Casino Cuisine

Zwanzig Sterne auf gerade mal 500.000 Einwohner: In der Fine-Dining-Welt spielt Macau in einer eigenen Liga. Finanziert wird das durch üppige Glücksspieleinnahmen. Davon profitieren auch Köche aus Österreich und Deutschland. Doch nur die besten können im Süden Chinas bestehen. 
toggle Sidebar Es kann immer sein, dass chinesische High Roller eine Flasche Vintage Krug 10.000 Dollar bestellen. 

Hier ist so viel Glitzer, dass schnell die Netzhaut flirrt und die Nackenmuskeln krampfen. Wer von der Rotunda Flor de Lotus aus die Estrada do Istmo entlang flaniert, wird bombardiert mit Sinneseindrücken aus einem menschgemachten Paralleluniversum. Gleich links von dieser Cotai Strip genannten Amüsiermeile Macaus fällt der Blick auf den Hochhauskörper eines monströsen Hotelkomplexes, in dem zwei riesige, kreisrunde Löcher klaffen. In 130 Metern Höhe hat man dort ein Riesenrad mit insgesamt 13 Kabinen in die 20-stöckige Fassade eingepasst. Es ist das höchste der Welt und sieht aus wie die chinesische Glückszahl acht. Wen solche baulichen Extravaganzen schon staunen lassen, der hat die Casinos etwas weiter die Straße runter noch nicht gesehen. Dort schippern Gondoliere über ein weit verzweigtes Netz künstlicher Kanäle. Und gleich gegenüber morpht sich Zaha Hadids Eine-Milliarde-Dollar-Skyscraper hunderte Meter in den nachtblauen Himmel. Möglich werden solche Megaprojekte durch die Einnahmen aus dem Glücksspiel. Fast 40 Milliarden Dollar wurden bisher jährlich im Zocker-Mekka an der Mündung des Perlflusses erwirtschaftet. Das ist sieben Mal mehr als in Las Vegas.

Seit 1999 ist die portugiesische Ex-Kolonie mit ihren zweisprachigen Straßenschildern zwar nun Teil Chinas, die Einnahmen sind aber sogar noch gestiegen. Denn in dem autoritär regierten Land ist Glücksspiel streng verboten. Wer sein Geld straffrei verzocken will, muss nach Macau kommen. Fast 20 Millionen Gäste vom Festland und dem nur einen kurzen Schnellboot-Trip entfernten Hong Kong fluteten deshalb bisher verlässlich jedes Jahr die Casinos.

„In China ist das Glücksspiel kulturell tief verwurzelt“, erklärt dazu der Steirer Reinhard Lackner, der nach vielen internationalen Stationen seit 2018 Chef-Patissier im Four Seasons Hotel in Macau ist.

Dann schmunzelt er und meint: „Das ist so wie bei uns am Stammtisch Karten spielen. Es gehört einfach dazu.“ Diese spezielle Ausgangslage macht die Gastroszene der Stadt zu einer der extravagantesten weltweit. Nirgends gibt es mehr Michelin-Sterne pro Einwohner.

Anspruch und Qualitätsniveau sind folglich ziemlich irre: „Die asiatischen Köche sind hoch talentiert“, berichtet Expat Lackner von seinen Erfahrungen in den Küchen der Stadt: „Da hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Deshalb wird in Macau fast ausschließlich top-ausgebildetes Personal aus dem Ausland eingestellt, das spezielles Fachwissen mitbringt.“ Der Patissier aus dem Ennstal gehört mit gerade einmal 40 Jahren zu dieser Riege. Stationen im Burj el Arab, in Taipeh, Singapur, Seoul und Hong Kong haben ihn schließlich in die Glitzerwelt am Ufer des südchinesischen Meeres geführt. Hier sieht er sich einer speziellen Situation gegenüber, die für europäische Köche herausfordernd und spannend zugleich ist. Anders als in Hong Kong gibt es kaum westliche Touristen und Businessreisende. Die vielen Landesküchen Chinas und heimischen Geschmäcker spielen also naturgemäß eine sehr große Rolle im Arbeitsalltag.

