Raus aus der Komfortzone

An der Südspitze Norwegens haben sich zwei Brüder ein Unterwasser-Restaurant für sieben Millionen Euro ins unwirtliche Meer rammen lassen. FRISCH spricht mit Rune Grasdal, dem Projektleiter des Architekturbüros SnØhetta, über Sinn und Herausforderungen des Projekts.
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Wie kommt man auf die Idee, einen tonnenschweren Betonkoloss im Meer zu versenken und darin ein Lokal zu eröffnen, Rune?

Das solltest du nicht mich fragen. Die Idee für das Projekt hatten zwei Brüder, die dort in der Gegend Campingplätze und Hotels betreiben. Sie sind mit dem Konzept eines Unterwasser-Restaurants zu uns gekommen und wollten sich zuerst nur beraten lassen. Aber nach einem gemeinsamen Workshop haben wir dann auch den heutigen Bauplatz bestimmt, die Entwürfe gemacht und das Restaurant gebaut.

Das Under liegt an der südlichen Spitze von Norwegen im Nirgendwo. Ist das nicht ein wenig verrückt?

Ja, ist es. Um dort hinzukommen, muss man vom Flughafen eine Stunde fahren oder gleich mit dem Schiff anreisen. Auf Laufkundschaft sollte das Restaurant-Team also nicht hoffen (lacht). Auf der anderen Seite macht so ein Projekt wirklich Sinn. Dort ist ein alter Leuchtturm die einzige echte Touristenattraktion, sonst gibt es nichts außer Weite und schöne Landschaft.

Ist die großartige Architektur in diesem Fall also ein Magnet, der die Menschen in diese abgelegene Region locken soll?

Natürlich trägt die Architektur dazu bei. Aber es ist eher die ganze Geschichte, die das Projekt erzählt, die die Gäste begeistern soll. Das fängt mit der Anreise an. Wer mit dem Auto kommt, fährt über eine Küstenstraße, die die Blicke über Meer und grandiose Landschaften schickt. Beim Einchecken im Hotel sieht man dann schon aus der Ferne, wie das Restaurant aus dem Meer ragt. Und wenn es dunkel wird, fängt der sich am Ufer entlang schlängelnde Fußweg zum Lokal an zu leuchten.

Klingt fast kitschig. Wie geht es weiter, wenn man im Lokal ist?

Auch das führt die Dramaturgie fort. Von außen ist das Under mit seiner Betonhaut ja sehr funktional, hart und kantig gestaltet. Das Meer kann dort sehr rau und stürmisch sein. Deswegen liegt das Under so im Wasser, dass es den Wellen keine Angriffsfläche bietet. Außerdem trotzen seine Wände mit einem halben Meter Durchmesser der Brandung. Um den Gästen sofort die Beklemmung zu nehmen, die das eventuell auslöst, ändert sich alles, sobald sie in unserer Champagnerbar am Eingang ganz oben ihr erstes Glas trinken. Schon von dort öffnet sich der Blick auf das ganze Lokal. Sie wissen dadurch immer, wo sie sind und wie sie wieder hinauskommen. So besteht nicht die Gefahr, dass sich ein klaustrophobisches Gefühl einschleicht. Das wird außerdem durch die verwendeten Materialien unterstützt. Fast alles ist aus einem sehr hellen, warmen Eichenholz gemacht, das sofort eine heimelige Atmosphäre erzeugt. Dazu kommen große, akustisch wirksame Segel an der Decke, die ihre Farbe von Rosa ganz oben bis hin zu einem tiefen Grünblau im großen Speisesaal ändern.

Das riesige Fenster in diesem Saal ist sicher das Highlight des Under. Es ist 11 Meter breit und fast 3,5 Meter hoch. Wie installiert man sowas unter Wasser?

Unter Wasser geht das natürlich nicht. Wir haben die Konstruktion auf riesigen Lastkähnen gebaut und die Fenster eingesetzt, bevor sie versenkt wurde. Kurzzeitig schwamm das Under sogar frei im Meer und wurde dann an die richtige Stelle gezogen, um dort mit einer Beton-Bodenplatte vernietet zu werden, die wiederum an den Felsen unterhalb der Meeresoberfläche verankert ist.

Ganz schön viel Aufwand. Sieben Millionen Euro soll das Bauvorhaben gekostet haben. Hat sich die Investition gelohnt?

Für die Gäste absolut. Die können jetzt beim Essen wie in einem riesigen Periskop die Meeresfauna beobachten. Ich habe dort sogar schon Seevögel gesehen, die durch die Wasseroberfläche stoßen, um Fische zu fangen. Das sieht toll aus. Ganz so ideal ist das Fenster für den Restaurantbetrieb allerdings auch nicht.

Warum das denn?

Das Meerwasser ist nicht besonders klar. Deswegen wirken die Gerichte auf den Tellern eher bräunlich oder grünlich. Also mussten wir uns bei der Beleuchtung etwas einfallen lassen, denn keiner will ein bräunlich-grünes Kabeljaufilet essen, selbst wenn er dafür viel Geld bezahlt hat. Wir haben also hunderte kleine LED-Spots in der Decke verbaut, die man alle individuell steuern kann – sowohl die Ausrichtung also auch die Intensität. So können wir zusätzlich verhindern, dass sie sich in der riesigen Glasscheibe spiegeln.

Wäre nur blöd, wenn dann gar keine Fische vorbeischwimmen …

Dafür sorgt ebenfalls das Licht. Die Fische werden davon angezogen. Außerdem ist das Under zu einem Teil auch ein Forschungsprojekt. Es sind regelmäßig Wissenschaftler vor Ort, die hier Beobachtungen machen, Messdaten erheben und Proben nehmen. Die habe sich zu Beginn auch angesehen, wie die Meerestiere auf bestimmte akustische oder visuelle Reize reagieren.

Ich glaube, es soll bald sogar einen Besucherpavillon geben, wo die Ergebnisse dieser Forschungen präsentiert werden …

Ja, das ist ein integraler Bestandteil des Projekts. Dafür gab es sogar Förderungen der EU.

Ah! Ganz schön clever. Wirkt sich dieser Ansatz auch auf die kulinarische Linie des Restaurants aus?

Sicher. Küchenchef Nicolai Ellitsgaard und sein 16-köpfiges Team verwenden ausschließlich Zutaten aus der Umgebung und dem Meer. Vielleicht werden sie später einmal sogar Algen oder Muscheln direkt von der Oberfläche des Restaurants ernten. Ich selbst habe eines der letzten 17-gängigen Testmenüs gegessen. Das war ziemlich aufregend, weil es auch sehr ungewöhnliche Gerichte gibt, die sonst nirgendwo serviert werden. Islandmuscheln zum Beispiel, die über 500 Jahre alt werden können oder langarmige Tiefwasser-Springkrebse. Ein Dinner im Under wird man also garantiert nicht so schnell vergessen.

Rune, vielen Dank für das Gespräch!