Zimmer frei?

Die aktuelle Krise in Tourismus und Hotellerie bedroht viele Betriebe. Doch welche Auswirkungen wird Corona auf diesen Wirtschaftszweig mittelfristig haben? Wie wird sich dadurch das Gästeverhalten ändern? Wie müssen neue Angebote aussehen? Und kann Österreich davon in Zukunft vielleicht sogar profitieren? FRISCH hat mit Experten darüber gesprochen.
toggle Sidebar Die Österreicher lassen sich die Lust auf ihren Sommerurlaub nicht nehmen. 

Corona hat die Welt verändert. Kaum eine Branche hat es dabei so hart getroffen wie die Hotellerie und den Tourismus. Die anfängliche Schockstarre ist bei vielen Betrieben aber bereits einer neuen Aktivität gewichen. Corona wird vorbeigehen, so wie 9/11, SARS 2003, oder die Finanzkrise 2009. Was bleibt, ist die Frage: Was kommt danach? Welche mittelfristigen Perspektiven, Trends und Entwicklungen sind für die Hotellerie erkennbar? Bei der Suche nach Antworten ist eines sicher: Krisen bringen immer auch neue Chancen, wenn man Wege findet, sie kreativ für sich zu nutzen. Nur „Business as Usual“ wird es nicht mehr geben.

„Die Corona-Krise bedeutete für mich in vielen Dingen einen Perspektivenwechsel“, meint dazu Gerhild Hartweger, Chefin des Moserhofs. Das historische Landgut mit einigen Chalets und Ferienwohnungen liegt inmitten der Natur im Kärntner Mölltal, umgeben von den mächtigen Dreitausendern der Hohen Tauern. Corona sei ein Lehrmeister, der aufzeige, dass eben nicht mehr alles selbstverständlich sei, meint sie. Die Krise sei eine Chance, im eigenen Betrieb Dinge zu hinterfragen, neu zu machen oder zu adaptieren. So wie der Moserhof, wird sich eine ganze Branche auf das „New Normal“ einstellen müssen.

Erste Studien

Wie diese neue Normalität derzeit aussieht, lässt sich anhand der Statistiken erahnen: Aktuelle Studien der World Tourism Organization deuten auf einen Rückgang der internationalen Touristenankünfte weltweit für das gesamte Jahr um – 58 % bis – 78 % hin.

Aber wie ist es hierzulande? „Die Österreicher lassen sich vom Virus die Lust auf ihren jährlichen Sommerurlaub nicht nehmen“, sagt die Geschäftsführerin des österreichischen Gallup Instituts, Mag. Dr. Andrea Fronaschütz. Laut der Gallup- Befragung im Mai haben 36 % bereits konkrete Urlaubspläne, 31 % machen ihre endgültige Entscheidung vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängig. Das Urlaubsbudget bleibt sogar für zwei Drittel der Sommerurlauber unverändert. Jeder vierte jedoch muss sich künftig einschränken – vor allem Familien mit Kindern, Kurzarbeitende und Arbeitslose. Daraus lässt sich der erste von mehreren Trends ableiten, die die Hotellerie in Österreich mittelfristig begleiten werden.

Nahtourismus wächst

Durch die anhaltende, diffuse Verunsicherung bezüglich der Pandemie-Entwicklung, Flug- und Reisebeschränkungen, werden Naherholung und Tagestourismus eine immer wichtigere Rolle spielen: kurze Wege, Ferien vor der Haustür, die Möglichkeit, schnell wieder daheim zu sein. Für viele Österreicher ist nicht nur das geringere Ansteckungsrisiko im eigenen Land ein wesentlicher Grund. Sie wollen auch die lokale Wirtschaft unterstützen und können dadurch sogar einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Auch Deutschland, als mit Abstand wichtigster Herkunftsmarkt für den österreichischen Tourismus, wird durch die gute Erreichbarkeit Österreichs seine Bedeutung schnell wieder erreichen.