Hauptmarkt China

Deshalb hat jeder Casino-Komplex und jedes Hotel auch mindestens ein chinesisches Toprestaurant im Portfolio. Im Four Seasons ist es der kantonesische Fine-Dining-Tempel Zi Yat Heen, eine der besten Adressen für diese Regionalküche in Macau. Natürlich gibt es in dem gediegenen, in Gold- und Elfenbeintönen gehaltenen Gastraum exzellente Dim Sum, gleich mehrere Abalone-Gerichte oder klassisch mit Honig übergossenes, gegrilltes Schweinefleisch. Aber auch selbst entwickelte Signature Dishes wie gedämpfte Täubchenbrust mit gebackenem Yunnan-Schinken und als Begleitung eine Auswahl von über 1.000 Positionen auf der Weinkarte. „Der chinesische Markt verlangt diese traditionelle Küche auf höchstem Niveau“, erklärt dazu Lackner: „Gleichzeitig schätzen es die Gäste aber, wenn europäische Einflüsse aufgenommen werden – vor allem beim Dessert.“ Er entwickelt für das Zi Yat Heen deshalb modern angerichtete Fusion-Teller wie seine Interpretation des klassischen Mango-Puddings aus Hong Kong. Dafür kombiniert Lackner klassisch französische Elemente wie Kokosnuss-Tuiles und eine Ganache aus geschlagener weißer Schokolade mit glänzenden Mango-Passionsfrucht- Perlen und dem Crunch von giftgrünen, in der Mikrowelle kross gebackenen Pandan- Schwämmchen. Sie werden aus den Blättern der Pandan-Palme hergestellt, die blumig duften, nussige Anklänge haben und intensiv nach Vanille schmecken.

Klingt nach großem Dessert-Kino. Etwas anderes würde in einer Stadt allerdings auch kaum Beachtung finden, in der selbst die französischen Patisserie-Großmeister Pierre Hermé und Christophe Adam in eigenen Boutiquen werken. Generell macht das viele Geld der Casinos Macau zu einem Tummelplatz der Celebrity Chefs und ihrer Franchise-Konzepte. Alain Ducasse betreibt einen Zweisterner ganz oben im atemberaubenden Morpheus Hotel von Zaha Hadid und auch das Fine-Dining- Imperium des verstorbenen Jahrhundertkochs Joel Robuchon hat in der Kuppel des berühmten Grand Lisboa Casinos einen seiner weltweit besten Ableger.

Topverdienst

Wer trotz dieser drückenden Konkurrenz kulinarisch bestehen kann, verdient als Koch aus dem Ausland entsprechend. Executive Chefs kommen laut Reinhard Lackner auf 8.000 bis 12.000 Euro netto im Monat, Sous Chefs können bis zu 4.000 Euro verdienen. Um Steuern und Unterkunft kümmern sich dann meist noch die Arbeitgeber. Staatliche Abgaben sind aber im Steuerparadies Macau sowieso kein echter Verdienstfaktor. Auch sonst sind die Lebenshaltungskosten wesentlich niedriger als in anderen asiatischen Metropolen. Ein Drei-Zimmer- Apartment gibt es schon ab 1.200 Euro und ein großes Bier kostet fünf bis sechs Euro. Ums Geld sollte es Köchen aus dem Ausland aber sowieso nicht ausschließlich gehen, findet Reinhard Lackner: „Was wirklich zählt, ist, Erfahrungen zu machen. Das Geld ist für mich schon immer eher sekundär gewesen.“

Das sieht Matthias Knilling ähnlich. Der junge Koch aus dem bayerischen Mittenwald hat vor seinen mehr als zwei Jahren Macau schon in den Küchen von Christian Jürgens am Tegernsee und Mario Corti im Schloss Ellmau gearbeitet. „Mario hat mich damals davon überzeugt, dass eine Auslandserfahrung was für mich wäre, und mir mit der Bewerbung bei der Mandarin Oriental Group geholfen“, erinnert er sich. Die ersten sechs Monate als Executive Western Chef in Macau waren für ihn jedoch alles andere als einfach: „Mein Englisch war schlecht und ich hatte ein großes Team mit mindestens sechs verschiedenen Nationalitäten zu führen. Da galt es auch oft Konflikte zu schlichten. Hätte mir mein italienischer F&B-Direktor nicht sehr geholfen, hätte ich vielleicht sogar hingeschmissen“, meint er und ergänzt dann selbstbewusst: „Aber nach dem ersten halben Jahr lief es super und ich bin dadurch im Beruf und als Mensch enorm gewachsen.“

Fine-Dining-Endgegner

Das lag unter vielem anderen daran, dass Knilling sich trotz der in Macau üblichen Sechs-Tage-Woche die Zeit nahm, zu erkosten, was die Topadressen der Stadt zu bieten haben. „Besonders in den Drei-Sterne-Restaurants ist das unglaublich pompös. Geld spielt scheinbar keine Rolle“, sagt er und schildert dann, dass es etwa im Rebuchon Au Dome ganze acht Servierwagen für Butter, Brot, Käse und Desserts gibt. „Sowas kennt man sonst wohl nur noch in Paris selbst“, ist sich Knilling sicher.

