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Mit einem Instagram-Konto unter dem Pseudonym Chef Jacques La Merde führte Christine Flynn monatelang Foodies und Kochkollegen an der Nase herum. Denn was sie dort zeigte, sah aus wie feinziselierte Hochküche, war aber nur schnell zusammengeschusterter FastFood-Junk. FRISCH zeigt die geilsten Teller und fragt nach.
toggle Sidebar Ich will die Leute zum lachen bringen.

Was war die Inspiration für Jacques La Merde, Christine? Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?

Naja, ich denke, jeder Berufskoch kennt einen Jacques in seinem Umfeld. Da gibt es immer diesen einen Typen, der voll von sich überzeugt ist, aber in Wirklichkeit Teller rausschickt, die einfach zu kompliziert sind und dabei auch noch richtig schlecht aussehen. Aber diese Leute sind oft so stolz auf ihre Arbeit und so überzeugt, dass man sie einfach gern haben muss. Auf der textlichen Ebene zu meinen Posts habe ich versucht, das zu transportieren. Gleichzeitig wollte ich aber die Teller und die Fotografie aufs nächste Level heben, sodass die Betrachter zuerst gar nicht merken, dass es eigentlich Junk Food ist.

Hat es dich überrascht, dass dein Instagram-Konto innerhalb kürzester Zeit so beliebt wurde?

Das war natürlich schon cool, aber kaufen kann ich mir davon ja nichts. Außerdem habe ich dieses Projekt nicht begonnen, weil ich viele Follower haben wollte, sondern weil es mir einfach Spaß gemacht hat.

Was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?

„Merde“ heißt im Französischen „Scheiße“. Das passt also irgendwie auch zu den Tellern. Außerdem hatte ich einen Segellehrer, als ich neun war. Der hat sich auch so genannt, wenn er uns unterrichtete, und dann immer ein Beret und ein gestreiftes Shirt angezogen. Diese Persona fand ich damals ziemlich lustig.

Wie viel von Jacques ist in dir selbst?

Ganz schön viel eigentlich! Natürlich habe ich ein paar Eigenheiten eingestreut, damit niemand merkt, wer dahintersteckt. Aber sonst gibt es viele Überschneidungen. Wir beide lieben gutes Essen, wir fangen beide riesige Projekte an, ohne sie uns vorher genauer durchzudenken, und wir beide lieben Pro Wrestling!

Schnell wollte jeder wissen, wer hinter dem Pseudonym steht. Wie hast du es geschafft, das so lange geheim zu halten?

Das war eigentlich das Beste an der ganzen Geschichte! Als ich noch nicht so viel Erfahrung als Koch hatte, war es hart für mich, dass mir die Leute nicht die Anerkennung gaben, die ich eigentlich verdient hätte. Wenn zum Beispiel Lieferanten reinkamen und dachten, einer meiner Line-Köche sei der Chef, nur weil ich eine Frau bin. Oder wenn ich bei Events einfach übergangen wurde. Eine Zeit lang habe ich versucht, das überzukompensieren, indem ich jedem erzählt habe, wie viel Talent ich habe. Seit der Erfahrung mit Jacques La Merde muss ich das nicht mehr.

Was hat dich bei der Umsetzung der Teller inspiriert?

Das war sehr oft der gleiche Ablauf. Ich bin einfach in den Supermarkt gegenüber gegangen und hab mir angesehen, was es gerade so gab. Meistens habe ich dann ziemlich bald was gesehen, mit dem ich noch nie zuvor gearbeitet hatte – Gemüse in Dosen zum Beispiel oder Schweineschwarte und Frühstücksspeck. Ein anderes Mal hatte mich vielleicht die 80er-Nostalgie voll im Griff und ich habe Hubba Bubba gekauft oder Brause und panierte Hähnchen-Schlegel. Aus diesen Sachen habe ich dann den nächsten Teller für den Account gebastelt. Trotzdem sollten die Zutaten für die Teller aber nicht einfach zufällig zusammengewürfelt sein. Auf eine gewisse Art sollte jeder der Teller auch einen Sinn ergeben. Einige waren einfach schön, andere sollten eher etwas von Jacques’ Persona vermitteln. Deshalb sind auch die Texte zu den Bildern so wichtig, finde ich. Mich hat dazu immer etwas inspiriert, das gerade in der Arbeit oder in meinem Privatleben passiert ist.

Welches der Gerichte hat die meisten Klick-Zahlen bekommen?

Lustigerweise ein Post, den ich während einer nicht sehr angenehmen Trennungsphase verfasst habe. Dafür habe ich ein Stanitzel mit Eiscreme verwendet, etwas billigen Schokopudding und gecrushte Fruit Loops. Über 5.000 User fanden das super.

Es sind dann auch schnell die Medien in Amerika auf dich aufmerksam geworden. Das hat die Follower-Zahlen zusätzlich in die Höhe getrieben, oder?

Ja, stimmt. Angefangen hat das mit einem Artikel im „EATER“. Damals ist die Zahl der Follower von 6.000 auf 40.000 in nur einer Woche hochgeschnellt. In der gleichen Zeit ist dann auch „Top Chef“ an mich herangetreten und wir haben kooperiert.

Glaubst du, dass du so auch viele Köche zum Nachdenken angeregt hast? Es gibt ja besonders im Moment viel Egomanie in der Szene und auch beim Plating fragt man sich manchmal, ob die Optik mittlerweile wichtiger ist als der Geschmack.

Eigentlich nicht. Ich will vor allem die Menschen in der Gastrobranche, die sich die Bilder und die Texte anschauen, zum Lachen bringen. Sie sollen ein wenig Abstand zu ihrem superstressigen Arbeitsalltag bekommen und über sich und ihre Arbeit schmunzeln können. Die Medienleute fragen mich immer, was ich von den aktuellen Plating-Trends halte. Aber dazu will ich gar nicht Stellung beziehen, weil ich mich nicht als diejenige sehe, die das beurteilen kann. Mir geht es eher darum, zu zeigen, wie toll es ist, mit Essen zu arbeiten. In unserem Beruf ändert sich ständig alles und es gibt so viele talentierte Leute, die aus etwas komplett Überholtem etwas völlig Neues kreieren können. Das finde ich spannend.

Wirst du jetzt weitermachen, nachdem jeder weiß, wer hinter Chef Jacques La Merde steht?

Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht. Ich bin gerade Mutter geworden und weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht und was mein nächstes Projekt wird. Aber so viel kann ich jetzt schon sagen: Es wird Spaß machen!

Zur Person

Christine Flynn ist in ihrer Heimat Kanada eine der bekanntesten Köchinnen. Aktuell ist sie Executive Chef und Partner im Lokal iQ Food Co. in Torontos Finanzdistrikt, wo sie unter anderem für neue kulinarische Konzepte verantwortlich zeichnet. Sie hat ihre Ausbildung am French Culinary Institute in Manhattan gemacht und danach viele Stationen in bekannten Restaurants in Frankreich und Neu-England absolviert