Gaku Art

Kishimoto Takehiro ist ein Meister der japanischen Schnitzkunst Mukimono. Unter seinem Pseudonym „Gaku“ veröffentlicht der Koch auf Instagram unfassbar komplexe Beispiele eines Handwerks, das in Fernost schon seit dem 16. Jahrhundert praktiziert wird. Eine Werkschau.
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Wann Takehiro Kishimoto angefangen hat, aus Obst und Gemüse Kunstwerke zu schnitzen, weiß er nicht mehr so genau. Es muss wohl schon während seiner Ausbildung zum Koch in der japanischen Stadt Kobe gewesen sein. Denn „Mukimono“, die kreative Schnitzerei mit Küchenmessern, ist in Japan Teil der Ausbildung und hat eine lange Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Verziert werden Daikon-Rettiche, Karotten oder Auberginen gerne mit Blumen, Vögeln oder traditionellen Mustern, wie sie auch auf Kimonos zu sehen sind. Oft werden sie dann auf einem Extrateller zum Gericht serviert und sollen dazu beitragen, die Jahreszeiten mitschwingen zu lassen, die in der traditionellen japanischen Küche eine große Rolle spielen.

Kunst mit Küchenmesser

Laut „The Ancient Art of Mukimono“, dem Standardwerk zum Thema, servierte man am Hof zu Beginn der Edo-Dynastie Speisen noch auf unglasierten Tontellern. Weil das Material so rau war, legten die königlichen Köche Blätter darüber. Um die Präsentation weiter zu verbessern, fingen sie danach bald an, sie mit ihren Küchenmessern zu verzieren. Daraus entstand eine regelrechte Mode und die Mukimono-Kunst eroberte in Japan bald sogar die Straßenküchen. Verwendet wird dafür ein spezielles japanisches Küchenmesser, das Hocho. Es kommt auch zum Einsatz, um Gemüse und Obst zu schneiden und zurechtzuputzen. Takehiro Kishimoto schnitzt seine Kreationen allerdings heute mit einem ganz anderen Werkzeug. „Ich bin irgendwann auf die thailändische Variante der Schnitzkunst mit Gemüse und Obst aufmerksam geworden“, meint er. „Dort verwendet man ein kleines, scharfes und sehr dünnes Messer, das auch ich jetzt benütze, weil damit viel mehr möglich ist.“

Japan meets Thailand

Sein Ansatz ist damit eine Mischung aus japanischer und thailändischer Variante des Schnitzhandwerks. Denn auch Thailand reklamiert die Erfindung dieser komplizierten Kunstform für sich. Dort wurde sie angeblich anlässlich des Loi-Krathong-Festes im 14. Jahrhundert das erste Mal angewendet. Dafür schmückte die königliche Entourage Flöße mit Blumen und Bananenblättern. 1364 kam angeblich einer der Diener von König Phra Ruang auf die Idee, die Blumen aus Früchten nachzubilden. Die Kunstform, die sich daraus entwickelt hat, ist in Thailand heute wieder so beliebt, dass sie sogar an den Schulen gelehrt wird. Um ein Meister wie Takehiro zu werden, sollten die Schüler allerdings viel Zeit mitbringen. „Jedes verschiedene Produkt hat seine ganz individuelle Form und Beschaffenheit. Selbst die gleiche Sorte Apfel ist manchmal weicher, manchmal kompakter“, erklärt Kishimoto die Schwierigkeiten. „Ich habe ganze fünf Jahre gebraucht, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen.“

Instagram Star

Dafür ist er im Internet heute weltbekannt. Den Instagram-Account „Gaku Carving“ befüllt er seit dem Jahr 2016 mit seinen Bildern und Videos. Heute hat er fast 300.000 Follower und Medienhäuser auf der ganzen Welt berichten über ihn. Dabei ist seine primäre Motivation noch immer die Begeisterung fürs Schnitzen: „Ich gehe einfach gerne über den Markt und stelle mir vor, was ich aus einzelnen Gemüsen oder Obststücken machen könnte. Das inspiriert mich.“ Dabei entstehen Ideen wie jene, aus einem großen Kürbis eine Kette herauszuarbeiten, deren Glieder nahtlos ineinandergreifen. Oder einen Broccoli über und über mit floralen Mustern zu verzieren.

„Ich will die Menschen mit meiner Arbeit immer wieder neu überraschen und beeindrucken. Das hat sich über die Jahre nicht geändert“, sagt Kishimoto. Dabei stört ihn nicht, dass seine Kunstform sehr vergänglich ist. Denn auf die Frage, was er mit seinen Schnitzereien macht, wenn sie fertig sind, meint er ganz gelassen: „Ich esse sie, meist in Tempora-Teig herausgebacken.“