Nicht nur wegen dieses Aufwands bezeichnen viele Foodie-Webseiten das Rebuchon in Macau als einen der definitiven Fine-Dining-Endgegner. Es gibt dort alle Klassiker des Franzosen in einer Qualität, als ob sie der Meister noch selbst kochen würde. Etwa den Impérial-Kaviar auf Königskrabben mit Krustentiergelee und leichter Blumenkohlcrème. Die Aromen des fein geschnittenen, dezent gewürzten Krabbenfleischs und des Kaviars ergänzen sich subtil und elegant. Alles greift ineinander, nichts dürfte fehlen. Ein Traum.

Kann man sich sowas als Normalsterblicher überhaupt leisten? Durchaus, meint Knilling: „Macau ist generell eine ganze Ecke günstiger als beispielsweise Hong Kong“, berichtet er. Das liegt neben den niedrigeren Grundstückspreisen auch daran, dass die Hotels und Casinos die Restaurants subventionieren. Ähnlich wie im Handel bei uns sollen die Gäste mit den Restaurants in die angrenzenden Casinos gelockt werden. Außerdem bedingt die große Konkurrenz, dass die F&B-Manager für Auslastung sorgen müssen. „Vor allem den Business Lunch gibt es deshalb selbst in den hochdekorierten Sternehäusern oft zum Kampfpreis. Im Rebuchon kostet er beispielsweise rund 90 Euro“, berichtet der erst 28-Jährige.

Da bleibt noch genug in der Tasche, um herauszufinden, wie chinesische Multi- Sterneküche schmeckt. Im Jade Dragon beispielsweise, wo nicht nur ein grandioser Tee-Sommelier für die Getränke-Begleitung sorgt, sondern auch gerne Kräuter aus der traditionellen chinesischen Medizin zum Einsatz kommen. So bei der zweifach aufgekochten Meeresschnecken-Suppe mit Yamswurzel und Goji-Beeren. Oder im The Eight, das berühmt für seine 40 verschiedenen Dim Sum ist. Die „Har Gow“ etwa, saftige Teigtaschen, die beim Hineinbeißen kristallblaue Garnelen preisgeben. Sie werden mit Goldfolien so arrangiert, dass sie Goldfischen ähneln, einem weiteren chinesischen Glückssymbol. Bei solcher Extravaganz im Plating wundert es nicht, dass chinesische High Roller hier auch gerne eine Magnum 1969er Vintage Krug für 10.000 Dollar bestellen.

Kulinarisch wagemutiger ist da das Sichuan Moon von André Chiang mit seiner modernen Interpretation der scharfen Sichuan-Küche im glamourösen Wynn Palace. Eines seiner Meisterwerke ist das „Ma Po Tofu“. Dafür werden vier in Konsistenz und Geschmack völlig unterschiedliche Stücke Tofu in eine Wagyu- Sauce gesetzt. Das Ganze bringt der Service in einem stark erhitzten Topf, der von 1.000 (!) Lorbeerblättern eingerahmt ist – ein irrer Aufwand.

Macanese Cuisine

Doch so beeindruckend die Teller auch sind: Jedes dieser Restaurants wird von einem großen Hotel oder Casino geführt. Eine Szene mit ambitionierten Lokalen von eigenständigen Gastronomen gebe es abseits von Streetfood-Ständen kaum, Resbestätigt auch Matthias Knilling, der mittlerweile in Hong Kong lebt. Fehlt Macau also eine eigene kulinarische Identität? Weit gefehlt. Denn Macau hat eine Stadtküche hervorgebracht, die sogar älter ist als ihr Wiener Pendant.

Eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser sogenannten „Macanese Cuisine“ ist Florita Alves. Sie betreibt mit ihren Söhnen im Taipa Village, das mit seinem kolonialen Häuserbestand entfernt an die Gassen Lissabons erinnert, das Restaurant La Famiglia. Anders als der italienische Name vermuten lässt, gibt es dort die Küche, die die Ehefrauen portugiesischer Seefahrer an der Küste Südchinas schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelten. Manche sagen, es sei das erste Fusion- Food der Welt. Denn in vielen tausend Kilometern Entfernung von der Heimat waren für die Kolonialisten und ihre Nachfahren seine Grundlagen zwar die Küchentechniken und Rezepte Portugals. Sie werden aber durch typisch kantonesische Zutaten ergänzt und bekommen durch den Einsatz der gesamten Gewürzvielfalt, die die portugiesischen Handelsrouten von Afrika bis Indien zu bieten hatten, einen ganz eigenen Dreh.

Ein gutes Beispiel dafür ist Galinha à Africana. Dieses „afrikanische Hühnchen“ ist ein wilder Mix der Einflüsse. Es wird zuerst mariniert, dann angebraten und schließlich in einer Art indischem Curry mit Kokosmilch, Koriander, Kurkuma, Erdnüssen und verschiedenen Gewürzen langsam fertig gegart. Ein wesentlicher Bestandteil sind dabei die Piri-Piri-Chilis, die einst über Mozambique und Angola den Weg nach Macau fanden. „Jeder kocht Galinha à Africana leicht anders“, meint dazu Florita Alves. „Denn Gerichte wie dieses werden seit Jahrhunderten nur in den Familien weitergegeben und haben ein Eigenleben entwickelt“, lacht sie.

Krisensicher?

Abseits des Cotai Strip gibt es in den letzten Jahren vermehrt Projekte, die diese authentische kulinarische und kulturelle Vergangenheit wieder mehr in den Fokus rücken sollen. Denn die COVID-Krise legt schonungslos offen, wie abhängig Macau vom Glücksspiel ist. „Aktuell dürfen kaum Touristen einreisen. Die Kontrollen sind da sehr streng“, erzählt dazu Hans Lee Rasmussen, dessen dänischer Vater als Seemann nach Macau kam und der heute Chef de Cuisine im Macao Institute for Tourism Studies ist. „Viele Ausländer aus dem mittleren Management, die nur ein Arbeitsvisum hatten, haben ihren Job schon verloren. Die Arbeitslosenquote ist von 1,7 % im Januar auf 2,9 % im Juni gestiegen“, schildert er die aktuelle Situation.

Trotzdem sei die Lage aber nicht aussichtslos. „Die Casinos können die Restaurants sicher noch eine Zeit am Leben erhalten. Das Management fokussiert sich dort jetzt auf ‚Staycation‘ genannte Sonderaktionen für die Bevölkerung Macaus. Außerdem hat die Regierung Steuererleichterungen verabschiedet und mehrere tausend Karten im Wert von rund 800 Euro an die Bevölkerung ausgegeben, die den Konsum in kleineren und mittleren Geschäften ankurbeln sollen.“

Auch Reinhard Lackner sieht die Gastroszene in Macau noch längst nicht mit dem Rücken zur Wand, obwohl er als Ausländer im Moment ebenfalls nicht einreisen darf. „Ich glaube, das ist wie bei einem Wasserhahn. Aktuell ist er zugedreht, aber man kann ihn auch schnell wieder aufdrehen“, meint er. Ein Indiz dafür sei, dass sein Arbeitgeber Four Seasons ihn auch in Österreich bezahlt und die Zwangspause nutzt, um ein Renovierungsprogramm durchzuziehen. Außerdem gebe es viele neue Hotelprojekte in der Stadt, meint Lackner und unterstreicht dann: „Macau wird weiter boomen. Da bin ich sicher.“

3 Konzepte: Macau Masterclass

Sichuan Moon

Scharfer Laden

Im Sichuan Moon von Andre Chiang wird offenkundig, wie stark sich chinesisches Fine Dining in den letzten Jahren von westlichen Ansätzen emanzipiert hat. Von der Decke baumelt zwar eine Lichtinstallation aus Muranoglas- Schmetterlingen, aber zu den 26 Gängen gewagter Sichuan-Küche nehmen die Gäste lieber die Tee- statt die Weinbegleitung. So kommen sie in den Genuss vieler rarer Pu Erhs oder des Pipacha, eines Oolong, der für sechs Monate in Weinfässern reift. Dazu gibt es zu Beginn heiß frittierten chinesischen Raupenpilz aus Tibet, Entenzungen, Schweineohr-Terrine und Wasabi-Tintenfisch. Chiang gelingt es bereits damit, den scharf-würzigen Geschmackskosmos der Sichuan-Küche auf nur einem Teller abzubilden. Es folgen Neuinterpretationen von Mapo Tofu bis Dan-Dan- Nudeln, die die Klassiker in einen völlig neuen Kontext stellen. Eines der interessantesten Konzepte in Macau.

