass die sozialen Standards in der Gemüseerzeugung teilweise katastrophal sind und der billige Preis oft von den im Gemüseanbau beschäftigten Menschen teuer bezahlt wird.“

Royer hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Land schafft Leben solche verborgenen Hintergründen der Lebensmittelproduktion öffentlich bekannter zu machen. Im Zuge dessen hat sein Team auch recherchiert, was mit männlichen Kälbern passiert, die in der in Österreich vorherrschenden Milchwirtschaft nicht gebraucht werden. Die Tiere selbst zur Schlachtreife zu bringen, ist für Milchbetriebe zu kostspielig. Also werden sie ins Ausland verkauft.

Kälberwahnsinn

50.000 Stück karren Viehhändler jedes Jahr in langen Viehtransporten nach Italien oder Spanien. Um die Kalbfleischnachfrage im eigenen Land zu bedienen, wird dafür jährlich das Fleisch von 115.000 Kälbern aus den Niederlanden importiert. Der Grund: „Holländisches Kalbfleisch ist um fast 50 % billiger als österreichische Ware“, sagt Hannes Royer. Das liege einerseits an den größeren Mastbetrieben. Jedes dritte Kalb in Europa wird beispielsweise in niederländischen Betrieben gemästet und geschlachtet. Als Preisfaktor mindestens genauso viel Einfluss hat darüber hinaus die spezielle Fütterung: Holländische Kälber bekommen bis zu einem Gewicht von 170 Kilo ausschließlich Milchaustauscher. Der in großem Stil industriell erzeugte Milchersatz aus Molkepulver, der häufig noch mit bis zu 20 % Palmöl angereichert wird, ist nicht nur rund 40 % günstiger als Vollmilch, sondern gemeinsam mit einem danach zusätzlich verfütterten Stroh-Mais-Cob-Mix führt er auch dazu, dass das Kalbfleisch eine besonders helle Farbe annimmt. „Die Konsumenten schätzen das“, meint dazu der Land schafft Leben-Obmann, „Aber diese eisenarme Fütterung führt bei den Kälbern häufig zu Entzündungen und die Fleischfarbe ist eigentlich ein Zeichen für Mangelernährung. In Österreich werden die Kälber dagegen zusätzlich zu Milch oder Milchaustauschern mit Heu und etwas Kraftfutter gefüttert, was ihr Fleisch rosa färbt. Auf den Geschmack hat das keine Auswirkungen. “

Wohl aber auf den Preis. Die heimische Kälbermast ist somit ein wenig lukratives Geschäft für ein sehr begrenztes Marktsegment. 80 % des in Österreich verkochten Kalbfleischs stammen aus Holland. „In der Gastronomie wird sehr wahrscheinlich sogar zu über 90 % holländisches Kalbfleisch serviert. Einen Mehrpreis von einem Euro pro Portion – das zahlt kein Gastronom mehr“, ist sich Royer sicher. 

Ähnlich ist die Situation bei Putenfleisch. Dr. Karl Feichtinger ist Geschäftsführer von Wech Geflügel, dem letzten noch verbliebenen Putenschlachtbetrieb in Österreich. Die Preiskonkurrenz aus Polen, Deutschland, Ungarn und sogar Italien hat dazu geführt, dass Österreich nur noch 40 % des eigenen Bedarfs an Putenfleisch decken kann. Teilweise um mehr als die Hälfte ist die importierte Ware billiger. „Wir beliefern mit unseren Produkten über den Einzelhandel fast ausschließlich Endkonsumenten, die Wert auf die hohe österreichische Produktqualität legen. In der Gastro und in der Großverpflegung kommen dagegen keine 5 % der heimischen Putenfleisch-Produktion an“, schildert Dr. Feichtinger die aktuelle Lage.

