Wunderbar widerlich

Ein Museum in Schweden widmet sich ganz dem Thema „Disgusting Food“. FRISCH zeigt die Highlights von Mäusewein bis Casu Marzu und fragt bei Museumsdirektor Andreas Ahrens nach, was das eigentlich alles soll.
toggle Sidebar Ja, ich habe das wirklich alles mal probiert!

Wie kommt man auf die Idee, ein Museum für widerliches Essen zu gründen, Herr Ahrens?

Eigentlich hat das Museum einen sehr ernsten Hintergrund. Denn Fleisch zu essen hat enorme Auswirkungen auf unsere Umwelt. Wenn wir Menschen uns andere Protein-Quellen suchten, könnten wir damit viel Positives fürs Klima bewirken. Aber oft sind die für uns auf den ersten Blick widerlich – Insekten oder Fleisch aus dem Labor zum Beispiel. Ich bin mein ganzes Leben lang viel gereist und habe sehr viele ungewöhnliche Nahrungsmittel fremder Kulturen probiert. Dabei habe ich festgestellt, dass Speisen, die für mich zuerst sehr unappetitlich waren, dann tatsächlich ziemlich gut geschmeckt haben, wenn ich mich getraut habe, sie zu probieren.

Also wollen Sie den Menschen mit dem Museum auch eine andere Sichtweise näherbringen und sie nicht nur schocken?

Absolut. Wenn unsere Besucher die Nahrungsmittel an unserer Tasting Bar probieren, hinterfragen sie damit indirekt auch, was für sie wirklich widerlich ist. Sie erkennen dann vielleicht auch besser, dass unsere Vorstellung davon, was widerlich und was vorzüglich ist, stark kulturell bestimmt und erlernt ist. Wenn sie sich trauen, finden die meisten Besucher die Exponate in unserer Tasting Bar viel besser, als sie sich das zuerst vorgestellt haben.

Trotzdem sind die Ausstellung und Ihre Tasting Bar eine ziemliche Mutprobe. Worauf reagieren die Besucher am heftigsten?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche finden unsere neun Stinkegläser am schlimmsten. Andere berühren die Videos von misshandelten Tieren am meisten. Aber ganz oben auf der Ekelliste steht der Madenkäse „Casu Marzu“ aus Sardinien. Das ist ein großer Pecorino, auf dem es von lebenden Maden wimmelt, die mitgegessen werden. Speziell sind dabei die Ausscheidungen der Tiere, die mit weichen Käsefäden vergleichbar sind. Beim Essen sollte man außerdem aufpassen: Die Maden können bis zu 15 cm hoch springen und sich sogar in den Augen festbeißen. Wir haben das Exponat deshalb mit Plexiglas gesichert. Andere Klassiker an der Tasting Bar sind das verwesende Heringfleisch „Surströmming“ aus Schweden und der stinkende Tofu.

Welche Exponate finden Sie persönlich am interessantesten?

Den Baby-Mäusewein aus China! Dafür werden neugeborene Mäuse, die noch blind und unbehaart sind in Reiswein ertränkt, damit sie ihren Geschmack an den Wein abgeben. Das erinnert an eine Mischung aus Benzin und verrottendem Kadaver. Und ja, ich hab das wirklich mal probiert. Allerdings wird das in China auch eher als Medizin für Asthma und Leberbeschwerden gesehen. Wissenschaftlich ist das allerdings nicht wirklich belegt. (lacht) Geschmacklich sehr positiv überrascht haben mich dagegen die frittierten Bullenhoden aus den USA. Die sind wirklich gut und wir servieren sie hin und wieder im Museum. Viel besser als die besten Chicken Nuggets, die Sie jemals hatten.

Wie kommen Sie an Sachen wie den Mäusewein? Das muss doch ziemlich schwierig sein …

Ja, das war eine echte Herausforderung! Einiges gab es online, aber für das meiste mussten wir unsere Kontakte in der ganzen Welt spielen lassen. Manches mussten wir sogar ins Land schmuggeln, manchmal in Körperöffnungen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte. Es war oft schwierig, die Sachen überhaupt zu finden. Den Drei-Penis-Wein aus China beispielsweise.

Wie wird es mit Ihrem Museum jetzt weitergehen? Vorerst wird die Ausstellung in Malmö ja nur bis September zu sehen sein.

Wir arbeiten daran, dass das Museum in Malmö bestehen bleibt. Aber es wird in anderen Städten Gastspiele geben, in Frankreich beispielsweise und in paar anderen Ländern.

Herr Ahrens, vielen Dank für das Gespräch!