Am stärksten wird sich dieser Trend zur Nähe wohl bei Familien mit Kindern durchsetzen, die nach einem günstigen Preis-/Leistungsverhältnis und Angeboten mit guten Stornobedingungen suchen. Die Verlagerung zur Naherholung bestätigt auch Andrea Fronaschütz: „Aufgrund der Situation planen 57 % ihren Aufenthalt in Österreich. Sollten die Reisebeschränkungen nicht ganz aufgehoben werden, wird auch die Hälfte der Auslandsurlauber stattdessen im Inland buchen.“ Der Moserhof bemerkt diese Entwicklung schon jetzt bei seinen Buchungen: „Der Nachfragedruck der Österreichurlauber wird größer – obwohl nach wie vor die meisten Gäste aus Deutschland kommen“, sagt Hartweger.

Gute Nachrichten also für Hoteliers in einem Tourismusmarkt, der sich stark über die Bergwelt und das Erleben der Natur definiert. Themen wie sanfter und nachhaltiger Tourismus, Nationalparks und die funktionierende alpine Infrastruktur, dürften nach Corona gefragter sein denn je. Auch die Fluss- und Seenlandschaften der Donau mit ihren Rad- und Wanderwegen werden in Zukunft ein beliebtes Ziel für Ausflügler sein.

Erlebnis- und Bergtourismus

Die Befragung des Gallup-Instituts stützt diese Vermutung. Urlaub am See ist für mehr als die Hälfte die attraktivste Urlaubsform, wenn sie in Österreich bleiben. Danach folgen Wander- und Bergurlaub sowie Wellness und Urlaub am Bauernhof. Sommerfrische wie zu Großmutters Zeiten, könnte man hämisch sagen. Aber da Feiern am Ballermann, die Kreuzfahrt durchs Mittelmeer oder Backpacking durch Thailand noch länger ein Imageproblem haben werden, könnten sommerliche Outdoor-Aktivitäten im Binnentourismus auch in den kommenden Jahren eine Renaissance erleben. Der Wunsch nach einer neuen Wertschätzung, bewussteres Konsumund Reiseverhalten und eine verstärkte Umweltsensibilität mit weit weniger Flugmeilen sind langfristige Entwicklungen, die Corona künftig eher befeuern als ersticken wird.

Gerhild Hartweger merkt das schon jetzt: „Die Nachfrage ist ungebrochen. Durch die Pandemie werden unsere nachhaltigen Chalets sicher noch begehrter werden.“ Denn die freistehenden Hütten bieten genügend Sicherheitsabstand, der bereits existierende Food-Service wird noch ausgebaut werden, und die Gäste können sich auf dem weitläufigen Gelände gut aus dem Weg gehen. Rund um das Chaletdorf bieten sich zudem viele Wandermöglichkeiten, von der gemütlichen Familien-Tour über Klettersteige bis hin zum Alpe Adria Trail. „Ich sehe in unserem Betrieb trotz oder gerade aufgrund von Corona eine Wachstumsrate von ca. 30 %“, blickt die Moserhof-Chefin positiv in die Zukunft.

Chance Nachhaltigkeit

Auch die zunehmende Umweltsensibilität gerade der nächsten Gäste-Generation wird durch Corona nochmals einen gewaltigen Schub bekommen. Ein neu gewonnenes Gesundheitsbewusstsein wird sich dabei auch noch stärker bei der Ernährung ausdrücken. Zuchtlachs aus Chile und per Luftfracht verschickte Mangos aus Peru treffen auf immer weniger Verständnis bei den Konsumenten. Dagegen werden frische Produkte aus heimischen Betrieben mit nachhaltiger Produktion, die Förderung kürzerer Handelswege, und die damit verbundene Unterstützung der lokalen Wirtschaft in den kommenden Jahren einen weiteren Aufschwung erleben. Laut einer Analyse der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) wurden während der Pandemie im März rund 11 % mehr Obst und Gemüse gekauft als im Mittel der letzten fünf Jahre. Interessant ist auch, dass der Absatz von pflanzenbasierten Produkten in den USA während der Pandemie mit einem Zuwachs von über 200 % explodierte. Mit veganen und vegetarischen Speisenangeboten wird man also in Zukunft noch öfter punkten können.

