Alter Schinken

Food Porn ist jetzt endgültig von gestern! Die Überhöhung von Essbarem gibt es nämlich nicht erst seit Smartphone-Wahnsinn und Instagram, sondern schon seit mindestens 500 Jahren. Das belegt eine Studie des Food Lab der Cornell University, die StillLeben europäischer und amerikanischer Meister des Barock und der Renaissance analysiert hat. FRISCH lässt sich davon zu einem Bilderrausch verführen.
toggle Sidebar Besitzer solcher Gemälde wollten damit ihren Status ausdrücken oder wie gut ihr Geschmack ist.

Unsere Vorliebe für visuell ansprechendes oder dekadentes Essen und solches, das einen gewissen gesellschaftlichen Status ausdrückt, ist definitiv nichts Neues“, unterstreicht Andrew Weislogel, Kurator für frühe europäische und amerikanische Kunst des Herbert F. Johnson Museum of Art der Cornell University in Ithaca, New York. Gemeinsam mit Brian Wansink, dem mittlerweile ehemaligen Direktor des Cornell Food and Brand Lab, und dem Forscher Anupama Mukund hat er insgesamt 140 Stillleben aus der Zeit zwischen 1500 und 2000 analysiert. Die meisten davon aus den Epochen des Barock und der Renaissance.

Alles, was teuer ist

Das Ergebnis: Die wenigsten zeigen das, was die Menschen damals wirklich täglich gegessen haben. Auf den 36 Bildern verewigten die Künstler 31-mal Brot, 22-mal Fleisch und nur acht-mal Gemüse. Dabei spiegelt die Darstellung keineswegs wider, welche Nahrungsmittel einfach zu bekommen waren. Das am häufigsten gemalte Gemüse war beispielsweise die Artischocke, die häufigste Frucht die Zitrone und besonders beliebt waren Krustentiere wie Hummer. Gezeigt wurden also eher Nahrungsmittel, die selten und schwer zu beschaffen waren und daher als luxuriös galten oder ästhetisch ansprechend waren – genauso wie bei allem, was heute unter dem Hashtag „#FoodPorn“ die Runde in den sozialen Netzen macht.

Aspirational Food

Ein weiterer Beleg dafür: Im kühlen Küstenstaat Holland fand sich die tropische Zitrone in über der Hälfte der Gemälde, im kontinentalen Deutschland mit der schmalsten Küstenlinie wurden dafür viel häufiger Krebse und Meeresgetier gemalt. Italienische Gemälde zeigen keine Oliven, weil sie im mediterranen Klima in Massen wachsen, auf Gemälden aus Ländern, die sie importieren mussten, waren Oliven dagegen häufig zu sehen. „Wir nennen diese Zutaten auch ,Aspirational Food‘, also alles, was als erstrebenswert gilt, was teuer, exotisch oder schwer zu finden ist“, erklärt dazu Wansink. „Die Besitzer solcher Gemälde wollten damit ihren Status ausdrücken oder wie gut ihr Geschmack ist. Die Überästhetisierung von Gerichten mit ungewöhnlichen Zutaten ist also definitiv keine moderne Erfindung.“

Fleischmesse feiern

Und noch etwas fällt auf, sagt Wansink: „Ölgemälde aus der Zeit Michelangelos bersten fast von allem, vor denen uns Diätologen warnen: extrem viel Salz, Würste, Brot und noch mehr Brot!“ Einfache Gerichte wie Hühnchen, Eier oder Kürbisse fehlen dagegen völlig. Außer sie erschienen dem Maler als visuell besonders reizvolles Motiv, wie es etwa bei der Darstellung von Fleisch häufig der Fall war. Von Instagram und Co. sind diese Fleisch-Massen ja ebenfalls zur Genüge bekannt. Alter Schinken eben.