Pierre Hermé Lounge

Prunkpatisserie

In der Boutique von Pierre Hermé in der Lobby des futuristischen Morpheus Hotels ist alles perfekte Inszenierung. Die Kreationen des Pariser Patissiers werden in einer offenen, kubistischen Edelstahlkuppel auf einem Tresen aus schneeweißem Carrara-Marmor unter Glas-Clochen präsentiert wie Diamant-Colliers in einem Juweliergeschäft. Darunter Klassiker wie sein „Isphahan“, ein Macaron mit Rosengeschmack, der mit Rosenblätter-Creme, Litschis und Brombeeren getoppt wird. Oder speziell fürs Morpheus entworfene Desserts wie das „Platinum“, das Schicht auf Schicht unterschiedliche Texturen und rare Schokoladenarten kombiniert. Wer dazu noch den Extra-Show-Effekt braucht, kann sich von den Patissiers spezielle Desserts direkt am Tisch anrichten lassen. Die Aufmerksamkeit der Passanten in der Halle ist dann garantiert.

António

Portugal in Asien

Das Restaurant António ist ein Beispiel dafür, wie viel portugiesische Kultur und Lebensart noch immer in Macau zu finden sind. Das mit einem Stern ausgezeichnete Lokal von Chefkoch David Abreu liegt in der Rua dos Clerigos in der Altstadt des ehemaligen Fischerdorfes Taipa, einem der ältesten Teile von Macau. Wer auf dem Weg zum Restaurant durch die engen Gassen schlendert, fühlt sich durch die bunten Häuser und das Treiben unweigerlich an Lissabon und sein mediterranes Leben erinnert. Diese Eindrücke setzen sich in dem engen Gastraum fort, der mit seinen bunten Kacheln, einem Fado zupfenden Gitarristen und authentischen Gerichten wie „Sardinhas Braseadas em Escabeche sobre tosta de Broa de Milho“ oder „Arroz de Tamboril com Gambas à António“, vergessen lassen, dass man sich eigentlich gerade an den Ufern des südchinesischen Meeres befindet.

„Die erste Fusion Cuisine kommt aus Macau“

Florita Alves kämpft seit Jahren für die Bewahrung der "Macanese Cuisine", einer Küche, die die Hausfrauen in der einstigen portugiesischen Kolonie schon seit Jahrhunderten zubereiten. FRISCH erklärt sie, warum sie überzeugt ist, dass sie den Titel der ersten Fusion-Küche der Welt verdienst. 

Außerhalb Asiens haben die wenigsten Menschen schon von „Macanese Cuisine“ gehört. Woher kommt diese Küche, Frau Alves?

Unsere Art zu kochen hat sich aus einer ganz speziellen historischen Situation heraus entwickelt. Als portugiesische Seeleute und Siedler vor fast 500 Jahren nach Macau kamen, vermissten sie die Gerichte aus ihrer alten Heimat. Ihre Frauen, die nicht nur aus Portugal, sondern auch aus Südchina oder anderen Ländern stammten, versuchten diese Gerichte mit den Möglichkeiten nachzuahmen, die sie vor Ort vorfanden. Das ergab eine Mischung aus portugiesischen, kantonesischen, malaysischen, indischen und afrikanischen Einflüssen, aus denen sich die ganz spezielle Küche dieser Stadt entwickelt hat.

Kann man also sagen, es war zuerst eine reine Hausfrauenküche?

Es gibt zwar aktuell immer mehr Profiköche, die sich auf die traditionellen Gerichte spezialisiert haben, aber in gewisser Weise schon. Viele der Rezepte, die ich heute in meinem Restaurant La Famiglia koche, wurden mir von Verwandten mündlich weitergegeben. Die Tante meines Mannes hatte allerdings sogar ein handgeschriebenes Kochbuch aus den 1850er Jahren. Damals wurden zwar noch keine Maßangaben verwendet, aber es gibt einen sehr guten Einblick in die klassischen Zutaten, Gewürze und Kochmethoden.

Könnten Sie da etwas mehr ins Detail gehen?