Und warum gelingt es der Konkurrenz, so viel günstiger zu produzieren? Ein wichtiger Faktor sind wie beim Kalbfleisch die Futtermittel. Die heimischen Putenmäster haben sich schon 2012 bewusst für gentech-nikfreies Futter entschieden und beziehen selbst dessen wichtigen Eiweißbestandteil Soja ausschließlich aus Europa. Alleine der Sojaschrot-Anteil ist damit um 20 bis 30 % teurer. Selbst das spielt aber im Vergleich zu einem anderen Faktor eine nur untergeordnete Rolle. „Wir haben in Österreich sehr streng geregelte Besatzdichten“, klärt Feichtinger auf. In ganz Europa gibt es kein anderes Land, das bei Puten strengere Tierwohlbestimmungen durchsetzt. Maximal zwei schlachtreife Tiere dürfen auf einem Quadratmeter gehalten werden. In der übrigen EU ist diese Besatzdichte nicht gesetzlich geregelt und liegt um ca. 30 bis 70 % höher. Außerhalb der EU spielt das Thema Tierwohl sowieso kaum eine Rolle. Das zeigt das Beispiel Ukraine. Dort hat der Grünen-EU-Abgeordnete Thomas Waitz aufgedeckt, mit welchen Tricks Agrarkonzerne wie MHP extrem bedenkliche Billigstware in den europäischen Markt drücken (siehe Interview). Auf einer Fläche von 378.000 Hektar werden dort Millionen Käfighühner pro Jahr produziert, ohne vertraglich zugesicherte Reports über die Hygienesituation vor Ort bereitzustellen. Dafür wurden die Quoten für den EU-Import durch Tricks umgangen und der europäische Markt mit Hühnerbrüsten geflutet. Dieses erschreckend ausgeklügelte System sollte zusätzlich sogar noch durch einen 100 Mio. Euro schweren EU-Kredit gefördert werden, wie Waitz herausfand.

Vom Billigst- zum Bestbieter

„Das darf nicht sein. So entstehen gewaltige Wettbewerbsverzerrungen“, empört sich darüber auch Karl Feichtinger. „Wir dürfen das nicht als Standard in unseren Gesellschaften akzeptieren. Selbst die staatlich finanzierte Großverpflegung förderte diese Auswüchse lange und kaufte Ware nach dem Billigstbieterprin-zip. Den Bauern wurden auf der anderen Seite aber die strengsten Tierwohlbestimmungen vorgeschrieben.“ Zumindest am letztgenannten Punkt wird sich allerdings sehr bald etwas ändern. In Krankenhäusern und Kindergärten wurde das Billigstbieter- bereits vom Bestbieterprinzip abgelöst. Vielleicht kommt in diesem Bereich sogar die Pflicht zur Kennzeichnung der Herkunft von Lebensmitteln. Es werden sich dadurch auch für regionale österreichische Produzenten neue Absatzmöglichkeiten eröffnen.

Sieht man sich an, wie die EU generell Agrarpolitik betreibt, können diese nationalen Maßnahmen aber nur wenig zu größerer Fairness im Preiswettbewerb beitragen. Denn die hohen EU-Förderungen dienen eher übergeordneten politischen Zielen. So schüttet der mit 200 Mrd. Euro dotierte Europäische Fonds für regio-nale Entwicklung (EFRE) in der aktuellen Finanzperiode allein ein Fünftel des Geldes aus, das der EU ins-gesamt bis 2020 zur Verfügung steht. Mit diesem Kapital soll die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den europäischen Regionen verringert werden. Das Resultat: Viele Länder Ost- und Südeuropas bekommen deutlich mehr als wirtschaftlich stärkere Länder. Polen ist bei der Zuteilung dieser Fördergelder mit großem Abstand Spitzenreiter. 40 Mrd. Euro fließen in die polnische Wirtschaft und Infrastruktur. Das liegt vor allem daran, dass die meisten ländlichen Regionen des Landes als „weniger entwickelt“ eingestuft und durch den Fonds besonders gefördert werden. Sie erhalten fast 70 % der Gelder.

Problem Agrarpolitik

Nun ist Polen nicht nur groß und bevölkerungsreich, es hat auch viele tausend Quadratkilometer Agrarflä-chen und einen gewaltigen Landwirtschaftssektor. „Wenn dann noch die Schlachthöfe zu 80 bis 90 % aus EU-Geldern finanziert werden, hat das enorme Auswirkungen auf die Preise“, schildert Hannes Royer die Gründe, warum Rindfleisch aus Polen zum günstigsten in Europa zählt. Er hinterfragt im Zuge dessen die EU-Agrarstrategie generell: „Die EU hat bewusst dabei geholfen, große Agrareinheiten in Osteuropa zu schaffen, weil billige Lebensmittel nach Afrika oder China exportiert werden sollten. Doch die Weltlage ist mittlerweile eine völlig andere und heute schwimmt Europa in diesem Überschuss an Lebensmitteln.“ Auch in Österreich sei es lange das Ziel gewesen, mehr Menge zu produzieren, meint er. „Doch das ist mit unserer Landwirtschaftsstruktur und Topografie gar nicht möglich. Österreich ist prädestiniert dazu, höchste Qualität zu produzieren.“

