Plastic Dreams

Sich Plastikgerichte in die Auslage zu legen, ist in Europa ein absolutes No-Go. In Japan haben die sogenannten Sampuru dagegen eine fast hundertjährige Tradition und werden grossteils im kleinen Städtchen Gujo Hachiman in Handarbeit hergestellt. Wir haben Fotograf Marco Arguello gefragt, warum er sich gerade dieses Sujet für eine Fotoreportage ausgesucht hat.
toggle Sidebar Die Sampuru sind ein fixer Bestandteil der japanischen GastronomieKultur.

Du bist nach Japan geflogen, um in einem kleinen Städtchen auf halbem Weg zwischen Tokio und Kyoto die Herstellung von Gerichten aus Plastik zu fotografieren. Warum macht man denn sowas?

Als ich vor einigen Jahren in Japan war, sind mir die vielen Restaurants mit sehr realistischen Plastiknachbildungen ihres Essens im Fenster aufgefallen. Erst dachte ich, dass nur die billigen Läden diese Sampuru in der Auslage liegen haben. Aber das war nicht so. Da wurde mir klar, dass es sich dabei um eine typisch japanische kulturelle Eigenheit handeln muss. Ich habe mich dafür interessiert und die traditionellen Sampuru-Hersteller in Hachiman entdeckt. Ich fand die Geschichte spannend, weil sie eine ganz andere Seite der viel gerühmten japanischen Handwerkskunst zeigt.

Hier in Europa würde kein Gastronom auf die Idee kommen, sich Plastiknachbildungen in die Auslage zu legen. Warum ist das in Japan anders?

In Restaurants zu gehen war in Japan bis in die 20er Jahre eher unüblich. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde es populärer und die Gastronomen suchten nach Möglichkeiten, Gästen näherzubringen, was ein Restaurant ist und was es dort zu essen gibt. Zur gleichen Zeit wurde Yoshoku populär, die japanische Interpretation westlicher Gerichte. Omlett mit Ketchup-Reis war zum Beispiel das erste Wachsmodell, das Takizo Iwasaki 1932 anfertigte und kommerziell vertrieb. Die Firma, die er damals gründete, ist heute noch Marktführer.

Du hast auch diese Firma besucht. Wie gut gemacht sind die Sampuru wirklich?

Die Sampuru aus Hachiman sind unglaublich realistisch. Wenn man nur ein oder zwei Meter weit weg steht, glaubt man wirklich, das ist echtes Essen. Aus der Nähe sieht man es natürlich schon. Deswegen habe ich mit viel Blitzlicht gearbeitet, um diese Grenze zwischen real und fake ideal auszuleuchten.

Wie gelingt es den Herstellern, diesen Eindruck zu erzeugen? Gibt es einen speziellen Produktionsprozess?

Wie viele auf Handwerk basierende Betriebe in Japan haben die Unternehmen in Hachiman eine lange Tradition. Die Firma des Erfinders gibt es noch immer. Die Herstellungsmethoden haben sich über die Jahrzehnte kaum verändert. Natürlich gibt es Maschinen, in denen das flüssige Plastik in Silikonformen gepresst wird, aber die wichtigsten Arbeiten werden händisch gemacht, zum Beispiel das Säubern, Bemalen und Fixieren der Farbe. Die Arbeiter sind speziellen Produktgruppen zugeteilt, die ihrem Erfahrungsniveau entsprechen. Fisch oder Sushi gilt als besonders schwer. Dafür muss man mindestens zehn Jahre im Betrieb sein und alle anderen Schwierigkeitsgrade durchlaufen haben.

Welche dieser Sampuru verkaufen sich heute in Japan am besten?

In Japan nutzt jeder Restauranttyp Sampuru, das ist dort ganz normal. Als ich die Produktion beobachten durfte, waren 95 % japanische Speisen. Aber es gab auch Pizza, Burger oder Eiscreme. Es gibt sogar richtige Shops, wo die Sampuru in ihrer ganzen Vielfalt angeboten werden.

Du glaubst also, dass diese etwas seltsame japanische Tradition weiterleben wird?

Auf jeden Fall! In dem Unternehmen, das ich besucht habe, denkt der Manager permanent über Innovationen, neue Techniken und zusätzliche Gerichte nach. Er will weiter investieren. Wie schon gesagt, die Sampuru sind ein fixer Bestandteil der japanischen Gastronomiekultur.

Marco, vielen Dank für das Gespräch!