Die Kochmethoden sind meist von klassischen portugiesischen Gerichten beeinflusst. Es gibt zum Beispiel ganz anders als in Asien viele Schmorgerichte und Eintöpfe, auch Fisch und Meeresfrüchte spielen eine große Rolle. Bei einigen Gerichten werden außerdem Weißwein und Butter als Grundlage verwendet. Aber die meisten sonstigen Zutaten und auch die Kochutensilien sind aus Asien. Wir verwenden beispielsweises sehr oft den Wok.

Das wohl wichtigste Element sind aber die Gewürze. Eines, das besonders häufig vorkommt, ist Kurkuma. Man kennt es sonst eher aus Indien, aber die portugiesischen Seeleute brachten es von ihren Schiffsreisen zu anderen portugiesischen Kolonien mit nach Macau. Ein anderes Beispiel sind die Piri-Piri-Chilischoten, die ursprünglich aus den portugiesischen Kolonien Afrikas zu uns nach Macau gekommen sind.

Welche Gerichte sind für Sie besonders typisch für die „Macanese Cuisine“?

Ich würde sagen, dass „Minchi“ eines der Nationalgerichte Macaus ist. Das ist gemischtes Hackfleisch mit frittierten Kartoffelwürfeln, Zwiebeln und Sojasauce. Oft wird dazu auch noch ein Spiegelei als Topping serviert. Dieses Gericht gibt es hier an jeder Ecke. Portugiesisches Huhn ist eine meiner persönlichen Lieblingsspeisen. Dafür wird das Huhn in Kokosnuss-Milch geschmort und mit geriebenen Kokosnüssen und etwas Kurkuma serviert. In Portugal selbst wird man es auf keiner Speisekarte finden. Anders ist das bei Bacalhau. Aber auch bei dieser Vorspeise haben wir unsere macanesische Variante. Dafür wird gesalzener und getrockneter Kabeljau kleingeschnitten, zu Nocken geformt und in Kartoffelteig ausgebacken.

Klingt nach einer sehr speziellen Geschmackswelt. Wie lernt man, sich darin zurechtzufinden?

Ich habe schon immer gekocht und meiner Großmutter bei „Cha Gordos“ geholfen, das sind Familienfeste, bei denen es besonders reichhaltig und viel zu essen gibt. Meist kommt alles gemeinsam auf den Tisch. Zum Glück konnte ich dabei auch den authentischen Geschmack der „Macanese Cuisine“ von einigen der besten Köchinnen der Stadt kennenlernen und aufsaugen. Leider wird diese Tradition aber immer seltener fortgeführt, weil viele Frauen heute arbeiten gehen und nicht mehr die Zeit haben, die es braucht, um für so ein großes Familienfest zu kochen.

Heißt das nicht auch, dass es die typische Küche Macaus bald nicht mehr geben wird?

Das glaube ich nicht. Es gibt mittlerweile viele Institutionen wie beispielsweise die „Macanese Gastronomy Brotherhood“, die dafür sorgt, dass die Tradition bewahrt wird. Außerdem erkennt selbst die Stadtregierung mittlerweile, dass eine eigenständige Küche ein wichtiger Faktor für den Tourismus sein kann. Es gibt immer mehr Restaurants, die die typischen Gerichte anbieten, und mittlerweile auch einige Kochbücher. Ich finde, so kann Macau seinen Gästen eine gute und authentische Alternative zu den meist internationalen Küchen in den Casinos und Hotels bieten.

Frau Alves, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Florita Maria Natália de Jesus Morais Alves ist eine der bekanntesten Köchinnen der Macanese Cusine in Asien. Sie ist ein führendes Mitglied der „Macanese Gastronomy Brotherhood“ und betreibt mit ihren Söhnen das Restaurant La Famiglia im Stadtteil Taipa. Als Botschafterin der traditionellen Küche Macaus ist sie international sehr gefragt. Etwa im Rahmen gemeinsamer Events mit dem Sternerestaurant A Wong in London dem European Congress of Confraternities in Food and Wine in Portugal, Belgien und Ungarn oder ihrer Zusammenarbeit mit dem japanischen Fernsehsender NHK TV. Außerdem veranstaltet sie regelmäßig Cha-Gordo-Galas und unterrichtet am Institute for Tourism Studies Macau, beispielsweise im Rahmen der Macanese Gastronomy Week. Sie verfolgt damit das Ziel, die einzigartige gastronomische Kultur Macaus auch in der nachkolonialen Ära zu bewahren.