Verkaufsargument Hygiene

Selbstverständlich ist, dass auch in Sachen Hygiene in Österreich ein neues Zeitalter in der Hotellerie angebrochen ist. Es wird Zeit und nicht unbeträchtliche Investitionen brauchen, um sicherzustellen, dass dieses Thema das Urlaubserlebnis so wenig wie möglich beeinträchtigt. „Natürlich werden die Gäste noch länger viel sensibler bleiben“, sind sich Martin Mayerhofer und Karin Niederer, Experten der Hotel- und Tourismus-Consulting Agentur Kohl & Partner sicher. Das Wichtigste ist deshalb, besonders das Sicherheitsgefühl zu stärken und schon vor dem Aufenthalt zu vermitteln, dass sich die Gastgeber aktiv darum kümmern. Unter anderem deshalb wird das Personal in Österreich nun regelmäßig, flächendeckend und präventiv auf das Coronavirus getestet. Bis zu 65.000 Tests sollen pro Woche stattfinden. Ähnlich wie bei den Gütesiegeln für regionale Küche oder ökologische Bewirtschaftung wird es deshalb schon bald Kennzeichnungen und neue Produktkategorien geben, die den Gästen bei der Auswahl besonders vorbildlicher Betriebe Orientierung geben.

Südtirol plant sogar, seinen Gästen kostenlose PCR- und Antikörper-Bluttests als Serviceleistung anzubieten, die ins Hotelangebot integriert sind. Große Hotelketten wie Hilton, Kempinski oder die NH Gruppe arbeiten umfassend und mit externen Fachleuten an neuen Standards und Hygienesiegeln, die sich auch an den Richtlinien der World Health Organization oder des Robert Koch-Instituts orientieren. Beworben werden diese dann als „Clean-Stay-Programm“, „Safe Hotel“ oder „White Glove Service“.

Plausibel wäre auch, dass sich in der aktuellen Situation Hotel-Apps endlich durchsetzen. Sie können durch Corona einen echten Mehrwert bekommen, wenn die Gäste sie etwa für die Buchung von Zeitfenstern fürs Schwimmen oder Saunieren benutzen können. Das eröffnet zusätzlich neue Möglichkeiten für das Sales-Team, das mit Nachrichten zu Buchungs- Specials, Geburtstagsgrüßen oder Buchungserinnerungen viel besser an der Kundenbeziehung arbeiten kann.

Hygiene, Sorgfalt und Transparenz dürften nach Corona also ein noch wichtigeres Aushängeschild eines jeden Betriebes sein. Denn im Zweifel werden Gäste eher das Hotel buchen, das sie glaubwürdig darüber aufklärt, dass es bestimmte Sicherheitsstandards einhält. So kommuniziert zum Beispiel die Falkensteiner Hotel Gruppe auf ihrer Webseite und in den sozialen Netzwerken mit einem animierten Film die neuen Maßnahmen, um ihren Gästen ein sicheres Gefühl zu geben. Einige Hotels wie das Eder in Maria Alm am Hochkönig im Salzburger Land, gehen das Thema sogar noch offensiver und kreativer an. Geschäftsführer Sepp Schwaiger hat in Kooperation mit der lokalen Edelbrennerei Grünegg etwa ein eigenes Handdesinfektionsmittel entwickelt, das auf jedem Zimmer steht und auch im Hotel-Shop angeboten wird.

Neue Wellnessangebote

Neben der Anpassung der Hygiene-, Reinigungs- und Sicherheitsstandards in allen betrieblichen Abläufen wird es in den nächsten Jahren für Hoteliers besonders darauf ankommen, neue Ideen für Fitnessräume und Wellnessbereiche zu präsentieren, um erfolgreich zu bleiben. Die gesetzlichen Beschränkungen beim Betrieb und die Abstandsregeln sind dabei wohl die größte Herausforderung. Wie lässt sich etwa die Auslastung größerer Saunen regulieren? Oder wie geht man damit um, wenn zu viele Gäste im Innenpool schwimmen wollen? Hotels könnten auf diese neue Situation reagieren und in Zukunft Zeitslots schaffen, die, wie schon erwähnt, über App gebucht werden können, um die maximal verträgliche Anzahl von Besuchern zu garantieren.

Ein anderer, wesentlich kostenintensiverer Weg wäre, Wellnessangebote langfristig völlig anders zu denken. Muss es beispielsweise immer die große Sauna sein? Oder wäre es nicht post Corona sinnvoll, mehrere kleine Saunen anzubieten, in denen maximal zwei bis vier Personen Platz finden? Bei Infrarotkabinen wäre das wohl sogar relativ kurzfristig machbar. Wahrscheinlich wird außerdem ein Schwimmteich mit großer Wiese in Zukunft besser angenommen als der kleine Infinity-Pool am Dach.