Das sieht auch der österreichische Europaabgeordnete Thomas Waitz so: „Wir haben seit 2016 eine ausge-glichene Agrar-Außenhandelsbilanz. Unsere Produkte finden also selbst zu höheren Preisen im Ausland guten Absatz, weil sie bei der Qualität einen hervorragenden Ruf genießen. Der Preis sollte also nicht das einzige Kriterium sein“, meint er und spricht dann die Gastronomie direkt an. „Ein Drittel unseres BIP erwirtschaften wir hoffentlich bald wieder durch Touristen. Sie nennen das gute Essen als eines der Hauptargumente für einen Urlaub in Österreich. Ich bin überzeugt davon, dass Gastronomen davon profitieren, wenn sie öfter mit Lebensmitteln aus Österreich kochen und das auch nach außen kommunizieren.“

Auf eine Portion gerechnet sind nämlich die Preisaufschläge gar nicht so gewaltig: Ein Schweineschnitzel aus österreichischem Fleisch kostet nur etwa 10 Cent mehr und bei Hühnerfilet und Putenbrust sind es auch nur 70 bis 80 Cent. 

„Wir müssen für mehr Absatz sorgen“

Thomas Waitz sitzt für die GRÜNEN im EU-Parlament. Letztes Jahr hat er einen Förderskandal aufgedeckt, der zeigt, warum österreichisches Geflügelfleisch fast doppelt so teuer ist wie die Billigware der Konkurrenz.

Sie engagieren sich als EU-Parlamentarier stark für Agrarpolitik und haben letztes Jahr einen Förderskandal in der Ukraine aufgedeckt. Wie kam es dazu?

Ich betreibe selbst in der Südsteiermark eine kleine Landwirtschaft und bin seit rund 20 Jahren in der Agrarpolitik aktiv, zunächst in der Landwirtschaftskammer Steiermark und jetzt im EU-Parlament. Da ist die Frage „Wie entstehen Preise?“ allgegenwärtig, weil mir daran liegt, Wege zu finden, wie österreichische Produkte am europäischen und am Weltmarkt bestehen können.

Welche Rolle spielen dabei EU-Förderungen?

Eine zwiespältige. Denn einerseits kommen 80 % des Erwerbseinkommens der heimischen Bauern aus Förderungen und andererseits trägt die EU durch ihre Fördermaßnahmen für Nicht-EU-Mitglieder dazu bei, dass die österreichischen Bauern vor allem beim Preis für Geflügel nicht konkurrenzfähig sind.

Könnten Sie das kurz anhand eines Beispiels erklären?

In der Ukraine betreibt MHP, einer der größten Geflügelproduzenten des gesamten Kontinents, Ställe und Futtermittelanbau auf einer Fläche von 378.000 Hektar. Das ist die gesamte Agrarfläche von Niederösterreich! In einem einzigen der größeren Betriebe dort vegetieren eine Million Hühner unter unfassbaren Bedingungen vor sich hin. Denn es gibt in der Ukraine keine rechtlich bindenden Haltungsbestimmungen und auch ökologische Kriterien spielen für die Haltung keine Rolle. So kann der Hühnermist das Grundwasser verseuchen und macht durch die Nitratbelastung die Bevölkerung krank.

Und warum wird so ein Unternehmen von der EU gefördert?

Weil es ein Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine gibt, das 2014 unter anderm die Maidan-Proteste und den Konflikt mit Russland ausgelöst hat. Es spielen also auch geopolitische Überlegungen in diese Thematik hinein. Der EU war daran gelegen, nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Situation der Ukraine zu verbessern, um sie weniger abhängig von russischer Einflussnahme zu machen. Im Rahmen des Assoziierungsabkommens wurde also zusätzlich ein Abkommen über den Zugang zum Binnenmarkt abgeschlossen. Darin war eine Quote von 50.000 Tonnen für die Einfuhr von Hühnerbrüsten sowie Hygienebestimmungen für die Haltung der Tiere vor Ort vorgesehen.

Klingt noch nach einer vertretbaren Lösung …

MHP hat die Quote aber durch einen Trick umgangen. Bei der Einfuhr in die EU ließ man einfach ein Stück Knochen an der Hühnerbrust. Damit fiel sie nicht mehr unter die Bestimmungen des Abkommens. In Zerlegebetrieben in den Niederlanden und der Slowakei wurde das Knöchelchen entfernt und die Hühnerbrust konnte in den Handel. Reports über die Umsetzung der Hygienebestimmungen gibt es übrigens seit 2014 keinen einzigen. Und trotzdem wollte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) den Kauf eines weiteren Geflügelbetriebs in Slowenien durch MHP im Nachhinein mit einem extrem niedrig verzinsten Langzeit-Kredit über 100 Millionen Euro fördern. Das konnten wir zum Glück verhindern.

