Wegwerfkunst

Mit dem Projekt One Third schafft Klaus Pichler mit surreal schönen Fotos verschimmelnder Lebensmittel Bewusstsein für die vielen Tonnen Essbares, die täglich in den Müll wandern. FRISCH erzählt er, warum er sich gerade dieses Thema ausgesucht hat.
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Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Projekt gekommen, Herr Pichler?

Verschimmelnde Lebensmittel zu fotografieren, ist sicher nicht gerade angenehm … Bei meinen Projekten ist es oft so, dass ich etwas sehe oder lese, das einen Denkprozess auslöst. Bei One Third war es eine Zeitungsmeldung über eine Studie der Vereinten Nationen, die zu dem Ergebnis kam, dass ein Drittel der Nahrungsmittel weltweit verrotten, das meiste davon in den Industriestaaten. Gleichzeitig sind aber 925 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Das sind ungeheuer große, erschreckende Zahlen für mich. Es war also klar, dass ich dazu ein Projekt machen möchte.

Wussten Sie sofort, wie Sie das Thema umsetzen werden?

Zuerst hatte ich ein Bild von einer Orange an einem Baum in Spanien vor Augen, die gehegt und gepflegt wird und dann nach einer langen Reise bei uns im Supermarkt landet. Mir ist bewusst geworden, welcher Aufwand betrieben wird, um perfekte Lebensmittel anbieten zu können. Ich habe dann weiter recherchiert und mich auch mit der Produktinszenierung in der Werbefotografie auseinandergesetzt. Die orientiert sich im Lebensmittelbereich stark an den Stillleben der alten Meister, mit dramatischer, punktueller Lichtsetzung und einem meist schwarzen Hintergrund. Das habe ich dann aufgenommen und die Lebensmittel für One Third als Luxusgut inszeniert.

Für den Betrachter ist diese Herangehensweise sehr überraschend. Zuerst erscheinen einem die Bilder sehr ästhetisch, dann schaut man genauer hin und ekelt sich. Ist dieser Effekt beabsichtigt?

Ja, mich reizt an der Fotografie am meisten die Bedeutungsverschiebung. Also wenn ein Foto zuerst scheinbar etwas zeigt, das sich dann bei näherer Betrachtung als vollkommen anders herausstellt. Da ist One Third mit seinem Spiel zwischen Ästhetik und Ekel ein sehr gutes Beispiel. Die ästhetischen Bilder ziehen die Blicke der Betrachter an, aber auf einer zweiten und dritten Ebene werden sie dann mit der eigentlichen Thematik konfrontiert.

Sie wollen mit Ihrer Arbeit also auch etwas bewirken. Glauben Sie, dass Ihnen das gelingt?

Ich habe jedenfalls sehr viel Resonanz auf die Arbeit bekommen. Und ich glaube auch, dass sich immer mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen, nicht nur wegen meiner Arbeit. Fast jeder hat ein schlechtes Gewissen, wenn er Lebensmittel wegwirft. Und viele Menschen ändern deshalb auch ihr Konsumverhalten ein wenig und gehen bewusster einkaufen. Manche Supermärkte nehmen das auf und bieten auch Obst an, das nicht ganz perfekt ist, oder bestücken die Brotregale abends nicht mehr nach.

Wie sehen Sie diesbezüglich die Entwicklung in der Gastronomie?

Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Dass immer genug da ist, erwartet man ja schließlich als Gast. Vor allem bei Buffets oder Caterings ist es sicher eine riesige Herausforderung, das so zu planen, dass möglichst wenig Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Aber es macht für den Gastronomen wirtschaftlich Sinn und das Problembewusstsein der Gäste ist da. Die Menschen beschäftigen sich mehr damit, wo ihr Essen herkommt und wie nachhaltig es produziert und weiterverarbeitet wird. Es braucht nur ein paar mutige Vorreiter.

Hat sich auch Ihre eigene Einstellung zu Lebensmitteln durch Ihr Projekt gewandelt?

Sicher. Ich komme vom Land, wo öfter noch selbst geschlachtet wurde und man auch einen direkteren eigenen Bezug zu Lebensmitteln hatte. Meine Wertschätzung für Lebensmittel war also immer schon groß. Was sich aber geändert hat, ist, dass ich Lebensmittel heute eher als Teil eines größeren Produktionsprozesses sehe und mir mehr Gedanken über die globalisierte Nahrungsmittelproduktion mache.

Herr Pichler, vielen Dank für das Gespräch!