Wer es klug anstellt, dem bietet die Corona- Krise in Sachen neu gewachsenem Gesundheitsbewusstsein also einiges an Gewinn-Potenzial: Wellness in und mit der Natur gilt es neu einzuordnen und verstärkt zu nutzen. Heilfasten, Schrothkuren, Kulinarik, Yoga oder Entspannung, drinnen oder draußen in der Natur – auch hier wird die Nachfrage einen Schub erhalten. Aber werden sich die Gäste bei all den Vorsichtsmaßnahmen überhaupt noch wohlfühlen? Bleibt nicht der Erholungsfaktor auf der Strecke? Die Experten von Kohl und Partner sehen das positiv: „Wir denken, die Betriebe müssen sich auf die Gastfreundschaft konzentrieren. Mit Herzlichkeit werden sich Gäste auch dann wohlfühlen, wenn die Abstände noch etwas größer sind.“

Boom bei Digitalisierung

Zwangsläufig waren während des Lockdowns Millionen Gäste stark auf digitale Plattformen angewiesen. Covid-19 hat so die Akzeptanz und die Durchdringung mit digitalen Technologien in allen Altersgruppen und Gästeschichten nochmals beschleunigt und vertieft. Online-Tischreservierungen, digital Essen bestellen via Tablet oder Mobile Payments: Auch für ältere Gästegruppen ist das in nur wenigen Monaten noch selbstverständlicher geworden. Für die Kundenbindung wird ein zeitgemäßes digitales Angebot und Content-Management deshalb in den kommenden Jahren immer unverzichtbarer, um bestehen zu können. Gerhild Hartweger vom Moserhof sieht vor allem in der digitalen Kommunikation vor dem eigentlichen Aufenthalt das größte Potenzial: „Das Pre-Stay-Mail gewinnt enorm an Bedeutung. Wir nutzen es verstärkt, um Gäste schon vor dem Aufenthalt zu informieren und aufzuklären.“ Der Unterschied zu früher: Die Öffnungsraten für solche Mails und Newsletter sind nun viel besser, weil sie für die Gäste direktere Relevanz haben. Dadurch lässt sich auch für andere Botschaften und Angebote mehr Aufmerksamkeit generieren.

Übertreiben sollte man es aber nicht, meinen die Experten von Kohl und Partner: „Trotz der Wichtigkeit der Digitalisierung stehen in der heimischen Hotellerie und Gastronomie der Mensch sowie die Persönlichkeit und Gastfreundschaft des Personals im Vordergrund. Das wird und kann Digitalisierung nicht ersetzen.“

und kann Digitalisierung nicht ersetzen.“ Wer den Blick weniger auf die kurzfristigen Corona-Folgen richtet, kann am Horizont also durchaus einen Lichtschimmer erkennen. Betriebe, die die hier angerissenen Trends zu nutzen wissen, werden hoffentlich in zwei bis drei Jahren wieder richtig gute Umsätze schreiben.

Ideenpool

Was genau die kommenden Jahre für Tourismus und Hotellerie bringen werden, muss sich noch zeigen. Doch in diesen sechs Bereichen könnten sich neue Konzepte und Ideen lohnen.

1. Apps

Lange waren Hotel-Apps fürs Smartphone eher eine teure Spielerei. Durch Corona könnten sie bei den Gästen aber eine viel höhere Akzeptanz gewinnen. Etwa dann, wenn sie dafür genutzt werden können, sich ein Zeitfenster in der Sauna zu buchen oder sich Essen aufs Zimmer zu bestellen. Ist die App installiert, lässt sie sich auch für die Kundenbindung nutzen.

2. New Wellness

Die österreichische Hotellerie wird beim Thema Wellness in den nächsten Jahren wohl zwangsläufig Angebote entwickeln müssen, die sich viel individueller nutzen lassen. Mehrere kleine Saunen werden besser zu vermarkten sein als eine große. Bei Liegeflächen und Innenbereichen gilt es dagegen räumlich großzügiger zu denken.

3. Clean Stays

Große Hotelketten wie Hilton oder die NH Gruppe sind bereits jetzt dabei, ganz neue Angebotskategorien zu entwickeln, die die Themen „Sicherheit“ und „Gesundheit“ in den Mittelpunkt stellen. Zentrales Element sind dabei Gesundheitschecks und Tests für alle Mitarbeiter. Bald könnte es dafür sogar eigene Gütesiegel geben.

