Golden Days

Bauchstich, Alzheimer oder einfach Susi: Schon die Namen lassen erahnen, wie es in den Wiener Stehcafés und Espressos zugeht. Klaus Pichler hat mit seiner Kamera die Atmosphäre dieser untergehenden Gastronomieform dokumentiert. Daraus ist ein grandioses Bilderbuch für Hartgesottene geworden.
toggle Sidebar Das ist mein Wohnzimmer, also gelten meine Regeln.

Wie kommt man darauf, in solchen heruntergekommenen Lokalen zu fotografieren, Herr Pichler?

Die Idee hatte der Journalist Clemens Marschall, ein Freund von mir. Er hat sich schon immer für die abgründigen Seiten Wiens interessiert und war selbst oft Gast in diesen Espressos und Mini-Beisln. Als er mir vorgeschlagen hat, ein Buch zu machen, weil diese Kultur gerade untergeht, habe ich zuerst gedacht: Dort lässt sich sicher niemand fotografieren. Aber die Gäste waren sehr offen, wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet ist. Sie haben alle hier gezeigten Bilder freigegeben.

Was macht diesen Lokaltyp aus? Gibt es dafür eine Art Definition?

Die wichtigste ist wohl, dass sie klein sind – nur 15 bis 20 Quadratmeter. Dadurch redet dort zwangsläufig jeder mit jedem. Die Bar ist das Zentrum des Geschehens. Außerdem gibt es außer Chips und Mannerschnitten nichts zu essen und Kaffee oder Espresso wird so gut wie keiner getrunken. (lacht)

Alkohol spielt also die Hauptrolle?

Das würde ich nicht ganz so sehen. Natürlich wird enorm viel getrunken, aber das ist irgendwie selbstverständlich, passiert nebenher und wird gar nicht thematisiert. Diese Cafés sind eher ein Rückzugsort und Treffpunkt für Menschen, die sich durchs Leben schlagen und einsam sind. Sie sind die Übergebliebenen einer traditionellen Arbeiterkultur, die es bald nicht mehr geben wird.

Worin sehen Sie die Gründe für dieses Sterben der Kleinstcafés?

Da gibt es einige. Angefangen hat es schon in den 60ern, als jeder Haushalt einen Fernseher bekam und niemand mehr ins Café schauen ging. Dann kam die Null-Promille-Vorschrift am Arbeitsplatz und die Überwachung durchs Mobiltelefon. Blaue Montage haben vielen Espressos umsatzstarke Tage gebracht. Das geht heute nicht mehr. In gewisser Weise ist die Gesellschaft immer aseptischer geworden. Und Corona versetzt den letzten Espresso-Wirten jetzt den Todesstoß.

Was kommt nach?

Meist keine Gastro mehr. Entweder wird gleich das ganze Haus abgerissen, es gehen Wettcafés rein oder das Lokal wird zum Selfstorage-Lager. Manchmal nutzen allerdings junge Leute aus, dass man ein Lokal bis acht Sitzplätze auch als Gewerbe betreiben kann. Dann wird es spannend.

Mir ist aufgefallen, dass es sehr viele Wirtinnen gibt. Woher kommt das?

Ja, das ist richtig. Einer der Gründe ist, dass früher Frauen das gesparte Geld aus einer Rotlichtkarriere oft in ein Espresso oder Café investierten. Deswegen auch die vielen Cafés mit Frauennamen. Das Café Else ist ein Beispiel. Das hat eine Ex-Prostituierte geführt, bis sie weit über 80 war. Ich glaube außerdem, dass Frauen mit aggressiven männlichen Gästen leichter zurechtkommen und ihren eigenen Alkoholkonsum besser unter Kontrolle haben.

Welche Rolle spielt Gewalt? Es gibt auch einige Bilder mit Waffen …

In manchen Lokalen ist die Stimmung schon sehr rau. Das Bild mit der Schreckschusspistole zeigt eine Wirtin in Ottakring. Sie ist gebürtige Russin und hatte vorher eine Pumpgun hinterm Tresen. Sie nannte sie Franziska … Die Dame war auch schon im Gefängnis, weil sie einer anderen Frau die Zähne ausgeschlagen hat.

Keine Angst, in solchen Läden zu fotografieren?

Es gab schon Situationen, wo es aus nichtigsten Anlässen sehr brenzlig wurde. Einmal sind zwei Gäste über die Frage aneinandergeraten, wer zu einer Frau gemeiner war, mit der sie beide vorher liiert waren. Da habe ich gelernt, in Zeitlupe meine Kamera einzupacken, ganz still sitzen zu bleiben und ja nicht zu gehen.

Warum gerade das nicht?

Ich hätte das ganze Lokal gegen mich gehabt. Selbst die wenigen Meter zur Tür sind dann ein weiter Weg. Was nämlich alle vermeiden wollen, ist, dass die Polizei kommt. Aber solche Streitereien sind so schnell verflogen, wie sie gekommen sind. Manche Wirtinnen greifen einfach zur Sodaflasche und spritzen die Streithähne nass.

Ihre Bilder geben dieses Milieu schonungslos wieder. Ist das nicht auch ein wenig Sozialporno?

Dieser Vorwurf kommt meist aus der bürgerlichen Ecke. Sowas kann man doch nicht zeigen!, heißt es schnell. Ich finde solche Aussagen bevormundend, weil man denen da unten vorschreiben möchte, wie sie zu sein haben. In gewisser Weise leben diese Menschen aber wahre Freiheit. Das hat auch mit etwas Galgenhumor zu tun. Ihr Leben ist ja schon ruiniert, sie bewahren sich aber dafür ihren anti-bürgerlichen Stolz und den Gestus des Rebellischen. Als wir den hier Fotografierten das Buch gezeigt haben, waren die meisten richtig gerührt und haben gesagt: Ja, super. Das bin ich!

Zur Person

Klaus Pichler lebt und arbeitet in Wien. Nach einem Studium der Landschaftsarchitektur beschloss er 2005 Fotograf zu werden. Seitdem veröffentlicht er Bücher zu verschiedenen Projekten und zeigt seine Bilder in Magazinen und Ausstellungen auf der ganzen Welt.