Großes Kino

Kinowerbung zu schalten, kommt für die Gastro heute kaum noch in Frage. Bis Ende der 60er war es für Gasthäuser und Cafés aber durchaus üblich, handgemalte Reklame für die Projektion erstellen zu lassen. FRISCH zeigt die besten Entwürfe aus der Sammlung Lutz.
toggle Sidebar Gasthäuser konnten Werbung damals auch für ein einziges Kino buchen.

Manchmal ist es im echten Leben wie im Film: Da dient eine uralte Kiste ewig als Plattform für eine Schleifmaschine und erst als sie entsorgt werden soll, wird ihr Holzrollladen nach Jahrzehnten zum ersten Mal geöffnet. Und siehe da: Zum Vorschein kommt ein Schatz. Viel Geld wird er dem Entdecker zwar nicht einbringen, dafür werfen die zig Originalwerbungen darin ein umso spannenderes Schlaglicht auf eine fast vergessene Ära der Kinoreklame.

Etwa ab den 1920er Jahren begannen viele kleine Grafikbüros und Schildermaler in Österreich um Kunden für das neue Medium Kino zu buhlen. Sie malten Sujets und Schriften nach eigenen Ideen per Hand und entwickelten so einen ganz individuellen Stil. Kinowerbung zu schalten, war deshalb noch bis in die 60er Jahre nicht nur etablierten, finanzkräftigen Marken vorbehalten. Auch der Wirt ums Eck oder das nach der Vorstellung noch geöffnete Nachtcafé konnten im Kino die mit viel handwerklichem Geschick, doch einfachsten technischen Mitteln hergestellten Dias projizieren lassen. Wie das funktionierte, sieht man auch anhand der kürzlich aufgetauchten Entwürfe von Siegfried Lutz (1898 – 1991), der sein Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg gründete und noch bis Ende der 70er Jahre an der Ecke Mariahilferstraße und Neubaugasse in Wien betrieb.

Simple Technik

Der gebürtige Vorarlberger war ein begabter Zeichner und Illustrator. Für Kinowerbungen verwendete er entweder Tusche auf weißem Untergrund oder Deckweiß auf schwarzem Karton. Wie akkurat er und seine Mitarbeiter dabei arbeiten mussten, zeigen die vielen Ausbesserungen, die auf den Originalen noch sehr schön zu sehen sind. War die Vorlage fertig, wurde sie abfotografiert und das Negativ danach umkopiert. Der fertig belichtete Schwarzweißfilm konnte schließlich noch koloriert werden. Dafür trugen meist freie Mitarbeiter mehrere Schichten farbige Eiweißlasur auf und ergänzten Effekte.

So entstanden kostengünstig Kinowerbungen, die flexibel eingesetzt und verschickt werden konnten. Siegfried Lutz entwickelte dafür sogar das Patent eines eigenen Wechselrahmens, den die Kinobesitzer sich leihen konnten. Dadurch konnte er seine Werbedias ohne Rahmen per Brief und für kleines Porto in ganz Österreich versenden und seinen Markt ausweiten. Über die vielen Filmverleiher, die gleich ums Eck seiner Firma rund um den „Elsahof“, einem Treffpunkt für Kinobetreiber in der Wiener Neubaugasse 25, ihre Büros hatten, war auch der Kontakt zu Kinos in ganz Österreich schnell hergestellt.

Denn das Zentrum der Wiener Filmindustrie lag ab ca. 1918 bis in die 1980er Jahre im 7. Wiener Bezirk rund um die Neubaugasse. Im legendären „Elsahof“, einem bis heute bestehenden Gebäude, das 1911 vom Architekten Hans Prutscher in Anlehnung an die Formensprache Otto Wagners errichtet wurde, hatten beispielsweise der Filmvertrieb „Stuart Webb“, die „Filmleihanstalt Engel & Walter“, die „Projectograph A.G.“ oder die „Star Filmfabrik und Filmvertrieb A.G.“ ihre Büros.

Heute befindet sich im gleichen Gebäude ein riesiges Lebensmittelgeschäft.Die Suche nach Spuren aus der Glanzzeit der österreichischen Filmindustrie muss also ergebnislos verlaufen. Österreichische Filme und Filmplakate aus der Zeit von 1920 bis 1970 zeigen zwar heute ab und zu noch Museen. Die Gebrauchsgrafik der Zeit ging aber entweder verloren oder verstaubt in privaten Archiven. Ein Grund, warum FRISCH die interessantesten Gastroreklamen aus der Sammlung Lutz zusammengestellt hat. Film ab!