4. Pre-Selling

Die Gästekommunikation vor einem Aufenthalt hat durch Corona eine ganz neue Wertigkeit bekommen. Die Aufmerksamkeit für Mails des gebuchten Hotels wird noch eine ganze Zeit höher sein als vor der Krise. Die Öffnungsraten sind dadurch besser und es wird leichter gelingen, auch andere Leistungen frühzeitig zu bewerben und zu verkaufen.

5. Digitale Tools

Die Digitalisierung hat durch Covid-19 selbst Gästegruppen voll erfasst, die vorher Smarthphone, Tablet und Computer kaum genutzt haben. Die Akzeptanz für digitale Lösungen wird dadurch steigen – beim Essen bestellen, beim kontaktlosen Bezahlen oder der Buchung von Zusatzleistungen. Noch mehr in digitale Tools zu investieren, wird sich also auszahlen.

6. Kulinarisches Angebot

Einerseits werden die Nachhaltigkeit und regionale Herkunft des Angebotenen jetzt noch wichtiger. Andererseits muss es mehr Möglichkeiten geben, auch abseits eines großen Restaurants oder Speisesaals essen zu können, etwa durch einen besseren Room- Service oder ganz neue Ideen wie „Private Dinner“ in eigens dafür hergerichteten Hotelzimmern.

"Reisen ist ein Grundbedürfnis"

Der deutsche Tourismusforscher Jürgen Schmude spricht mit FRISCH darüber, wie sich die Angebote ändern müssen und welche Segmente mittelfristig zu den Gewinnern nach Corona gehören werden. 

Herr Professor Schmude, WANN sich der Tourismus wieder erholen wird, ist schwer zu sagen, aber vielleicht WIE?

Der Tourismus wird nicht sterben. Reisen hat sich bei den Menschen zu einem Grundbedürfnis entwickelt, das wichtiger als viele andere Konsumbereiche geworden ist. Früher hat man gesagt: „Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind, inzwischen ist es die Reise.“ Der Tourismus wird sich in Phasen erholen. Zunächst die Kurz-, dann die Mittel- und am Ende die Langstrecke. Keiner kann jedoch genau sagen, wann welche Phase abläuft und wie lange diese dauern wird. Das hängt natürlich unter anderem von Faktoren ab wie: Wann kommt die zweite Welle, wie kommen die Lockerungen bei der Bevölkerung an und wie diszipliniert zeigt sie sich? Auch die Gastronomie wird zurückkommen, da muss man sich grundsätzlich keine Sorgen machen. Die Frage ist nur: Wie schnell wird das funktionieren?

Wie wird sich das Reiseverhalten der Menschen ändern und wie muss sich der Tourismus neu ausrichten?

„Die gesundheitliche Sicherheit wird für die Menschen kurzfristig enorm an Bedeutung gewinnen. Das war bisher immer eine Selbstverständlichkeit, weil man in den schönsten Wochen des Jahres natürlich nicht über Probleme nachdenken will. Im Gegensatz zu den punktuellen Bedrohungen des Terrorismus haben wir jetzt ein Problem, das über lange Zeit und global auftritt. Das heißt, die Wirkung ist wesentlich höher, als das bei Terroranschlägen oder Naturkatastrophen der Fall gewesen ist. Insofern sind die Tourismuswirtschaft und die Gastronomie gefordert, offen zu kommunizieren, wie sie die Sicherheit der Menschen garantieren. Social Media und Digitalisierung werden dabei immer wichtiger werden. Buchbare Angebote müssen entwickelt werden, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Die Bedeutung von Lieferdiensten und die Versorgung außer Haus in der Gastronomie, hat einen hohen Stellenwert bekommen.“

Wohin geht der Trend im Tourismus in der Zukunft?

Ein Teil wird von der Fern- auf die Mittel- und Kurzstrecke wechseln. Ich erwarte aber viel stärkere Verschiebungen zwischen den Marktsegmenten der Urlaubsformen. Die Kreuzfahrt, die vor Corona schon ein Imageproblem hatte, wird es schwer haben, dafür werden sich die Outdoor-Marktsegmente wesentlich leichter tun und an Bedeutung gewinnen. Es wird einen Wertewandel geben: weg vom Over-Tourism hin zur Naherholung; Regionalität, Wertschätzung und Nachhaltigkeit werden immer wichtiger werden.