Der Kauf wurde also rückabgewickelt?

Nein, leider nicht. Nur die Fördermaßnahme wurde zurückgezogen und die Kriterien der Kreditvergabe für die Zukunft überarbeitet. MHP verfügt nun also trotzdem über einen weiteren Betrieb, der dem Unternehmen nicht nur zollfreien Zugang zum europäischen Markt verschafft, sondern es ihm auch ermöglicht, die EU-Handelsvereinbarungen mit Drittstaaten zu nutzen, um auch dorthin zollfrei zu exportieren.

Können österreichische Produzenten preislich gegenüber solcher Konkurrenz überhaupt bestehen?

Gerade beim Geflügel ist das vor dem Hintergrund der hervorragenden österreichischen Tierwohlbestimmungen und der hohen Lohnkosten enorm schwer. Sogar im EU-Mitgliedsland Polen, das selbst bei der Umsetzung des Mindeststandards der EU-weit geltenden Tierwohlbestimmungen seit Jahren säumig ist und die Übergangsfristen überstrapaziert, liegt der Lohn eines Mitarbeiters mit ca. 450 Euro pro Monat dreimal so hoch wie in der Ukraine, wo es 150 Euro sind.

Was kann man dagegen unternehmen?

Natürlich könnte die EU Importzölle für unfaire Konkurrenz einführen. Viel besser wäre allerdings, für mehr Absatz zu adäquaten Preisen zu sorgen. Qualität kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein. Das belegt die ausgeglichene österreichische Agrar-Außenhandelsbilanz. Unsere Agrarprodukte genießen international trotz höherer Preise einen hervorragenden Ruf und konnten sich so neue Absatzmärkte erschließen. Wenn ausländische Gäste gefragt werden, was sie an Österreich besonders schätzen, gehört das qualitativ hochwertige Essen zu einer der häufigsten Antworten. Vor allem die Gastronomie wäre bestens beraten, auf die Herkunft etwa ihres Hühnerschnitzels zu achten und sie auch klar zu kommunizieren.

Sie wären also für eine Kennzeichnungspflicht in der Gastronomie?

Ja, absolut. Der Gast weiß dann ganz genau, was er isst, und der bürokratische Aufwand hält sich meiner Ansicht nach in sehr engen Grenzen. Man könnte das über eine einfache Verordnung lösen und der Gastronom müsste es auf die Karte schreiben. Viele sehr erfolgreiche Gastronomen machen das ja bereits.

Trotzdem wäre der Einkaufspreis um einiges höher…

Wir haben das berechnet und es wären bei der Verwendung österreichischen Geflügels ca. 70 Cent pro Portion. Ich bin sicher, dass sich das die meisten Konsumenten heute leisten wollen und leisten können.

Wie sehen Sie die Lage in der Gemeinschaftsverpflegung?

Dort wäre der Hebel ja wahrscheinlich am größten … Bisher war die Politik in diesem Bereich für mich am wenigsten kohärent. Einerseits werden die heimischen Landwirte gefördert, andererseits kommen in Kindergärten und Krankenhäusern aufgrund des bisher geltenden Billigstbieter-Prinzips Lebensmittel aus Ungarn, Polen oder sogar der Ukraine in die Pfannen und Töpfe. Im neuen Regierungsprogramm ist nun aber der Wechsel vom Billigst- zum Bestbieter-Prinzip festgeschrieben. Die Situation wird sich also hoffentlich bald ändern. Wir fördern so auch die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln in Österreich und sind weniger auf Importe angewiesen. Die letzte Zeit hat gezeigt, wie wichtig das sein kann.

Herr Waitz, vielen Dank für das Gespräch! 

Zur Person

Thomas Waitz ist ein österreichischer Biobauer, Forstwirt und Politiker der Grünen. Er übernahm am 10. November 2017 das Mandat von Ulrike Lunacek im Europäischen Parlament. Dort war er unter anderem Mitglied des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und verhandelte an den neuen Förderrichtlinien 2021–2027 für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union mit. Sein politischer Schwerpunkt liegt bei der Landwirtschaft und zugehörigen Themen wie Lebensmittelqualität, Lebensmittelsicherheit, Tierschutz und Bekämpfung des Klimawandels.