Wo und wie werden die Menschen im Inland Urlaub machen wollen?

Wir gehen davon aus, dass ein großer Teil der Bevölkerung unter Corona-Bedingungen dieses Jahr nicht reisen wird, weil es den Spaß und die Entspannung nimmt. Aber es wird auch einen großen Teil geben, der im Inland Urlaub machen wird, wenn es nicht Mallorca oder Griechenland werden kann. Es gibt ja Beherbergungsformen, die wesentlich „geschützter“ sind als ein großes Hotel oder eine Ferienanlage. Urlaubsformen, die eine große Menschenansammlung darstellen, wie zum Beispiel der Städtetourismus, werden es in Zukunft schwieriger haben. Alles was outdoororientiert ist, wie der Wander- oder Fahrradurlaub, die Ferien am Meer, werden eher gefragt sein. Campingplätze und Ferienwohnungen verzeichnen jetzt schon verstärkte Buchungen.

Worin sehen Sie dabei die größte Chance, in Zukunft Gewinne zu erzielen?

Alles, was natur- und nachhaltigkeitsorientiert ist, dazu gehört auch die sozialkulturelle Dimension, wird laufen. Das war vor Corona mit der Fridays-for-Future-Bewegung schon ein Trend und hat erste Impulse für den Tourismus und die Gastronomie gesetzt. Durch Corona wird dieser Trend noch verstärkt.

Hat die Tourismusbranche die nötigen Kapazitäten, um dieses Jahr allen einen Urlaub im Inland zu ermöglichen?

Nein, bei einem klassischen Outbound-Land hat der heimische Tourismus nicht die Kapazitäten, das voll aufzufangen. Dann kommen noch die Abstandsregeln dazu, die die Situation verstärken. Oft wird außerdem vergessen, auf die Nachfrage zu schauen. Viele wollen dieses Jahr auch einfach nur Urlaub auf Balkonien machen, weil es ihnen zum Beispiel zu unsicher ist oder das nötige Geld fehlt. Einige Bundesländer in Deutschland geben eine Bettenauslastung von nur 50 % vor, die nicht überschritten werden darf. Das kann natürlich zur Preissteigerungen in der Beherbergung führen.

Was denken Sie, wie Gäste Abstands- und Hygieneregeln annehmen?

Dass die Gäste ins Restaurant gehen, steht außer Frage. Es wird die Klientel geben, die diese Maßnahmen nicht annimmt, weil das Essengehen für sie so keinen Erlebniswert mehr hat. Aber es wird einen großen Teil geben, der die Maßnahmen akzeptiert.

Werden wir in den kommenden Jahren verstärkte Nachfrage aus dem Inland sehen? Welche Gästegruppen werden wieder kommen?

Der Fernreisesektor war bisher von den Jüngeren und den „Best Agern“ dominiert, das wird in Zukunft auch so sein. Weil die Fernreisen aber verlieren werden, da die Menschen jetzt bewusster reisen und nicht jedes Jahr eine Fernreise machen, werden wir Verschiebungen dieser Altersgruppe hin zur Mittel- und Kurzstrecke sehen. Das hängt allerdings auch vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Die Deutschen werden am ehesten wieder nach Österreich kommen, weil man durch die Nahstrecke die Sicherheit hat, schnell wieder nach Hause zu kommen. Rückholaktionen im weit entfernten Ausland wird es bei einer zweiten Welle seitens der Regierung nicht mehr geben.

Was können Hotellerie und Tourismus aus der Corona-Krise lernen?

In den letzten Jahren hat sich die Branche zu sehr ausgeruht. Das war ein großer Fehler. Es wurde versäumt, Rücklagen zu bilden und die Konzepte auch in Richtung Reduzierung der Verwundbarkeit weiterzuentwickeln. Viele Betriebe setzten immer noch auf alte Modelle und haben sich wenig innovativ gezeigt, das rächt sich jetzt.

Zur Person

Jürgen Schmude ist Professor für Tourismuswirtschaft, Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Außerdem ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft und Wissenschaftlicher Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus (BZT). Derzeit ist er ein sehr gefragter Interview-Partner auf allen Medienkanälen, wenn es um die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Tourismus geht.